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Vier Grimmsche Märchen-Interpretationen:

1. Sterntaler - die Kraft des inneren Kindes

2. Der starke Hans - Teil 1: Hans sucht (s)einen Vater; Teil 2: Hans findet sich selbst und seine Braut

3. Die Gänsemagd - Überleben in der Fremde - 3 Interpretationen

4. Der alte Großvater und der Enkel - als Gottesdienstspiel mit dem Kinderspielkreis

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Pechvogel, Glückskind und Abraham

Zunächst ein kurzer Bibeltext: 1.Mose,1-4a: Der Herr sprach zu Abram: „Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden." Da zog Abram aus, wie der Herr zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog.

Soweit der Bericht über Abrahams Aufbruch.

Aufbrüche gibt es immer wieder im Leben: Da zieht eine Familie aus der Stadt aufs Land, da fängt einer beruflich etwas neues an, da kommt ein Kind zur Schule oder in den Kindergarten. Es ist auch ein Neuanfang, wenn ein Kind geboren wird oder wenn ich mich in jemanden verliebe. Selbst im Alter kann es noch zu Neuanfängen kommen. Karl-Heinz Böhm z.B. gründete seine Aktion „Menschen für Menschen" mit ca. 50 Jahren, und er wurde damit glücklich.

Auch Abraham bekommt Mut für seinen Neuanfang, und zwar träumt er von Gott, und Gott spricht zu ihm im Traum: „Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen." Was heißt das eigentlich - segnen und verfluchen? Dazu gibt das folgende Märchen ein paar hervorragende Antworten:

Pechvogel und Glückskind (gekürzt, nach Richard von Volkmann-Leander)

In einer kleinen Stadt, lebte einmal ein junger Mann, dem alles zum Unglück ausschlug, was er anfing. Sein Vater hatte Pechvogel geheißen, und so hieß er denn auch Pechvogel. Beide Eltern waren ihm früh gestorben, und die lange, dürre Tante, die ihn damals zu sich genommen hatte, prügelte ihn jedesmal, wenn sie aus der Messe kam. Da sie nun aber jeden Tag in die Kirche ging, so prügelte sie ihn eben auch alle Tage. Er hatte aber auch wirklich viel Unglück. Denn wenn er ein Glas trug, fiel es ihm gewöhnlich hin; und wenn er dann weinend die Scherben auflas, schnitt er sich stets in die Finger.

So ging es in allen Dingen. Zwar die lange Tante starb eines Tages, aber sein Unstern schien mit jedem Jahre immer mehr zuzunehmen. Da bemächtigte sich seiner eine große Traurigkeit, und er beschloss, in die weite Welt zu gehen. Schlechter kann‘s nimmer werden, dachte er; vielleicht wird‘s besser. Er steckte daher sein ganzes Geld in die Tasche und wanderte zum Tor hinaus.

Lustige Gesellen zogen oft genug singend an ihm vorüber und luden ihn ein, gemeinsam mit ihnen die Wanderschaft fortzusetzen. Doch er schüttelte jedesmal traurig den Kopf und sagte: "Ich passe nicht zu euch und würde euch nicht viel Glück bringen! Außerdem heiße ich Pechvogel!" Sobald sie diesen Namen hörten, wurden die lustigen Burschen ernsthaft und verlegen und machten sich eilends aus dem Staube. Erreichte er abends müde ein Wirtshaus und saß er an einer einsamen Ecke des Schanktisches, den Kopf in die Hand gestützt und vor sich den zinnernen Krug mit Wein, der nimmer leer werden wollte, so trat wohl zuweilen das Wirtstöchterlein leise zu ihm heran, tippte ihn auf die Schulter, so dass er sich erschrocken umdrehte, und fragte, warum er so traurig sei. Wenn er aber dann seine Geschichte erzählte oder gar seinen Namen nannte, schüttelte sie den Kopf, ging zu ihrem Spinnrad zurück und ließ ihn allein sitzen.

Nachdem Pechvogel mehrere Wochen lang gewandert war, ohne recht eigentlich zu wissen wohin, kam er eines Tages an einen wundervollen großen Garten, der von einem hohen, vergoldeten Geländer umgeben war. Durch das Geländer hindurch sah man uralte Bäume und niedriges Buschwerk, abwechselnd mit großen Rasenplätzen. Dazwischen schlängelte sich ein Bach, über den eine Menge kleiner Brücken führte. Zahme Hirsche und Rehe spazierten auf den gelben Sandwegen umher, kamen bis ans Gitter, streckten ihre Köpfe heraus und fraßen ihm das Brot aus der Hand. In der Mitte des Gartens aber sah man aus den Bäumen ein stattliches Schloss hervorragen. Die silbernen Dächer blitzten in der Sonne, und von den Türmen wehten bunte Fahnen und Banner. Er ging das Geländer entlang; endlich fand er einen großen, offenstehenden Torweg, von dem eine lange schattige Allee gerade auf das Schloss führte. Im Garten selbst war alles still; kein Mensch ließ sich sehen oder hören. Am Tor hing eine Tafel. Aha! dachte er, wie gewöhnlich! Wenn man an einem recht schönen Garten vorbeikommt, wo die Tore einladend offenstehen, dann hängt immer eine Tafel daneben, worauf steht, dass der Eintritt verboten ist. Zu seiner Überraschung stand weiter nichts auf der Tafel als: "Hier darf nicht geweint werden!" – "So, so", sagte er, "eine närrische Inschrift", zog das Taschentuch heraus und rieb sich ein wenig die Augen; denn er war nicht ganz sicher, ob nicht in einer Ecke irgendwo doch eine halbe Träne sitzengeblieben sei. Darauf trat er in den Garten ein. Der große breite Weg, der schnurstracks aufs Schloss zulief, machte ihn beklommen. Er schlug lieber einen Seitengang mitten zwischen hohen Jasmin- und Rosenhecken ein und gelangte in einen kleinen Wald, aus dem ein Weg mit vielen Windungen zu einem Hügel hinaufführte. Als er jetzt abermals um eine Ecke bog, lag die Spitze des Hügels vor ihm, und auf dem Hügel im Grase saß ein wunderschönes Mädchen.

Sie hatte eine goldene Krone auf dem Schoß, auf die sie fortwährend hauchte. Dann nahm sie ihre seidene Schürze, rieb die Krone mit ihr, und als sie sah, dass sie wieder ganz blank wurde, klatschte sie vor Freude in die Hände, strich sich ihre langen Haare hinter die Ohren und setzte sich die Krone wieder auf.

Den armen Pechvogel überfiel bei ihrem Anblicke eine sonderbare Angst. Sein Herz pochte so laut, als wenn es zerspringen wollte. Er trat hinter einen Busch und duckte sich nieder. Aber ein Zweig legte sich ihm gerade quer übers Gesicht. Und wie der Wind den Busch leise hin und her bewegte, kitzelte ihm ein Dorn fortwährend an der Nasenspitze herum, so dass er laut niesen mußte. Erschrocken drehte sich das Mädchen mit der Krone um und sah Pechvogel hinter dem Busche kauern.

"Warum versteckst du dich?" rief sie. "Willst du mir etwas Böses tun, oder fürchtest du dich vor mir?"

Da trat Pechvogel zitternd wie Espenlaub hinter dem Busche hervor.

"Du tust mir nichts!" sagte sie lachend. "Komm her, setze dich ein wenig zu mir; meine Gespielinnen sind alle fortgelaufen und haben mich allein gelassen. Du kannst mir etwas recht Hübsches erzählen, aber was zum Lachen! Hörst du? – Aber du siehst ja so traurig aus! Was fehlt dir denn? Wenn du kein so finsteres Gesicht machtest, wärst du wirklich ein ganz hübscher Mensch."

"Wenn du es haben willst", antwortete Pechvogel, "will ich mich wohl einen Augenblick zu dir setzen. Aber wer bist du denn? Ich habe ja mein Lebtag noch nie etwas so Schönes und Herrliches gesehen wie dich!"

"Ich bin die Prinzessin Glückskind, und dies ist meines Vaters Garten."

"Was machst du denn hier so allein?"

"Ich füttere meine Rehe und Hirsche und putze meine Krone."

"Und nachher?"

"Dann füttere ich meine Goldfische!"

"Und wenn du damit fertig bist?"

"Dann kommen meine Gespielinnen wieder, und dann lachen wir und singen und tanzen!"

"Ach, was du für ein glückseliges Leben führst! Und das geht so alle Tage?"

"Ja, alle Tage! Nun sage aber auch einmal, wer du bist und wie du heißt."

"Ach, allerschönste Prinzessin, verlangt nur das nicht von mir! Ich bin der allerunglücklichste Mensch unter der Sonne und habe den allerhässlichsten Namen."

"Pfui!" sagte sie, "ein hässlicher Name ist sehr hässlich! In meines Vaters Ländern gibt es einen, der heißt Entengrütze, und einen anderen, der heißt Fettfleck; du wirst doch nicht etwa so heißen?"

"Nein", antwortete er, "Entengrütze heiße ich nicht, auch nicht Fettfleck. Mein Name ist noch viel hässlicher. Ich heiße Pechvogel."

"Pechvogel? Das ist ja zum Totlachen! Kannst du denn keinen anderen Namen kriegen? Höre, ich will mir einmal einen recht hübschen Namen für dich ausdenken, und dann will ich meinen Vater bitten, dass er dir erlaubt, ihn zu tragen. Mein Vater kann alles, was er will; denn er ist König. Aber nur unter der Bedingung tu ich es, dass du ein ganz vergnügtes Gesicht machst. Nimm doch die Hand vom Gesicht; du musst dir nicht immer so an der Nase herumzupfen! Du hast eine ganz hübsche Nase und wirst sie dir noch ganz und gar verderben. Streich dir einmal die Haare aus der Stirn! So! Nun siehst du doch einigermaßen vernünftig aus. – Sage einmal, warum bist du eigentlich so traurig? Denn ich bin immer vergnügt, und jeder, mit dem ich rede, freut sich."

"Warum ich so traurig bin? Weil ich mein ganzes Leben traurig war und stets Unglück habe. Und du bist immer lustig? Wie fängst du das an?"

"Mich hat eine Fee über die heilige Taufe gehalten, der hatte mein Vater früher einmal einen großen Dienst erwiesen. Sie nahm mich auf den Arm, küsste mich auf die Stirn und sagte zu mir: ‚Du sollst immerdar fröhlich sein und alle Welt fröhlich machen. Wenn dich ein recht trauriger Mensch ansieht, soll er sein Unglück vergessen! Glückskind sollst du heißen!‘ – Dich aber hat wohl keine Fee geküsst?"

"Nein, nein!" antwortete er hastig, "niemals!"

Darauf wurde die Prinzessin sehr still und nachdenklich und sah ihn mit ihren großen blauen Augen so sonderbar an, dass es ihm eiskalt den Rücken hinunterlief. Dann hub sie wieder an:

"Ob es auch immer eine Fee sein muss? Eine Prinzessin ist auch etwas. Komm her, knie dich einmal hin; denn du bist mir zu groß."

Darauf trat sie vor ihn, gab ihm einen Kuss und lief lachend fort.

Ehe sich Pechvogel noch recht besinnen konnte, war sie verschwunden. Langsam stand er auf. Es war ihm, als wenn er aus einem Traum erwachte; und doch fühlte er, dass es kein Traum sein könne, denn eine wunderbare Fröhlichkeit war über sein Herz gekommen. "Wenn ich nur einen Hut hätte", sagte er, "dass ich ihn in die Luft werfen könnte. Vielleicht finge er an zu trillern und flöge als Lerche davon! Ich fühl mich so. Ich glaube wirklich, ich bin lustig. Das wäre doch zu merkwürdig." – Er pflückte sich noch einen großen Blumenstrauß im Garten und wanderte singend die Landstraße weiter.

Sobald er in die nächste Stadt kam, kaufte er sich ein rotsamtnes Wams mit Atlasschlitzen und einen Hut mit einer langen weißen Feder, besah sich im Spiegel und sagte: "Pechvogel heiße ich? Wir wollen doch sehen, ob ich nicht einen anderen Namen bekomme. Aber den schönsten, den es gibt, sonst nehm‘ ich ihn nicht an." Dann stieg er auf ein Pferd, gab ihm die Sporen, dass es lustig dahintanzte, und setzte seine Reise fort.

