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"Gottesträume" - Biblische Geschichten neu erzählt
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Vorwort

Liebe Leserinnen und Leser,

warum habe ich damit begonnen, biblische Geschichten neu zu erzählen? Es gibt doch schon viele Bücher, die das tun! Das stimmt. Ich fand jedoch keins, das ich guten Ge­wissens bei Schulandachten, im Konfirmandenunterricht oder bei Gemeindeveranstaltungen einsetzen konnte. Es gab keins mit kurzen abgeschlossenen Geschichten, die die neuere naturwissenschaftliche und theologische For­schung ernst nehmen und Religion, Sozialgeschichte und Tiefenpsychologie verbinden. Außerdem sollten sie gut verständlich sein und aktuelle Bezüge haben. So habe ich Geschichten geschrieben, die Jesus mit seinen Patenkindern Ruben und Ruth erlebt oder die er ihnen erzählt. Diese Patenkinder habe ich er­funden, damit Jesus Gesprächspartner hat, die wiss­begie­rig sind, neugierig und auf gute Weise respektlos.

Jörg Zink hat in seiner