Prinzessin Glückskind aber, nachdem sie dem Pechvogel den Kuss gegeben hatte, lief und lief. Dann ging sie immer langsamer, und zuletzt setzte sie sich auf eine Bank nahe beim Schlosse und fing an, bitterlich zu weinen. Als ihre Gespielinnen zurückkehrten und sie fanden, weinte sie immer noch. Sie versuchten sie zu trösten, aber es half nichts. Da liefen sie in ihrer Angst zum König und riefen: "Um Gottes Willen, Herr König! Ein Unglück für das ganze Land! Prinzessin Glückskind sitzt im Garten und weint, und niemand kann ihr helfen." Als dies der König hörte, wurde er vor Schrecken blass und sprang eilig die Treppe in den Garten hinunter. Da saß die Prinzessin weinend auf der Bank und hatte die Krone auf dem Schoß, und es waren auf sie so viele Tränen gefallen, dass sie in der Sonne blitzte, als wenn sie mit tausend Diamanten besetzt wäre. Der König nahm seine Tochter in den Arm und tröstete sie und redete ihr zu; aber sie weinte immerfort. Er führte sie in das Schloss und ließ ihr aus dem ganzen Lande alles, was es nur Schönes und Kostbares gab, kommen; doch sie blieb traurig; und so oft er sie auch bat, ihm doch zu sagen, welch ein schweres Herzeleid ihr widerfahren sei, sie antwortete nicht. Aber der König fragte immer wieder, und zuletzt musste sie es sagen; und sie erzählte, wie sie im Garten gesessen und wie ein junger Mensch gekommen wäre, der so überaus traurig ausgesehen, und wie sie ihn geküsst hätte, um zu sehen, ob er dadurch nicht vielleicht etwas fröhlicher würde.

Da schlug der König die Hände über dem Kopf zusammen. "Einen fremden, hergelaufenen Menschen, wahrscheinlich einen ganz gewöhnlichen Handwerksburschen! Mit schlechten Kleidern; und noch dazu ohne Hut! Es ist unglaublich!"

"Er dauerte mich so sehr!"

"Ein hübscher Grund für eine Prinzessin, den ersten besten Strolch zu küssen! Und Pechvogel heißt er? Unerhört! Aber den Menschen muss ich haben, und wenn ich ihn habe, wird er geköpft. Das ist die allergeringste Strafe, die ihn treffen kann!"

Darauf befahl der König seinen Reitern, das Land nach allen Richtungen hin zu durchstreifen und nach dem armen Pechvogel zu fahnden. "Wenn ihr einen jungen Menschen findet, der aussieht, als hätten ihm die Mäuse das Brot weggefressen, und keinen Hut hat, der ist‘s! Den bringt ihr sofort hierher!" Und die Reiterdurchsuchten das ganze Land. Manche von ihnen kamen auch an Pechvogel vorbei, der in seiner vornehmen Kleidung stolz auf dem Pferde saß; aber sie erkannten ihn nicht, und die meisten von ihnen kehrten unverrichteterdinge in das Schloss zurück, wo sie der König zornig anfuhr und alberne, ungeschickte Menschen schalt, die zu gar nichts zu gebrauchen seien. Die Prinzessin aber blieb traurig wie zuvor und kam jeden Mittag mit verweinten Augen zu Tisch; und der König tat auch weiter nichts, als dass er immer wieder seine schöne, traurige Tochter ansah, und ließ darüber Suppe und Braten kalt werden.

So ging es Woche um Woche. Eines Tages jedoch entstand plötzlich ein Lärmen auf dem Schloßhofe. Alles lief zusammen, und ehe noch der König Zeit gehabt, ans Fenster zu treten, um nach der Ursache zu sehen, führten schon zwei Reiter den armen Pechvogel in sein Zimmer. Sie hatten ihm die Hände auf dem Rücken zusammengebunden, aber sein Gesicht strahlte, als wenn ihm in seinem Leben noch nie etwas Lieberes widerfahren wäre. Er verneigte sich vor dem Könige und richtete sich dann stolz auf, abwartend, was er über ihn beschließen würde.

"Wir haben den sauberen Vogel gefangen, Majestät!" sagte der ältere der beiden Reiter. "Er muss sich aber inzwischen gemausert haben; denn Eure Beschreibung passt wie die Faust aufs Auge! Gewiss hätten wir ihn auch nie gefunden, wenn uns nicht der dumme Tölpel, als wir im Wirtshaus mit ihm zusammentrafen, die ganze Geschichte selbst erzählt hätte. Und wisst ihr, was er getan hat, nachdem wir ihn gefangen und gebunden? Weitergelacht und weitergesungen! Und wie wir ihn auf sein Pferd gesetzt, zwischen unsere Pferde genommen und hierhergejagt? Geschimpft und gezankt, dass wir so langsam ritten! Als wenn er es nicht erwarten könne, bis er geköpft würde. Wenn das der traurigste Mensch in der ganzen Christenheit sein soll, Majestät, so möchte ich wohl den allerlustigsten sehen."

Als der König dies gehört, trat er vor Pechvogel mit gekreuzten Armen hin und sagte: "Also du bist der Mensch, der die Frechheit gehabt hat, sich von der Prinzessin küssen zu lassen?"

"Ja, Herr König! Und ich bin seitdem der allerglückseligste Mensch der Welt geworden!"

"Werft ihn in den Turm, er soll morgen geköpft werden!"

Hierauf führten die Reiter Pechvogel hinaus und in den Turm; der König aber ging mit langen Schritten in seinem Zimmer auf und ab. "Das ist ein schlimmer Handel", sagte er. "Haben tu ich ihn, und geköpft wird er; aber davon allein wird mein Glückskind nicht wieder lustig." Dann ging er leise bis an das Zimmer seiner Tochter, sah durchs Schlüsselloch, schüttelte den Kopf, ging wieder lange auf und ab und ließ endlich seinen Geheimen Rat kommen. Als dieser alles gehört, besann er sich und sagte:

"Ich weiß nicht, ob‘s hilft, aber man könnte es versuchen. Dass der Pechvogel vorher traurig war und jetzt lustig ist, ist sicher; ebenso, dass unsere schöne Prinzessin früher stets fröhlich war und nun fortwährend weint. Dass der Kuss daran schuld ist, ist doch sehr wahrscheinlich. Also, der Pechvogel muss der Prinzessin den Kuss wiedergeben. Majestät, das ist meine untertänigste Meinung!"

"Das ist ja ganz unmöglich", erwiderte der König ärgerlich, "und ganz gegen die Sitte meines Hauses!"

"Ew. Majestät müssen die Sache nur als Staatsakt betrachten, dann geht es wohl, und niemand kann etwas dagegen einwenden."

Der König überlegte sich die Angelegenheit noch etwas, dann sagte er: "Gut, wir wollen es versuchen. Rufe alle Grafen und Ritter ins Thronzimmer und lass den Gefangenen heraufführen!"

Darauf legte der König seine Staatskleidung an und nahm auf dem Throne Platz. Neben ihm stand die Prinzessin, der er gar nicht gewagt hatte zu sagen, weshalb er sie hatte rufen lassen, und um ihn herum in großem Kreise der ganze Hof; lauter vornehme Herren in goldgestickten Kleidern mit Sternen und Schärpen. Alles war ganz still. Da ging die Tür auf, und Pechvogel wurde hereingebracht.

"Du wirst morgen geköpft", fuhr ihn der König an, "aber zuvor wirst du augenblicklich und vor allen diesen edlen und erlauchten Herren meiner Tochter den Kuss wiedergeben, den sie dir unüberlegterweise gegeben hat!"

"Wenn Ihr nur das wünscht, Herr König", entgegnete Pechvogel, "so will ich es herzlich gern tun, und wenn es möglich ist, dass ein Mensch noch glücklicher werden kann, als ich es jetzt schon bin, so werde ich es gewiss werden!"

"Das wollen wir erst einmal sehen", unterbrach ihn der König barsch. "Diesmal könntest du dich verrechnet haben!"

Darauf schritt Pechvogel auf die Prinzessin zu, umarmte sie und gab ihr einen Kuss. Sie aber nahm seine Hand, sah ihn sehr freundlich an, und beide blieben vor dem Throne stehen.

"Bist du nun wieder vergnügt, meine liebe Tochter?" fragte der König.

"Ein klein bisschen, Herr Vater", entgegnete sie. "Aber es wird gewiss nicht lange vorhalten."

"Ja, ja!" sagte der König traurig, "ich sehe es schon. Er ist ja nicht wieder traurig geworden, wie es sein müsste, wenn‘s richtig wäre. Er steht ja noch immer da und lächelt und macht immer noch das unverschämt vergnügte Gesicht! Was nun anfangen?"

Da schlug die Prinzessin die Augen nieder und sagte leise: "Ich weiß es, Vater, und will es dir sagen; aber bloß ins Ohr."

Darauf ging der König mit der Prinzessin auf den Vorsaal, und wie sie wieder hereintraten, nahm er die Hand Pechvogels, legte sie in die der Prinzessin und sagte zu allen den versammelten Herren und Grafen:

"Es ist nicht zu ändern, Gottes Wille geschehe; dies ist mein lieber Sohn, der König wird, wenn ich einmal sterbe."

Und Pechvogel wurde Prinz und später König. Er wohnte in dem goldenen Schlosse und gab der Prinzessin so viele Küsse, dass sie noch viel fröhlicher wurde als zuvor. Prinzessin Glückskind aber schenkte ihm für seinen hässlichen Namen die allerschönsten; jeden Tag einen anderen. Nur zuweilen, wenn sie recht übermütig lustig war, sagte sie zu ihm: "Weißt du noch, wie du früher hießest?" und dann wollte sie sich totlachen. Er aber hielt ihr den Mund zu und sprach: "Still! was sollen die Leute denken, wenn sie es hören? Ich verliere ja allen Respekt!"

Einige Gedanken zum Märchen

Ja, an diesem Märchen können wir sehr schön sehen, was es heißt, wenn jemand verflucht ist: Pechvogel war am Anfang verflucht, alles ging schief. Und woher kam das? Weil er jeden Tag Schläge bekam, und weil keiner da war, der ihn liebte. Die Tante hatte ihn sozusagen durch ihre Schläge verflucht - sie ihrerseits war allerdings auch verflucht, obwohl sie jeden Tag zur Kirche ging, denn sie hatte keine Liebe in sich. Sehr klar wird hier deutlich, dass Gott nicht „aktiv" jemanden verflucht, der anderen das Leben schwer macht, sondern: wer ohne Liebe ist, der befindet sich schon in diesem bedauernswerten Zustand.

Und umgekehrt: das Prinzessin Glückskind war gesegnet, weil sie Freundinnen hatte, mit denen sie spielen konnte, und sie hatte liebevolle Eltern. Das ist der Segen, den ihr die Fee bei der Taufe geschenkt hatte, der sich aber ebenfalls „von selbst" einstellt, wenn Menschen liebevoll miteinander umgehen.

Wie kommt es aber dazu, dass Glückskind so traurig wurde? Ist hier auf einmal der Segen zu Ende, obwohl sie doch gerade etwas Liebevolles getan hat?

Nein! Als sie dem Pechvogel den Kuss gegeben hatte, da wurde sie allerdings traurig, doch wahrscheinlich hatte sie sich schon in ihn verliebt und bekam Liebeskummer, als er fortritt. Diese Traurigkeit hatte ein klares Ziel: Pechvogel musste her! Denn als er als Gefangener zurückkehrte und ihr den Kuss „zurückgab", da ging es ihr sofort wieder gut.

Wenn Gott also zu Abraham sagt: „Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein"; dann heißt das nichts anderes, als dass Abraham Menschen finden wird, die gut und freundlich zu ihm sind, wenn er zu ihnen gut und freundlich ist. Und umgekehrt gilt auch das Gegenteil. Und das ist so bis heute. Besonders dann wenn man zu neuen Ufern aufbricht.

Vier Märchen der Gebrüder Grimm:

1. Die Sterntaler - die Kraft des inneren Kindes

Es war einmal ein kleines Mädchen, dem waren Vater und Mutter gestorben, und es war so arm, dass es kein Zimmer mehr hatte, darin zu wohnen, und kein Bett mehr, darin zu schlafen, und endlich gar nicht mehr als die Kleider auf dem Leib und ein Stück Brot in der Hand, das ihm ein mitleidiger Mensch geschenkt hatte. Es war aber gut und fromm. Und weil es von aller Welt verlassen war, ging es im Vertrauen auf Gott hinaus.

Da begegnete ihm ein armer Mann, der sprach: "Ach, gib mir etwas zu essen, ich bin so hungrig." Das Mädchen reichte ihm das ganze Stück Brot und sagte: "Gott segne dir's", und ging weiter.

Da kam ein Kind, das jammerte und sprach: "Es friert mich so an meinem Kopfe, schenk mir etwas, womit ich ihn bedecken kann." Da nahm das Mädchen seine Mütze ab und gab sie ihm.

Und als das Mädchen noch eine Weile gegangen war, kam wieder ein Kind und hatte keinen Pullover an und fror: da gab es ihm seinen; und noch weiter, da bat ein Kind um einen Rock, den gab es auch von sich hin.

Endlich gelangte das Mädchen in einen Wald; und es war schon dunkel geworden: da kam noch ein Kind und bat um ein Hemd, und das Mädchen dachte: Es ist dunkle Nacht, da sieht dich niemand, du kannst wohl dein Hemd weggeben, und zog das Hemd ab und gab es auch noch hin.

Und wie das Mädchen so stand und gar nichts mehr hatte, fielen auf einmal die Sterne vom Himmel und waren lauter silberne harte Taler: und ob das Mädchen gleich sein Hemd weggegeben hatte, so hatte es ein neues an, und das war vom allerfeinsten Linnen. Da sammelte es die Taler hinein und war reich für sein Lebtag.

Interpretation:

Das innere Kind könnte gemeint sein in diesem Märchen. Nichts äußerliches, denn wörtlich genommen würde das Märchen sehr in die Irre führen wie so viele Märchen. Wer würde denn einem armen Waisenkind den Rat geben, alleine nachts loszugehen, alles zu verschenken und darauf zu hoffen, die Sterntaler vom Himmel zu bekommen? Nein, wörtlich genommen werden darf das Märchen nicht, wie so viele Texte. Aber wenn wir das kleine Mädchen als unser inneres Kind begreifen - wie wäre das?

Ist es nicht so, dass jeder von uns tief in sich so ein inneres Kind hat? Etwas Naives, Fröhliches, Freigiebiges, Spontanes steckt tief in uns verborgen und möchte doch ans Licht kommen. Und manchmal geschieht das wie in diesem Märchen dann, wenn alles andere kaputt ist - wenn Vater und Mutter gestorben sind, wenn kein Zimmer mehr da ist, um zu schlafen - alles das sind in dem Märchen Zeichen und Symbole - also wenn das Erwachsenen-Ich am Ende ist, die Klugheit und Vernunft keinen Weg mehr sieht, die Lebenspläne gescheitert sind, die äußerliche Karriere am Ende, dann ergreift plötzlich das innere Kind die Initiative und geht los.

Manchmal erzählen alte Männer von Erlebnissen aus der Kriegsgefangenschaft - ein Gefangenenlager ist an sich ja eine Situation der Demütigung, die man am liebsten vergisst - und doch gibt es da auch das genaue Gegenteil, Erinnerungen an Kameraden, die mit einem das letzte Stück Brot geteilt haben - wie dieses kleine Mädchen im Märchen, die einem das letzte Hemd geschenkt haben oder sogar das Bild der Verlobten aus der Heimat. Wenn ich solche Erinnerungen höre, dann spüre ich, dass hier das Fundament für ganz tiefe Freundschaften gelegt wurde, für echte Kameradschaft - und das sind die Sterntaler, die aus solchen Handlungsweisen entstehen, die uns dann geschenkt werden.

Dieses innere Kind verschenkt sich, es ist dann froh, wenn es abgeben kann - so gesehen ist das innere Kind ein göttliches Kind. Es kann in uns geboren werden, so wie es Paul Gerhard in einem Weihnachtslied gedichtet hat, wir können die Krippe sein für dieses Kind: „Eins aber, hoff ich, willst du mir, mein Heiland nicht versagen: dass ich dich möge für und für in, bei und mit mir tragen. So lass mich doch dein Kripplein sein; komm, komm und lege bei mir ein dich und all deine Freuden."

So, damit wären wir bei der Musik, und Musik ist auch etwas, was sich wie in diesem Märchen verschenkt, durch die Musik bekommen wir wieder etwas im guten Sinne Kindliches, Naives, und das verschenken wir - und wenn wir die Musik verschenken, dann bekommen wir die Sterntaler zurück, hier sind die Sterntaler die Ergriffenheit, die Verzauberung durch die Musik.Das alles, und noch viel mehr passiert, wenn das innere Kind, wenn unser inneres Kind aktiv wird - psychologisch gesagt: wenn wir in die Regression gehen - das geschieht, wenn wir kindlich fromm beten, uns an Gottes Vaterherz werfen, dann können wir Sterntaler des Glaubens und der Hoffnung bekommen, und noch mehr bekommen wir, wenn wir diesen Glauben und diese Hoffnung weiterverschenken - oder wenn wir in den Sternenhimmel schauen und dabei ins Träumen kommen. Es gibt so viele Sterntaler in dieser schönen Welt. Und so schwer zu finden sind sie vielleicht gar nicht.

Gebrüder Grimm: "Der starke Hans" - Teil 1: Hans sucht (s)einen Vater

Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die hatten nur ein einziges Kind und lebten in einem abseits gelegenen Tale ganz allein. Es trug sich zu, dass die Mutter einmal ins Holz ging, Tannenreiser zu lesen, und den kleinen Hans, der erst zwei Jahre alt war, mitnahm. Da es gerade in der Frühlingszeit war und das Kind seine Freude an den bunten Blumen hatte, so ging sie immer weiter mit ihm in den Wald hinein. Plötzlich sprangen aus dem Wald zwei Räuber hervor, packten die Mutter und das Kind und führten sie tief in den schwarzen Wald, wo jahraus, jahrein kein Mensch hinkam. Die arme Frau bat die Räuber inständig, sie mit ihrem Kind freizulassen, aber das Herz der Räuber war von Stein. Sie trieben sie mit Gewalt an, weiterzugehen. Nachdem sie etwa zwei Stunden durch Stauden und Dornen sich hatten durcharbeiten müssen, kamen sie zu einem Felsen, wo eine Tür war, an welche die Räuber klopften und die sich alsbald öffnete. Sie mussten durch einen langen, dunklen Gang und kamen in eine große Höhle, die von einem Feuer, das auf dem Herd brannte, erleuchtet war. An der Wand hingen Schwerter, Säbel und andere Mordgewehre, die in dem Lichte blinkten, und in der Mitte stand ein schwarzer Tisch, an dem vier andere Räuber saßen und spielten, und obenan saß der Hauptmann. Dieser kam, als er die Frau sah, herbei, redete sie an und sagte, sie sollte ruhig und ohne Angst sein, sie täten ihr nichts zuleid, aber sie müsste das Hauswesen besorgen, und wenn sie alles in Ordnung hielte, so sollte sie es nicht schlimm bei ihnen haben. Darauf gaben sie ihr zu essen und zeigten ihr ein Bett, wo sie mit ihrem Kind schlafen könnte.

Die Frau blieb viele Jahre bei den Räubern, und Hans ward groß und stark. Die Mutter erzählte ihm Geschichten und lehrte ihn in einem alten Ritterbuch, das sie in der Höhle fand, lesen. Als Hans neun Jahre alt war, machte er sich aus einem Tannenast einen starken Knüttel und versteckte ihn hinter das Bett; dann ging er zu seiner Mutter und sprach: „Liebe Mutter, sage mir jetzt einmal, wer mein Vater ist, ich will und muss es wissen." Sie wollte es ihm nicht sagen, damit er nicht das Heimweh bekäme. Sie wusste auch, dass die gottlosen Räuber den Hans doch nicht fortlassen würden.

In der Nacht, als die Räuber von ihrem Raubzug heimkehrten, holte Hans seinen Knüttel hervor, stellte sich vor den Hauptmann und sagte: „Jetzt will ich wissen, wer mein Vater ist, und wenn du mir’s nicht gleich sagst, so schlag ich dich nieder." Da lachte der Hauptmann und gab dem Hans eine Ohrfeige, dass er unter den Tisch kugelte. Hans machte sich wieder auf, schwieg und dachte: ,Ich will noch ein Jahr warten und es dann noch einmal versuchen.’ Als das Jahr herum war, holte er seinen Knüttel wieder hervor, wischte den Staub ab, betrachtete ihn und sprach: „Es ist ein tüchtiger, wackerer Knüttel." Nachts kamen die Räuber heim, tranken Wein, einen Krug nach dem anderen, und fingen an, die Köpfe hängen zu lassen. Da holte der Hans seinen Knüttel, stellte sich wieder vor den Hauptmann und fragte ihn, wer sein Vater wäre. Der Hauptmann gab ihm abermals eine so kräftige Ohrfeige, dass Hans unter den Tisch rollte, aber es dauerte nicht lange, so war er wieder oben und schlug mit seinem Knüttel auf den Hauptmann und die Räuber, dass sie Arme und Beine nicht mehr regen konnten. Die Mutter stand in einer Ecke und war voll Verwunderung über seine Tapferkeit und Stärke.

Als Hans mit seiner Arbeit fertig war, ging er zu seiner Mutter und sagte: „Jetzt ist’s mir ernst gewesen, aber jetzt muss ich auch wissen, wer mein Vater ist." „Lieber Hans", antwortete die Mutter, „komm, wir wollen gehen und ihn suchen, bis wir ihn finden." Sie nahm dem Hauptmann den Schlüssel zu der Eingangstür ab, und Hans holte einen großen Mehlsack, packte Gold, Silber, und was er sonst noch für schöne Sachen fand, zusammen, bis er voll war, und nahm ihn dann auf den Rücken. Sie verließen die Höhle, aber was tat Hans die Augen auf, als er aus der Finsternis hinaus in das Tageslicht kam und den grünen Wald, Blumen und Vögel und die Morgensonne am Himmel erblickte. Er stand da und staunte alles an, als wenn er nicht recht gescheit wäre.

Die Mutter suchte den Weg nach Haus, und als sie ein paar Stunden gegangen waren, so kamen sie glücklich in ihr einsames Tal und zu ihrem Häuschen. Der Vater saß unter der Tür, er weinte vor Freude, als er seine Frau erkannte und hörte, dass Hans sein Sohn war. Hans, obgleich erst zwölf Jahre alt, war doch einen Kopf größer als sein Vater. Sie gingen zusammen in das Stübchen, aber kaum hatte Hans seinen Sack auf die Ofenbank gesetzt, so fing das Haus an zu krachen, die Bank brach ein und dann auch der Fußboden, und der schwere Sack sank in den Keller hinab. „Gott behüte uns", rief der Vater, „was ist das? Jetzt hast du unser Häuschen zerbrochen." „Lasst euch keine grauen Haare darüber wachsen, lieber Vater", antwortete Hans, „da in dem Sack steckt mehr, als für ein neues Haus nötig ist." Sie fingen auch gleich an, ein neues Haus zu bauen, Vieh zu erhandeln und Land zu kaufen und zu wirtschaften. Hans ackerte die Felder, und wenn er hinter dem Pflug ging und ihn in die Erde hineinschob, so hatte die Stiere es fast nicht nötig, zu ziehen.

Interpretation: Der starke Hans findet (s)einen Vater

Es ist die Geschichte einer Familie, vielleicht sogar einer relativ modernen Familie.

Anfangsszene: Die Familie lebt isoliert: Das Kind hat keine Spielkameraden und keine Geschwister; die Mutter hat keine Freundinnen, Nachbarn oder Verwandte. Mutter und Kind sind aufeinander angewiesen, und das hat Folgen: die Frau verliert ihren klaren Verstand, und lässt sich durch das niedliche Kind dazu verlocken, aus Freude an den bunten Blumen zu weit in den Wald hineinzugehen, sie ist schutzlos den Machtgelüsten der Räuber ausgeliefert und wird mit dem Kind in die Räuberhöhle entführt.

Die Räuberhöhle: Wer sind die Räuber? Da hat die Frau zusammen mit dem Kind bunte Blumen entdeckt, da kommen zwei Männer und bringen sie und das Kind in eine Räuberhöhle. Die Räuberhöhle ist die Karikatur eines „Ehegefängnisses": die Frau muss „das Hauswesen besorgen und alles in Ordnung halten"; der Mann als Räuberhauptmann verbringt die Zeit mit seinen Kumpanen: tagsüber sind sie unterwegs auf Raubzügen, abends spielen und saufen sie.

Der Mann wird zum Räuber: Die kleine Familie unterliegt keiner sozialen Kontrolle. Hier wird gezeigt, was Männer mit Frauen machen können, wenn die Frauen ohne soziales Netz sind. Warum kann das so geschehen? Nehmen wir an, zunächst war die Beziehung zwischen Mann und Frau in Ordnung, so dass sie „Ja" zu Schwangerschaft und Kind sagen konnten und eine Familie gründeten. Doch für den Mann wird das erste Kind oftmals zum Problem, weil er die Frau jetzt mit dem Kind teilen muss, ja: für die Frau steht das Kind jetzt an der ersten Stelle. Der Mann wird eifersüchtig, ist voll negativer Gefühle zu Frau und Kind (ohne sich dieser Gefühle bewusst zu sein, weil er sie als „unpassend" verdrängt) und sucht sich seine Glücksgefühle im Kreis von „Kumpeln" (Sportgruppe, Motorradclub, Politik usw.. Es kann aber auch einfach die Karriere sein oder die besonders gewissenhaft ausgeführte Arbeit). - Weil die Beziehung zwischen Mann und Frau nicht mehr gut ist, belassen sie es bei dem einen Kind. - Fängt das Kind mit ca. zwei Jahren an, selbständiger zu werden, könnte die Frau ebenfalls selbständig werden, wenn sie bereit ist, das durchzukämpfen. Ist die Frau eher konfliktscheu (wie in dem Märchen), dann setzt sich der Räuber im Mann durch, und es kommt zu der Ehe, wo die Frau den Haushalt führt und der Mann allein die Außenkontakte hält und kontrolliert.

Die Mutter erzieht Hans: Sie erzieht ihn im positiven Sinne zum konfliktbereiten Mann, indem sie ihm Geschichten erzählt und Lesen und Schreiben beibringt, und das mit Hilfe eines Ritterbuches! Ein Ritter ist edel und tapfer, und er hat klare moralische Maßstäbe. Als Zeichen seiner Stärke macht sich Hans im Alter von neun Jahren aus einem Tannenast einen starken Knüttel (Knüppel). Jetzt, zu Beginn seiner Pubertät, ist ihm die Mutter nicht genug, er braucht einen wirklichen Vater und keinen „Räubervater". Als erstes fragt er deshalb die Mutter, wer sein Vater ist. Sie will es nicht sagen, damit seine Sehnsucht nach einer Alternative zur „Räuberfamilie" nicht zu groß wird. So weit, so schlecht. Doch Hans geht weiter. Er stellt sich vor den Räuberhauptmann und droht ihm Schläge an, um (s)einen wirklichen Vater zu finden.

Noch kann der Räuberhauptmann darüber lachen und ihn abweisen.

Hans provoziert den Vater: Ein Jahr später ist es anders. Hans hat genügend Kraft und Energie, dem Räuberhauptmann und den anderen Schläge zu versetzen, bis sie wehrlos sind. Die Mutter bewundert ihn heimlich dafür. Jetzt werden die Karten neu gemischt. Die Mutter (!) nimmt dem Räuberhauptmann den Schlüssel für die Haustür ab, Hans und sie nehmen ihren Anteil am Vermögen an sich, und sie beginnen neu, und in ihrem Häuschen treffen sie auf einen Mann und Vater, der sich partnerschaftlich verhält: er baut mit seinem Sohn ein neues Haus, sie erhandeln Vieh, kaufen Land und wirtschaften gemeinsam. So hat sich Hans seinen Vater vorgestellt und gewünscht. So kann er erwachsen werden.

Die Pubertät als Suche nach dem Vater als Partner: Spätestens in der Pubertät brauchen die Jungs einen Vater, der präsent ist und der mit ihnen partnerschaftlich umgeht. Die Gewaltbereitschaft der Jungen ist dabei der Versuch, aus dem oftmals unzureichenden Vater den wahren Vater heraus zu provozieren und so die Karten neu zu mischen. Das kann sehr schwierig sein, aber auch sehr befreiend. Das befreit dann auch die Frau aus ihrer Rolle als Hausmagd. Und es befreit den Vater aus seiner Rolle als Räuber. So jedenfalls ist es im Märchen. In der Realität setzt das eine starke elterliche Präsenz voraus, die darauf hinwirkt, die Gewalt einzudämmen und positive Beziehungen aufzubauen (vgl. die Ansätze von Haim Omer).

Gebrüder Grimm: "Der starke Hans" - Teil 2 - Hans findet sich selbst und seine Braut

In dem Märchen „Der starke Hans" wird zunächst erzählt, wie Hans hauptsächlich von seiner Mutter erzogen wird. Als Jugendlicher hatte Hans große Körperkräfte entwickelt, und nach längeren Konflikten wurde Hans der Arbeitspartner seines Vaters. Doch in dem einsamen Tal wurde es dem Hans dann zu eng. Und ab hier folgt der zweite Teil des Märchens:


Illustration: Wienke Treblin: Der starke Hans

Den nächsten Frühling sagte Hans: „Vater, behaltet alles Geld und lasst mir einen zentnerschweren Spazierstab machen, damit ich in die Fremde gehen kann." Als der verlangte Stab fertig war, verließ er seines Vaters Haus, zog fort und kam in einen tiefen und finstern Wald. Da hörte er etwas knistern und knastern, schaute um sich und sah eine Tanne, die von unten bis oben wie ein Seil gewunden war: und wie er die Augen in die Höhe richtete, so erblickte er einen großen Kerl, der den Baum gepackt hatte und ihn wie eine Weidenrute umdrehte. „He!", rief Hans, „was machst du da droben?" Der Kerl antwortete: „Ich habe gestern Reiswellen zusammengetragen und will mir ein Seil dazu drehen." „Das lass ich mir gefallen", dachte Hans, „der hat Kräfte", und rief ihm zu: „Lass du das gut sein und komm mit mir." Der Kerl kletterte von oben herab und war einen ganzen Kopf größer als Hans, und der war doch auch nicht klein. „Du heißest jetzt Tannendreher", sagte Hans zu ihm. Sie gingen darauf weiter und hörten etwas klopfen und hämmern, so stark, dass bei jedem Schlag der Erdboden zitterte. Bald darauf kamen sie zu einem mächtigen Felsen, vor dem stand ein Riese und schlug mit der Faust große Stücke davon ab. Als Hans fragte, was er da vorhätte, antwortete er: „Wenn ich nachts schlafen will, so kommen Bären, Wölfe und anderes Ungeziefer der Art, die schnuppern und schnuffeln an mir herum und lassen mich nicht schlafen, da will ich mir ein Haus bauen und mich hineinlegen, damit ich Ruhe habe." „Ei ja wohl", dachte Hans, „den kannst du auch noch brauchen", und sprach zu ihm: „Lass das Hausbauen gut sein und geh mit mir, du sollst der Felsenklipperer heißen!" Er willigte ein, und sie strichen alle drei durch den Wald hin, und wo sie hinkamen, da wurden die wilden Tiere aufgeschreckt und liefen vor ihnen weg.

Abends kamen sie in ein altes verlassenes Schloss, stiegen hinauf und legten sich in den Saal schlafen. Am andern Morgen ging Hans hinab in den Garten, der war ganz verwildert und stand voll Dörner und Gebüsch. Und wie er so herumging, sprang ein Wildschwein auf ihn los: er gab ihm aber mit seinem Stab einen Schlag, dass es gleich niederfiel. Dann nahm er es auf die Schulter und brachte es hinauf; da steckten sie es an einen Spieß, machten sich einen Braten zurecht und waren guter Dinge. Nun verabredeten sie, dass jeden Tag, der Reihe nach, zwei auf die Jagd gehen sollten und einer daheim bleiben und kochen, für jeden neun Pfund Fleisch. Den ersten Tag blieb der Tannendreher daheim, und Hans und der Felsenklipperer gingen auf die Jagd. Als der Tannendreher beim Kochen beschäftigt war, kam ein kleines altes zusammengeschrumpeltes Männchen zu ihm auf das Schloss und forderte Fleisch. „Pack dich, Duckmäuser", antwortete er, „du brauchst kein Fleisch." Aber wie verwunderte sich der Tannendreher, als das kleine unscheinbare Männlein an ihm hinaufsprang und mit Fäusten so auf ihn losschlug, dass er sich nicht wehren konnte, zur Erde fiel und nach Atem schnappte. Das Männlein ging nicht eher fort, als bis es seinen Zorn völlig an ihm ausgelassen hatte. Als die zwei andern von der Jagd heimkamen, sagte ihnen der Tannendreher nichts von dem alten Männchen und den Schlägen, die er bekommen hatte, und dachte: „Wenn sie daheim bleiben, so können sie’s auch einmal mit der kleinen Kratzbürste versuchen", und der bloße Gedanke machte ihm schon Vergnügen. Den folgenden Tag blieb der Steinklipperer daheim, und dem ging es gerade so wie dem Tannendreher, er ward von dem Männlein übel zugerichtet, weil er ihm kein Fleisch hatte geben wollen. Als die andern abends nach Haus kamen, sah es ihm der Tannendreher wohl an, was er erfahren hatte, aber beide schwiegen still und dachten: „Der Hans muss auch von der Suppe kosten." Der Hans, der den nächsten Tag daheim bleiben musste, tat seine Arbeit in der Küche, wie sich’s gebührte, und als er oben stand und den Kessel abschäumte, kam das Männchen und forderte ohne weiteres ein Stück Fleisch. Da dachte Hans: „Es ist ein armer Wicht, ich will ihm von meinem Anteil geben, damit die andern nicht zu kurz kommen", und reichte ihm ein Stück Fleisch. Als es der Zwerg verzehrt hatte, verlangte er nochmals Fleisch, und der gutmütige Hans gab es ihm und sagte, da wäre noch ein schönes Stück, damit sollte er zufrieden sein. Der Zwerg forderte aber zum drittenmal. „Du wirst unverschämt", sagte Hans und gab ihm nichts. Da wollte der boshafte Zwerg an ihm hinaufspringen und ihn wie den Tannendreher und Felsenklipperer behandeln, aber er kam an den unrechten. Hans gab ihm, ohne sich anzustrengen, ein paar Hiebe, dass er die Schlosstreppe hinabsprang. Hans wollte ihm nachlaufen, fiel aber, so lang er war, über ihn hin. Als er sich wieder aufgerichtet hatte, war ihm der Zwerg voraus. Hans eilte ihm bis in den Wald nach und sah, wie er in eine Felsenhöhle schlüpfte. Hans kehrte nun heim, hatte sich aber die Stelle gemerkt.

Die beiden andern, als sie nach Haus kamen, wunderten sich, dass Hans so wohlauf war. Er erzählte ihnen, was sich zugetragen hatte, und da verschwiegen sie nicht länger, wie es ihnen ergangen war. Hans lachte und sagte: „Es ist euch ganz recht geschehen, warum seid ihr so geizig mit eurem Fleisch gewesen, aber es ist eine Schande, ihr seid so groß und habt euch von dem Zwerge Schläge geben lassen." Sie nahmen darauf Korb und Seil und gingen alle drei zu der Felsenhöhle, in welche der Zwerg geschlüpft war, und ließen den Hans mit seinem Stab im Korb hinab. Als Hans auf dem Grund angelangt war, fand er eine Türe, und als er sie öffnete, saß da eine bildschöne Jungfrau, nein so schön, dass es nicht zu sagen ist, und neben ihr saß der Zwerg und grinste den Hans an wie eine Meerkatze. Sie aber war mit Ketten gebunden und blickte ihn so traurig an, dass Hans großes Mitleid empfand und dachte: „Du musst sie aus der Gewalt des bösen Zwerges erlösen", und gab ihm einen Streich mit seinem Stab, dass er tot niedersank. Alsbald fielen die Ketten von der Jungfrau ab, und Hans war wie verzückt über ihre Schönheit. Sie erzählte ihm, sie wäre eine Königstochter, die ein wilder Graf aus ihrer Heimat geraubt und hier in den Felsen eingesperrt hätte, weil sie nichts von ihm hätte wissen wollen: den Zwerg aber hätte der Graf zum Wächter gesetzt, und er hätte ihr Leid und Drangsal genug angetan. Darauf setzte Hans die Jungfrau in den Korb und ließ sie hinaufziehen. Der Korb kam wieder herab, aber Hans traute den beiden Gesellen nicht und dachte: „Sie haben sich schon falsch gezeigt und dir nichts von dem Zwerg gesagt, wer weiß, was sie gegen dich im Schild führen." Da legte er seinen Stab in den Korb, und das war sein Glück, denn als der Korb halb in der Höhe war, ließen sie ihn fallen, und hätte Hans wirklich darin gesessen, so wäre es sein Tod gewesen. Aber nun wusste er nicht, wie er sich aus der Tiefe herausarbeiten sollte, und wie er hin und her dachte, er fand keinen Rat. „Es ist doch traurig", sagte er, „dass du da unten verschmachten sollst."

Und als er so auf- und abging, kam er wieder zu dem Kämmerchen, wo die Jungfrau gesessen hatte, und sah, dass der Zwerg einen Ring am Finger hatte, der glänzte und schimmerte. Da zog er ihn ab und steckte ihn an, und als er ihn am Finger umdrehte, so hörte er plötzlich etwas über seinem Kopf rauschen. Er blickte in die Höhe und sah da Luftgeister schweben, die sagten, er wäre ihr Herr, und fragten, was sein Begehren wäre. Hans war anfangs ganz verstummt, dann aber sagte er, sie sollten ihn hinauftragen. Augenblicklich gehorchten sie, und es war nicht anders, als flöge er hinauf. Als er aber oben war, so war kein Mensch mehr zu sehen, und als er in das Schloss ging, so fand er auch dort niemand.

Der Tannendreher und der Felsenklipperer waren fortgeeilt und hatten die schöne Jungfrau mitgeführt. Aber Hans drehte den Ring, da kamen die Luftgeister und sagten ihm, die zwei wären auf dem Meer. Hans lief und lief in einem fort, bis er zu dem Meeresstrand kam, da erblickte er weit weit auf dem Wasser ein Schiffchen, in welchem seine treulosen Gefährten saßen. Und im heftigen Zorn sprang er, ohne sich zu besinnen, mitsamt seinem Stab ins Wasser und fing an zu schwimmen, aber der zentnerschwere Stab zog ihn tief hinab, dass er fast ertrunken wäre. Da drehte er noch zu rechter Zeit den Ring, alsbald kamen die Luftgeister und trugen ihn so schnell wie der Blitz in das Schiffchen. Da schwang er seinen Stab und gab den bösen Gesellen den verdienten Lohn und warf sie hinab ins Wasser; dann aber ruderte er mit der schönen Jungfrau, die in den größten Ängsten gewesen war, und die er zum zweiten Male befreit hatte, heim zu ihrem Vater und ihrer Mutter und ward mit ihr verheiratet, und haben sich alle gewaltig gefreut.

Interpretation: Hans findet sich selbst und seine Braut

Neben der eigentlichen Märcheninterpretation vergleiche ich den Weg von Hans mit ähnlichen Episoden der Jakobs- und Mosegeschichte aus der Bibel.

Hans geht von zu Hause fort, weg aus dem einsamen Tal, er fühlt sich stark mit seinem Eisenstab, er sucht zwei starke Mitstreiter; sie bilden eine Art WG. Sie gehen jagen. Hans geht ähnlich wie andere junge Männer, z.B. in der Bibel der junge Jakob und Mose, in die Fremde; er verdreifacht aufgrund von Erfolgserlebnissen seinen Glauben an die körperliche Stärke, ähnlich wie Jakob am Brunnen, wo er den Stein wegwälzt oder wie Mose, der die Hirten in die Schranken weist. Er macht Eroberungen aller Art (Fleisch = sexuelle, berufliche, sportliche Erfolge).

Aber es gibt ein Problem: Das kleine aggressive Männchen tritt auf. Es fordert Fleisch (Lebenskraft). Der erste Kumpel von Hans wehrt jeden Kontakt ab und ist daraufhin wehrlos den Aggressionen des Kleinen ausgeliefert. Er verheimlicht die peinliche Angelegenheit. Der Zwerg kann das Symbol sein für kleine alte, aber böse Erinnerungen aus der Kindheit, die immer wieder mal kurz durchbrechen und die Lebensqualität, das Glücksempfinden schmälern. Wer unangenehme Gefühle unterdrückt, der hat auch keinen Zugang zu wirklichen Glücksgefühlen. Es ist peinlich, darüber zu reden. - Auch bei Jakob kommt es später zu Problemen, und zwar bei dem Kampf am Jabbok. Bei Mose ist es die Auseinandersetzung mit Gott am brennenden Dornbusch.

Die Szene wiederholt sich beim zweiten Kumpel. Das zeigt die Dringlichkeit des Problems. Wiederholungen in Märchen oder in Träumen sind eine Betonung.

Bei Hans läuft es anders:Hans wehrt das Männchen nicht gleich ab. Erst als es maßlos wird (er sich tatsächlich ausgesaugt fühlt), sagt er Nein. Er kann sich wehren, kommt aber dann doch ins Stolpern, sieht den Zwerg in einer Felsenhöhle verschwinden. Hans selbst lässt einige der bösen Gefühle zu. Dadurch behält er im Gegensatz zu seinen Freunden einen Großteil seiner Stärke. Dennoch ist er sehr verunsichert (stolpert). Die Felsenhöhle erinnert Hans an etwas. Als Kind war er jahrelang in einer Felsenhöhle eingesperrt. Sein Vater (der Räuberhauptmann) hatte ihm keine Freiheiten gegeben. Hans hat jetzt den Zugang zur unangenehmen Vergangenheit gefunden.

Zu dritt gehen sie zur Felsenhöhle. Hilfsmittel sind: Korb und Seil. Hans lässt sich auf den Grund hinab, die beiden anderen bleiben an der Oberfläche. Auf dem Grund findet er die wunderschöne Jungfrau (eine Prinzessin), die von dem Zwerg gefangengehalten wird. Hans tötet den Zwerg und befreit die Jungfrau. Hans stellt sich den bösen Erinnerungen an seine Kindheit. Er lässt sich von den anderen helfen. Die Prinzessin ist das Symbol für seine eigene gefangengehaltene Seele, die er aus den Fesseln der Vergangenheit befreien kann, indem er symbolisch das Böse seiner Kindheit tötet. Das kann man heutzutage zum Beispiel im Psychodrama oder im pädagogischen Rollenspiel tun. Diese Tat der Befreiung ermöglicht eine Belebung des eigenen Gefühlslebens und bereitet so die Findung einer Partnerin vor.

Die Jungfrau ist deshalb nicht nur das Abbild der eigenen Seele, sondern zugleich das Urbild der Frau, in die sich Hans verlieben wird, weil er jetzt Gefühle empfinden kann. Die Frau, in die er sich verliebt, wird für ihn zur Prinzessin. - Bei Jakob und Mose ist die Reihenfolge anders. Da findet die Partnerwahl schon vor der tiefen Auseinandersetzung statt - beide Male jedoch verbunden mit einer Art Knechtschaft: Jakob ist Knecht bei Laban, Mose hütet die Schafe seines Schwiegervaters, während Hans den Weg in die Freiheit weitergeht.

Hans lässt die Jungfrau hinauf. Er selbst fährt nicht hinauf, da er etwas Hinterlistiges von seinen Kumpeln befürchtet. Tatsächlich versuchen sie, ihn umzubringen. Hans gibt der Seele Freiheit, er zeigt seine Seele. Das muss er tun, obwohl es höchst gefährlich ist, denn seine Macho-„Freunde" nützen das aus. Männer, die ihre Seele zeigen, gelten als Weicheier. Aber Hans ist kein Weichei. In seiner Einsamkeit wird er aktiv.

Wenn man die Prinzessin als reales Mädchen versteht, dann sind die Kumpels Konkurrenten, die sein Liebesobjekt zunächst in ihrer „Gewalt" haben (das Mädchen beteiligt sich zunächst an der „normalen" Männer-Kultur). Wenn Macho-Männer Konkurrenten werden, dann wird mit harten Bandagen gekämpft, auch mit Hinterlist.

Hans findet den Ring, der Macht über die Geister verleiht. Die Geister befreien ihn und helfen ihm, die Jungfrau zu finden. Er kann die bösen Kumpel vernichten und die Prinzessin heiraten. Der Ring symbolisiert die aktuelle Verbindung zur Welt des Göttlichen und des Spirituellen. Ähnlich wie bei Mose am Dornbusch und wie bei Jakobs Kampf am Jabbok entsteht durch diese aktivierte Verbindung zum Göttlichen eine neue Qualität der Stärke, so dass es zum siegreichen Kampf wie bei Mose kommen kann oder zur Versöhnung wie bei Jakob und Esau.

Hier ist die engste Ähnlichkeit des Märchens mit der Bibel. Die gemeinsame Botschaft lautet: Wirklich erwachsen werden Männer, indem sie sich 1. ihrer Stärke bewusst werden, dann 2. mit den Kränkungen der Kindheit auseinander setzen, 3. ihre Gefühle zulassen und zeigen und 4. in einen aktiven Kontakt zur Welt des Göttlichen kommen.

Grimms Märchen "Die Gänsemagd" - Überleben in der Fremde

Es lebte einmal eine alte Königin, der war ihr Gemahl schon lange Jahre gestorben, und sie hatte eine schöne Tochter. Wie die erwuchs, wurde sie weit über Feld an einen Königssohn versprochen. Als nun die Zeit kam, wo sie vermählt werden sollten und das Kind in das fremde Reich abreisen mußte, packte ihr die Alte gar viel köstliches Gerät und Geschmeide ein, Gold und Silber, Becher und Kleinode, kurz alles, was nur zu einem königlichen Brautschatz gehörte, denn sie hatte ihr Kind von Herzen lieb. Auch gab sie ihr eine Kammerjungfer bei, welche mitreiten und die Braut in die Hände des Bräutigams überliefern sollte, und jede bekam ein Pferd zur Reise, aber das Pferd der Königstochter hieß Falada und konnte sprechen. Wie nun die Abschiedsstunde da war, begab sich die alte Mutter in ihre Schlafkammer, nahm ein Messerlein und schnitt damit in ihre Finger, dass sie bluteten; darauf hielt sie ein weißes Läppchen unter und ließ drei Tropfen Blut hineinfallen, gab sie der Tochter und sprach: „Liebes Kind, verwahre sie wohl, sie werden dir unterwegs not tun."

Also nahmen beide voneinander betrübten Abschied; das Läppchen steckte die Köngstochter in ihren Busen vor sich, setzte sich aufs Pferd und zog nun fort zu ihrem Bräutigam. Da sie eine Stunde geritten waren, empfand sie heißen Durst und sprach zu ihrer Kammerjungfer: „Steig ab und schöpfe mir mit meinem Becher, den du für mich mitgenommen hast, Wasser aus dem Bache, ich möchte gern einmal trinken."

„Wenn Ihr Durst habt", sprach die Kammerjungfer, „so steigt selber ab, legt Euch ans Wasser und trinkt, ich mag Eure Magd nicht sein."

Da stieg die Königstochter vor großem Durst herunter, neigte sich über das Wasser im Bach und trank und durfte nicht aus dem goldenen Becher trinken. Da sprach sie: „Ach Gott!" Da antworteten die drei Blutstropfen: „Wenn das deine Mutter wüßte, das Herz im Leibe tät ihr zerspringen."

Aber die Königsbraut war demütig, sagte nichts und stieg wieder zu Pferd. So ritten sie etliche Meilen weiter fort, aber der Tag war warm, die Sonne stach, und sie durstete bald von neuem. Da sie nun an einen Wasserfluß kamen, rief sie noch einmal ihrer Kammerjungfer: „Steig ab und gib mir aus meinem Goldbecher zu trinken", denn sie hatte alle bösen Worte längst vergessen.

Die Kammerjungfer sprach aber noch hochmütiger: „Wollt Ihr trinken, so trinkt allein, ich mag nicht Eure Magd sein." Da stieg die Königstochter hernieder vor großem Durst, legte sich über das fließende Wasser, weinte und sprach: „Ach Gott!" Und die Blutstropfen antworteten wiederum: „Wenn das deine Mutter wüßte, das Herz im Leibe tät ihr zerspringen." Und wie sie so trank und sich recht überlehnte, fiel ihr das Läppchen, worin die drei Tropfen waren, aus dem Busen und floss mit dem Wasser fort, ohne dass sie es in ihrer großen Angst merkte.

Die Kammerjungfer hatte aber zugesehen und freute sich, dass sie Gewalt über die Braut bekäme; denn damit, dass diese die Blutstropfen verloren hatte, war sie schwach und machtlos geworden. Als sie nun wieder auf ihr Pferd steigen wollte, das da hieß Falada, sagte die Kammerfrau: „Auf Falada gehör ich, und auf meinen Gaul gehörst du", und das musste sie sich gefallen lassen. Dann befahl ihr die Kammerfrau mit harten Worten, die königlichen Kleider auszuziehen und ihre schlechten anzulegen, und endlich musste sie sich unter freiem Himmel verschwören, dass sie am königlichen Hof keinem Menschen etwas davon sprechen wollte; und wenn sie diesen Eid nicht abgelegt hätte, wäre sie auf der Stelle umgebracht worden.

Aber Falada sah das alles an und nahm's wohl in acht.

Die Kammerfrau stieg nun auf Falada und die wahre Braut auf das schlechte Ross, und so zogen sie weiter, bis sie endlich in dem königlichen Schloß eintrafen. Da war große Freude über ihre Ankunft, und der Königssohn sprang ihnen entgegen, hob die Kammerfrau vom Pferde und meinte, sie wäre seine Gemahlin; sie ward die Treppe hinaufgeführt, die wahre Königstochter aber musste unten stehenbleiben. Da schaute der alte König aus dem Fenster und sah sie im Hof halten und sah, wie sie fein war, zart und gar schön; ging alsbald hin ins königliche Gemach und fragte die Braut nach der, die sie bei sich hätte und da unten im Hofe stände, und wer sie wäre.

„Die hab ich mir unterwegs mitgenommen zur Gesellschaft; gebt der Magd etwas zu arbeiten, dass sie nicht müßig steht."

Aber der alte König hatte keine Arbeit für sie und wusste nichts, als dass er sagte: „Da hab ich so einen kleinen Jungen, der hütet die Gänse, dem mag sie helfen." Der Junge hieß Kürdchen, dem musste die wahre Braut helfen, Gänse hüten.

Bald aber sprach die falsche Braut zu dem jungen König: „Liebster Gemahl, ich bitt Euch, tut mir einen Gefallen." Er antwortete: „Das will ich gerne tun."

„Nun, so laßt den Schinder rufen und da dem Pferde, worauf ich hergeritten bin, den Hals abhauen, weil es mich unterwegs geärgert hat." Eigentlich aber fürchtete sie, dass das Pferd sprechen möchte, wie sie mit der Königstochter umgegangen war. Nun war das so weit geraten, dass es geschehen und der treue Falada sterben sollte, da kam es auch der rechten Königstochter zu Ohr, und sie versprach dem Schinder heimlich ein Stück Geld, das sie ihm bezahlen wollte, wenn er ihr einen kleinen Dienst erwiese. In der Stadt war ein großes finsteres Tor, wo sie abends und morgens mit den Gänsen durch musste, unter das finstere Tor möchte er dem Falada seinen Kopf hinnageln, dass sie ihn doch noch mehr als einmal sehen könnte. Also versprach das der Schindersknecht zu tun, hieb den Kopf ab und nagelte ihn unter das finstere Tor fest.

Des Morgens früh, da sie und Kürdchen unterm Tor hinaustrieben, sprach sie im Vorbeigehen:

„O du Falada, da du hangest",

da antwortete der Kopf:

„O du Jungfer Königin, da du gangest,
wenn das deine Mutter wüsste,
ihr Herz tät ihr zerspringen."

Da zog sie still weiter zur Stadt hinaus, und sie trieben die Gänse aufs Feld. Und wenn sie auf der Wiese angekommen war, saß sie nieder und machte ihre Haare auf, die waren eitel Gold, und Kürdchen sah sie und freute sich, wie sie glänzten, und wollte ihr ein paar ausraufen. Da sprach sie:

„Weh, weh, Windchen,
nimm Kürdchen sein Hütchen
und laß'n sich mit jagen,
bis ich mich geflochten und geschnatzt
und wieder aufgesatzt."

Und da kam ein so starker Wind, daß er dem Kürdchen sein Hütchen wegwehte über alle Land, und es musste ihm nachlaufen. Bis es wiederkam, war sie mit dem Kämmen und Aufsetzen fertig, und es konnte keine Haare kriegen. Da war Kürdchen bös und sprach nicht mit ihr; und so hüteten sie die Gänse, bis dass es Abend ward, dann gingen sie nach Haus.

Den andern Morgen, wie sie unter dem finstern Tor hinaustrieben, sprach die Jungfrau:

„O du Falada, da du hangest",

Falada antwortete:

„O du Jungfer Königin, da du gangest,
wenn das deine Mutter wüsste,
das Herz tät ihr zerspringen."

Und in dem Feld setzte sie sich wieder auf die Wiese und fing an, ihr Haar auszukämmen, und Kürdchen lief und wollte danach greifen, da sprach sie schnell:

„Weh, weh, Windchen,
nimm Kürdchen sein Hütchen
und laß'n sich mit jagen,
bis ich mich geflochten und geschnatzt
und wieder aufgesatzt."

Da wehte der Wind und wehte ihm das Hütchen vom Kopf weit weg, daß Kürdchen nachlaufen musste; und als es wiederkam, hatte sie längst ihr Haar zurecht, und es konnte keins davon erwischen; und so hüteten sie die Gänse, bis es Abend ward.

Abends aber, nachdem sie heimgekommen waren, ging Kürdchen vor den alten König und sagte: „Mit dem Mädchen will ich nicht länger Gänse hüten."

„Warum denn?" fragte der alte König.

„Ei, das ärgert mich den ganzen Tag." Da befahl ihm der alte König zu erzählen, wie's ihm denn mit ihr ginge.

Da sagte Kürdchen: „Morgens, wenn wir unter dem finstern Tor mit der Herde durchkommen, so ist da ein Gaulskopf an der Wand, zu dem redet sie:

,Falada, da du hangest’

da antwortet der Kopf:

,O du Königsjungfer, da du gangest,
wenn das deine Mutter wüsste,
das Herz tät ihr zerspringen.’"

Und so erzählte Kürdchen weiter, was auf der Gänsewiese geschähe und wie es da dem Hut im Winde nachlaufen müsste.

Der alte König befahl ihm, den nächsten Tag wieder hinauszutreiben, und er selbst, wie es Morgen war, setzte sich hinter das finstere Tor und hörte da, wie sie mit dem Haupt des Falada sprach; und dann ging er ihr auch nach in das Feld und barg sich in einem Busch auf der Wiese. Da sah er nun bald mit seinen eigenen Augen, wie die Gänsemagd und der Gänsejunge die Herde getrieben brachten und wie nach einer Welle sie sich setzte und ihre Haare losflocht, die strahlten von Glanz. Gleich sprach sie wieder:

„Weh, weh, Windchen,
nimm Kürdchen sein Hütchen
und laß'n sich mit jagen,
bis ich mich geflochten und geschnatzt
und wieder aufgesatzt."

Da kam ein Windstoß und fuhr mit Kürdchens Hut weg, dass es weit zu laufen hatte, und die Magd kämmte und flocht ihre Locken still fort, welches der alte König alles beobachtete. Darauf ging er unbemerkt zurück, und als abends die Gänsemagd heimkam, rief er sie beiseite und fragte, warum sie dem allem so täte?

„Das darf ich Euch nicht sagen und darf auch keinem Menschen mein Leid klagen, denn so hab ich mich unter freiem Himmel verschworen, weil ich sonst um mein Leben gekommen wäre."

Er drang in sie und ließ ihr keinen Frieden, aber er konnte nichts aus ihr herausbringen. Da sprach er: „Wenn du mir nichts sagen willst, so klag dem Eisenofen da dein Leid", und ging fort. Da kroch sie in den Eisenofen, fing an zu jammern und zu weinen, schüttete ihr Herz aus und sprach: „Da sitze ich nun von aller Welt verlassen und bin doch eine Königstochter, und eine falsche Kammerjungfer hat mich mit Gewalt dahin gebracht, dass ich meine königlichen Kleider habe ablegen müssen, und hat meinen Platz bei meinem Bräutigam eingenommen, und ich muss als Gänsemagd gemeine Dienste tun. Wenn das meine Mutter wüsste, das Herz im Leib tät ihr zerspringen." Der alte König stand aber außen an der Ofenröhre, lauerte ihr zu und hörte, was sie sprach. Da kam er wieder herein und hieß sie aus dem Ofen gehen. Da wurden ihr königliche Kleider angetan, und es schien ein Wunder, wie sie so schön war. Der alte König rief seinen Sohn und offenbarte ihm, dass er die falsche Braut hätte: Die wäre bloß ein Kammermädchen; die wahre aber stände hier als gewesene Gänsemagd.

Der junge König war herzensfroh, als er ihre Schönheit und Tugend erblickte, und ein großes Mahl wurde angestellt, zu dem alle Leute und guten Freunde gebeten wurden. Obenan saß der Bräutigam, die Königstochter zur einen Seite und die Kammerjungfer zur andern, aber die Kammerjungfer war verblendet und erkannte jene nicht mehr in dem glänzenden Schmuck. Als sie nun gegessen und getrunken hatten und gutes Muts waren, gab der alte König der Kammerfrau ein Rätsel auf, was eine solche wert wäre, die den Herrn so und so betrogen hätte, erzählte damit den ganzen Verlauf und fragte: „Welches Urteils ist diese würdig?" Da sprach die falsche Braut: „Sie ist nichts Besseres wert, als dass sie aus dem Lande gejagt wird."

„Das bist du", sprach der alte König, „und hast dein eigen Urteil gefunden, und danach soll dir widerfahren." Und als das Urteil vollzogen war, vermählte sich der junge König mit seiner rechten Gemahlin, und beide beherrschten ihr Reich in Frieden und Seligkeit.

1.Interpretation - Überleben in der Fremde

Ältere Frauen erzählen mir manchmal davon, wie schwer es früher war, von zu Hause wegzugehen, um dann in einen anderen Hof einzuheiraten - im Krieg wurden die Frauen oftmals gezwungen, auswärts zu arbeiten, dort lernten sie dann einen Mann kennen, und es wurde geheiratet.

Eine Frau erzählte mir: „Zu Hause, bei meiner Mutter, da hatte ich mich geborgen und sicher gefühlt". So richtig gut, wie die Prinzessin im Märchen am Anfang. Doch dann musste sie von zu Hause weg in die Fremde. Sie nahm etwas von zu Hause mit, eine Erinnerung an die Mutter, eine schöne kleine Handarbeit und ein Bild - ein Foto - des verstorbenen Vaters. Je weiter sie von zu Hause wegfuhr - mit einer Schmalspurbahn damals zuerst, später mit einer Normalspurbahn - desto unsicherer fühlte sie sich, ihre ursprüngliche Stärke, ihr Selbstwertgefühl schwand dahin.

Auf einem Bahnhof gab es einen längeren Aufenthalt, sie fragte einen Bahnbeamten, wo sie etwas Wasser bekommen konnte. Der antwortete unfreundlich und mit einem Dialekt, der ihr fremd vorkam: „Frollein, wo komm’ Sie’n her?"

Sie merkte, die Leute sprachen hier anders als zu Hause - zu Hause, bei ihrer Mutter, da beherrschte sie die Sprache, da konnte sie gut reden, da hörten ihr die anderen Leute zu - trotz ihrer jungen Jahre - und respektierten sie. Hier - so spürte sie - würde es schwer werden - und ohne es zu wollen und ohne es zu merken - wurde sie immer ängstlicher und schüchterner und kleiner.

Die Tränen traten ihr in die Augen, sie dachte an ihre Mutter und sagte zu sich selbst: „O, wie ist das alles furchtbar, wenn das meine Mutter wüsste, das Herz im Leibe tät ihr zerspringen." Sie fühlte sich schon jetzt nicht mehr als Prinzessin, sondern wie eine Magd, die herumgeschubst wurde. Aber darüber würde sie mit niemandem sprechen. Das tat man nicht, und frau sprach auch nicht über solche Gefühle. Sie hatte sich von einer Prinzessin in eine Magd verwandelt, allerdings nicht durch die Bosheit einer anderen Person, sondern sie trug diese beiden Möglichkeiten in sich selbst, und es war die äußerst schwierige Situation, die diese Wandlung verursacht hatte.

Endlich auf dem Hof angekommen, führte dort ein alter Bauer mit seinem jüngsten Sohn ein strenges Regiment - die Frau des Alten war gestorben, und die ältesten drei Söhne waren alle im Krieg gefallen, der Jüngste durfte deshalb auf dem Hof bleiben, aber es fehlte eine Frau, und deshalb hatten sie die junge Frau durch Dienstverpflichtung bekommen.

Die junge Frau fühlte sich unglücklich; sie hatte keine Freundin, keine Verwandte; sie hatte nur Pflichten: arbeiten, schaffen, die Erwartungen der Männer erfüllen. Arbeiten konnte sie gut; und der alte Bauer hoffte, dass es zwischen den jungen Leuten irgendwie klappen könnte, dann könnte es weitergehen mit dem Hof. Jeden Abend kam der alte Pfarrer zu dem alten Bauern auf Besuch, die beiden waren Freunde geworden, als das große Leid über den Hof gekommen war. Auch der alte Pfarrer hatte seine Hoffnungen für die Zukunft des Hofes, die junge Magd schien etwas sehr schüchtern zu sein, aber vielleicht könnte sich das ja ändern mit der Zeit, wenn das Heimweh nachließ. Der junge Bauer hatte inzwischen ein Auge auf die neue Magd geworfen, und deshalb legte er abends nach Feierabend, als es dunkel wurde, eines Tages den Arm um das fremde junge Mädchen.

Sie hatte in dem Moment das Bild ihres Vaters vor sich, der sie als Kind oft im Arm gehabt hatte; ihr Vater hatte sie wirklich geliebt und hatte alles für sie getan; und jetzt hörte sie in ihrem Inneren die Stimme ihres Vaters: „Du bist keine Magd, du sollst nicht einfach den anderen zu Willen sein, du bist ein eigenständiger Mensch!" Und plötzlich war sie gar nicht mehr schüchtern, sondern sie fauchte instinktiv den jungen Bauern an: „Nimm deine Hände weg, sonst schrei ich, dass der Pfarrer und der alte Bauer hier angelaufen kommen!" - Erschrocken ließ der junge Bauer von ihr ab und ging seiner Wege. Was in dem Märchen sehr märchenhaft geschildert wird mit dem Pferd Falada und mit dem Wind und mit dem Kürdchen sein Hütchen, das ist in der Wirklichkeit oft ein impulsiver Ausbruch aus dem Unterbewusstsein, der für die Umgebung zunächst völlig unverständlich ist.

Der alte Bauer bemerkte, wie am nächsten Tag sein Sohn der jungen Magd aus dem Wege ging. „Was ist los?" fragte der Alte. „Sie will nichts von mir wissen, sie behandelt mich wie einen kleinen Jungen", erwiderte der Sohn. Der Alte brummte und schüttelte den Kopf. Abends redete er mit dem Pfarrer.

„Ich will sehen, was sich machen lässt", erwiderte der und ging zu der jungen Frau. „Du siehst so traurig aus", sagte der Pfarrer zu ihr. „Irgendetwas scheint nicht in Ordnung zu sein." - „Darüber kann ich nicht sprechen", sagte sie. „Gewiss", erwiderte der Pfarrer, „es ist schwer, über sich selbst zu reden, aber zu mir darfst du alles sagen. Du darfst dir alles von der Seele reden, ich bin eine Amtsperson, ich schweige wie ein Grab." - Und da war es, als würde sich ein Wasserfall öffnen, die junge Frau erzählte alles, was ihr auf dem Herzen lag, ihr Heimweh, ihre Reise in die Fremde, von ihrer Mutter und ihrem Vater, von ihren Hoffnungen und Wünschen. Der Pfarrer brauchte nur zuzuhören, er merkte, wie gut sie reden konnte, ein bisschen fremdartig, aber richtig gut.

„Wie geht es dir jetzt?", fragte der Pfarrer, nachdem er ganz viel gehört hatte. „Besser!", antwortete sie; „ich fühle mich nicht mehr als Magd, sondern als Mensch, weil Sie mir zugehört haben." - „Gut", nickte der Pfarrer, und er ging zu den beiden Bauern und sagte zu ihnen: „ Dieses Mädchen ist keine Magd, und ihr dürft sie nicht als Magd behandeln, sondern als künftige Herrin, dann könnte es klappen mit der Zukunft für euch!" Das ist eine ungewöhnliche Botschaft des Märchens, wie wichtig das Reden auch und gerade über Dinge ist, die man in sich verschlossen hat. Da geschieht oftmals eine echte Befreiung.

Wie konnten die Bauern den Rat des Pfarrers befolgen? Wie kann man eine junge Frau als Herrin behandeln? Nun, von jetzt an sprachen die beiden Bauern mit der jungen Frau über alles mögliche, sie bezogen sie ein in die alltägliche Tagesplanung und die nachbarschaftlichen Probleme, die allgemeine Lage und eines Tages redeten sie auch über Gefühle füreinander. Und da sagte sie nicht mehr „Nein", sondern „Ja!"

Das Märchen erzählt auf symbolische und poetische Weise eine tiefe Wahrheit, die genauso ist, wie sie das christliche Evangelium uns mitteilt. Menschen werden krank und schwach, wenn sie nicht respektiert und wirklich geachtet und geliebt werden; und umgekehrt, wenn sie geachtet und geliebt werden, wenn man ihnen zuhört, sie sprechen lässt, sie als wertvoll behandelt, dann leben sie auf, und neue Zukunft ist möglich (sogar für einen Bauernhof).

2. Interpretation – anlässlich der Konfirmation 2008
Einleitung: Dies ist ein Märchen, wo ein junges Mädchen im Mittelpunkt steht. Das Thema lautet: Wie wird sie erwachsen? Junge Männer kommen aber auch vor.

1. Loslösung von der Mutter
Jungen Mädchen fällt es oft schwer, aus dem Haus zu gehen. Im Hotel Mama ist sie die Prinzessin, im Märchen die einzige Tochter, dort ist sie Stolz und Stütze der verwitweten Mutter.

Es ist sinnvoll, das zu tun, was vielen Ostfriesen schwer fällt: In die Fremde zu gehen. Die eigentliche Aufgabe ist, sich von der Mutter zu lösen. Das Mädchen nimmt Erinnerungsstücke mit: Blutstropfen von der Mutter sind dabei - vor allem aber die Werte und Normen der Mutter - wenn das deine Mutter wüsste, diesen Satz trägt sie in sich, und dieser Satz hat es in sich!

In der Fremde - das kann schon auf einer ostfriesischen Insel sein - verändert sich das Mädchen: Unsicherheit tritt an die Stelle der ursprüngliche Stärke; innere Kraft und Selbstbewusstsein schwinden.

2. Schwindendes Selbstbewusstsein
Die Leute reden in der Fremde anders als zu Hause die Mutter, sie erwarten etwas von euch, ihr müsst schaffen und funktionieren. Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Die Mutter war für euch die Verantwortliche - jetzt müsst ihr selbst die Verantwortung tragen.

Ihr fühlt euch jetzt nicht mehr als Prinzessin, sondern wie eine Magd, die herumgeschubst wird. Aber darüber sprecht ihr mit niemandem. Das tut man nicht und frau spricht auch nicht über solche Gefühle. Ihr habt euch von einer Prinzessin in eine Magd verwandelt, allerdings nicht durch die Bosheit einer anderen Person, sondern ihr tragt diese beiden Möglichkeiten in euch selbst, und es ist die äußerst schwierige Situation, die diese Wandlung verursacht. Nach außen hin tretet ihr weiterhin als stolze Frau hoch zu Pferd auf, aber ihr seid innerlich total verunsichert.

3. Ambivalenz des Stolzes
Das Pferd könnte ein Symbol für euren Stolz sein, für euer Selbstbewusstsein, für eure innere Stimme - dieser innere Stolz sagt euch immer wieder: du enttäuschst die Erwartungen deiner Mutter, wenn du nicht durchhältst, das Herz im Leibe täte ihr zerspringen. Diese Stimme versucht ihr einerseits zum Schweigen zu bringen, andererseits gehört sie zu euch und kommt deshalb immer wieder durch.

4. Der richtige Typ Mann
Ihr fühlt euch unglücklich; ihr habt keine Freundin, keine Verwandte; seid allein. Einsam. Die Spielchen mit jungen Männern helfen euch in dieser Situation wenig. Es bringt nichts, eure wunderschönen Haare zu zeigen; klar: Kürdchen reagiert darauf, aber diese Reaktion erscheint euch dann albern wie Kürdchen mit seinem Hütchen, den ein Windstoß völlig aus dem Konzept bringt. Der junge naive Kurt kann nicht verstehen, dass ihr in dem Moment, wo er sich euch nähert, euch berührt, dass ihr ihn da abweist, weil ihr in eurer Lage von einem Mann etwas anderes braucht.

Wenn ein Mann sich so naiv verhält, dann taucht in euch das Bild Faladas auf, eure innere Stimme, euer Stolz, der euch sagt: „du bist keine Magd, du sollst nicht einfach den anderen zu Willen sein, du bist ein eigenständiger Mensch!“ Dann in diesem Moment seid ihr gar nicht schüchtern, sondern abwehrbereit. Was in dem Märchen sehr märchenhaft geschildert wird mit dem Pferd Falada, das ist in der Wirklichkeit oft ein impulsiver Ausbruch, der für die Umgebung völlig unverständlich ist.

Ihr braucht nicht einen Mann, der nur eure Reize toll findet wie Kürdchen, sondern jemand, der aufmerksam ist und auf euch achtet. Im Märchen ist es ein älterer, weiser Mensch wie der alte König. Das ist jedoch wieder als Symbol zu verstehen. Es kann auch ein junger Mann sein, der sich so verhält, der versteht, dass ihr in euch zwiespältig seid, dass ihr euch wie eine Dienerin fühlt und doch auch sehr viel in euch steckt.

Es ist ungemein wichtig, dass ihr die gewaltigen Gefühle loswerden könnt, die in euch brodeln - oft geht das nicht über direktes Zuhören, sondern ihr braucht einen geschützten Raum wie diesen Eisenofen im Märchen. Der Ofen ist wie ein Brutkasten, wo ihr etwas Neues ausbrütet, dort wandelt ihr euch zu einer neuen Persönlichkeit. Ein solcher Brutkasten kann heutzutage z.B. ein Tagebuch sein, der Computer, eine Therapie oder Seelsorge; jedenfalls eine Situation, wo ihr ganz bei euch selbst seid - und dann hinterher, wenn ihr eure Gedanken losgeworden seid, dann spürt ihr, dass es gut sein kann, sie einem Mann zu geben, dem ihr vertrauen könnt. Wenn er sorgsam damit umgeht, dann kann er für euch zum Prinzen werden und ihr für ihn zur Prinzessin. Dann entsteht echte, tiefe Liebe.

Das ist eine sehr klare Botschaft des Märchens, wie wichtig das Reden auch und gerade über Dinge ist, die man in sich verschlossen hat. Aber dafür braucht man wirklich einen geschützten Raum. Da geschieht oftmals eine echte Befreiung.
Das Märchen erzählt auf symbolische und poetische Weise eine tiefe Wahrheit, die genauso ist, wie sie das christliche Evangelium uns mitteilt. Menschen werden krank und schwach, wenn sie nicht respektiert und wirklich geachtet und geliebt werden; und umgekehrt, wenn sie geachtet und geliebt werden, dann leben sie auf, und neue Zukunft ist möglich. Amen.

Die Gänsemagd – 3. Interpretation
Märchentext: Aber der alte König hatte keine Arbeit für sie und wusste nichts, als dass er sagte: „Da hab ich so einen kleinen Jungen, der hütet die Gänse, dem mag sie helfen." Der Junge hieß Kürdchen, dem musste die wahre Braut helfen, Gänse hüten. Bald aber sprach die falsche Braut zu dem jungen König: „Liebster Gemahl, ich bitt Euch, tut mir einen Gefallen." Er antwortete: „Das will ich gerne tun." „Nun, so laßt den Schinder rufen und da dem Pferde, worauf ich hergeritten bin, den Hals abhauen, weil es mich unterwegs geärgert hat." Eigentlich aber fürchtete sie, dass das Pferd sprechen möchte, wie sie mit der Königstochter umgegangen war. Nun war das so weit geraten, dass es geschehen und der treue Falada sterben sollte, da kam es auch der rechten Königstochter zu Ohr, und sie versprach dem Schinder heimlich ein Stück Geld, das sie ihm bezahlen wollte, wenn er ihr einen kleinen Dienst erwiese. In der Stadt war ein großes finsteres Tor, wo sie abends und morgens mit den Gänsen durch musste, unter das finstere Tor möchte er dem Falada seinen Kopf hinnageln, dass sie ihn doch noch mehr als einmal sehen könnte. Also versprach das der Schindersknecht zu tun, hieb den Kopf ab und nagelte ihn unter das finstere Tor fest.

Des Morgens früh, da sie und Kürdchen unterm Tor hinaustrieben, sprach sie im Vorbeigehen: „O du Falada, da du hangest", da antwortete der Kopf:

„O du Jungfer Königin, da du gangest,
wenn das deine Mutter wüsste,
ihr Herz tät ihr zerspringen."

Da zog sie still weiter zur Stadt hinaus, und sie trieben die Gänse aufs Feld. Und wenn sie auf der Wiese angekommen war, saß sie nieder und machte ihre Haare auf, die waren eitel Gold, und Kürdchen sah sie und freute sich, wie sie glänzten, und wollte ihr ein paar ausraufen. Da sprach sie:

„Weh, weh, Windchen,
nimm Kürdchen sein Hütchen
und laß'n sich mit jagen,
bis ich mich geflochten und geschnatzt
und wieder aufgesatzt."

Und da kam ein so starker Wind, daß er dem Kürdchen sein Hütchen wegwehte über alle Land, und es musste ihm nachlaufen. Bis es wiederkam, war sie mit dem Kämmen und Aufsetzen fertig, und es konnte keine Haare kriegen. Da war Kürdchen bös und sprach nicht mit ihr; und so hüteten sie die Gänse, bis dass es Abend ward, dann gingen sie nach Haus.

Vorbemerkung: Bei den beiden ersten Auslegungen habe ich den Teil des Märchens, wo die Prinzessin mit Kürdchen die Gänse hütet, nicht konkret interpretiert, das hole ich hiermit nach:

1.: der kleine Junge, das Kürdchen, ist der junge Mann in der Rolle, der er nicht gewachsen ist – so fühlt er sich, wenn er sein wirkliches Ich anschaut: klein und jungenhaft. Er hütet Gänse, d.h. er hält seine tierischen/sexuellen Impulse in Schach. Das ist zumindest seine Aufgabe. Das ist seine „königliche“ Sozialisation. Junge Männer lernen dadurch aber überhaupt nicht, heldenhaft zu werden. Die Prinzessin braucht keinen Hütejungen, sondern einen Prinzen, einen Helden, der sie als Prinzessin bewundert.

2.: die falsche Prinzessin – das ist die junge Frau in einer Rolle, der sie nicht gewachsen ist. Sie versucht, die Rolle der liebenden Ehefrau zu spielen, fühlt sich dabei als Hochstaplerin und hat totale Angst, dass ihre Hochstapelei sichtbar wird. Ihre innere Wahrheitsliebe, ihr Stolz, ihre Feurigkeit und Leidenschaft, das was sie von ihrer Mutter geerbt hat, das könnte ihr bei ihrem Rollenspiel einen Strich durch die Rechnung machen, befürchtet sie, und deshalb will sie ihr inneres Pferd umbringen lassen. Die Erwartungen der anderen bringen ihr wahres Ich um. Jedenfalls vorerst.

3. die wahre Prinzessin, die nur noch im Untergrund lebt, will sich schützen, indem sie die Erinnerung an den Stolz, an die Wertschätzung der Mutter „unter das finstere Stadttor nagelt“, d.h. vor den Ort der Begegnung mit dem Mann. „Unten und finster“ deutet an, dass es bei ihr im Untergrund stattfindet, es ist ihr nicht bewusst, dass ihr diese Erinnerungen die Begegnung mit dem Mann überlagern.

Die Begegnung findet auf der Wiese statt, sie öffnet brav ihre Haare, er möchte sie erobern, sie dagegen will ihn nicht ranlassen, empfindet das als jungenhaften Übergriff. So einem kleinen Jungen will sie sich nicht hingeben. Sie wehrt sich, indem sie einen Zauberspruch spricht, der verwandelt sie (nicht ihn) in ein unnahbares, aggressives Weib, das einen starken Wind (eine starke kalte Ausstrahlung) in Richtung Mann sendet und ihm seinen Hut vom Kopf weht (seinen Schutz vor Kälte, Sturm, Regen, Hitze). Sie ist ihm kopfmäßig überlegen und nützt das aus. Er kann nur noch seinen Schutz suchen, d.h. um seine Fassung ringen, ein total frustrierendes Unternehmen für ihn. (Bei der Jesusgeschichte von der Sturmstillung ist es übrigens genau umgekehrt, da bewirkt Jesus' Ausstrahlung von großer Ruhe, dass die Panik, der Sturm bei seinen Jüngern sich legt.)

4. Nicht sie löst die Situation, sondern der junge Mann, indem er sich beim „alten König“ beklagt. Der „alte König“, d.h. der lebenserfahrene, weise Anteil im Mann bringt sie, die verkannte Prinzessin zum Reden. Wenn der Prinz diese Anteile in sich trägt und zum Zuge kommen lässt, dann gewinnt er das Herz der Prinzessin. Dabei verwandelt sie sich für ihn aus der Gänsemagd in die echte Prinzessin, die nicht mehr nur eine Rolle spielt, und er verwandelt sich für sie aus dem Kürdchen in einen wahren Prinzen, der als Held sie mit all ihren Macken versteht und erträgt.

4. Der alte Großvater und der Enkel - Gottesdienstspiel mit Kinderspielkreis

Spielkreis steht vor dem Altar.

Erzähler: Es war einmal ein kleiner Junge. Ein kleiner Junge stellt sich vor die Gruppe. Der war viel allein. Er hatte keinen Bruder und keine Schwester. Und wenn er allein war, dann sang er am liebsten das Lied von der Schnecke.

Alle singen Schneckenlied 1.Strophe.

Ich bin die kleine Schnecke und hab ein Haus,
in dem ich mich verstecke und komm nicht raus.
Schneck, Schneck, komm heraus, strecke deine Fühler aus!

Erzähler: Der kleine Junge war viel allein. Aber er hatte einen Großvater, einen Opa, der war schon sehr alt. Großvater kommt langsam vor die Gruppe (mit Stock). Der Großvater wohnte mit bei dem Jungen im Haus. Er sah dem kleinen Jungen am liebsten zu, wenn er spielte, und hörte ihn gerne singen. Auch der Großvater sang gern das Schneckenlied.

Alle singen Schneckenlied 1.Strophe.

Erzähler: Manchmal machten sie ein Spiel. Dann sang der kleine Junge das Schneckenlied zuerst alleine, und er machte sich ganz klein und hielt die Hände vor die Augen, und dann sang der Großvater „Schneck, Schneck, komm heraus!" Und dann kam der Junge zum Großvater gelaufen und sie umarmten und drückten sich. Jetzt singen die Kinder den Anfang vom Schneckenlied und alle Erwachsenen singen „Schneck, Schneck, komm heraus!"

Alle singen Schneckenlied 1.Strophe im Wechsel.

Erzähler: Nach einiger Zeit sang der Großvater eine zweite Strophe.

Erwachsene singen 2.Strophe: Ich bin die große Schnecke und hab ein Haus, in dem ich mich verstecke und komm nicht raus.
Schneck, Schneck, bleibt im Haus, hat viel Angst und kommt nicht raus!

Erzähler: Und der kleine Junge konnte auch bald diese zweite Strophe singen.

Alle singen die 2.Strophe.

Erzähler: Und weil es ihnen so viel Spaß machte, dichtete der Großvater noch eine 3.Strophe, und die sangen sie dann auch zusammen.

Alle singen Schneckenlied 3.Strophe.

Wir sind Familienschnecken und ham ein Haus,
in dem wir uns verstecken und komm’n nicht raus.
Schneck, Schneck, komm’n heraus, wir sind frei, komm’n aus dem Haus!

Erzähler: Doch eines Tages passierte etwas! Es war beim Essen. Die Familie saß zusammen am Tisch: Der Vater, die Mutter, der alte Großvater und der kleine Junge. Vater, Mutter, Großvater  und kleiner Junge setzen sich an einen Tisch. Der alte Großvater hatte zittrige Hände. Er kleckerte bei der Suppe. Da sagte die Mutter:

Mutter: Ich kann so nicht essen, wenn du so kleckerst, Opa. Es ist besser, wenn du alleine dort hinten deine Suppe schlürfst. Bei dir dauert es ja sowieso immer länger.

Großvater: Ja, ja, ich geh ja schon.

Erzähler: Der Großvater ging nach hinten und musste jetzt alleine essen. Doch ihm schmeckte das Essen nicht mehr. Er sang traurig vor sich hin.

Großvater singt alleine: Ich bin die kleine Schnecke und hab ein Haus, in dem ich mich verstecke und komm nicht raus.

Erzähler: Als der kleine Junge das hörte, sang er zu seinem Großvater hin:

Kleiner Junge singt alleine: Schneck, Schneck, komm heraus, strecke deine Fühler raus.

Erzähler: Aber am nächsten Tag passierte noch etwas. Weil der Großvater so zittrig war, fiel ihm sein Porzellanteller herunter.

Man hört, wie Geschirr kaputt fällt.

Mutter schimpft: Das gute Porzellan! Das war ein Erbstück von Oma! Und du hast es kaputt gemacht! Das geht so nicht weiter. Du bekommst den Holzteller! Der bleibt heil, auch wenn er runterfällt! Hier, dein Holzteller!

Erzähler: So geschah es. Der Großvater saß nun auch beim Essen allein und musste von einem Holzteller essen. Nach dem Essen setzten sich alle gemütlich in ihre Sessel. Nur der kleine Junge saß auf der Erde. Er hatte ein großes Stück Holz und ein Schnitzmesser.

Mutter geht zum Jungen: Na, Kind, bastelst du etwas Schönes für Papas Geburtstag, der ist ja bald?

Kleiner Junge: Ja, das wird ein Holzteller für Papa – wenn er alt ist und nicht mehr richtig essen kann.

Mutter schweigt, sie hat Tränen in den Augen: O je – wir werden ja auch mal alt! Nein, was haben wir mit dir getan, Großvater! – Komm zurück zu uns, Großvater, komm raus aus deinem Schneckenhaus!

Erzähler: Jetzt durfte der Großvater wieder mit der Familie zusammen essen. Und zur Erinnerung spielten sie immer wieder zusammen das Spiel von der kleinen Schnecke.

Alle singen Schneckenlied ganz.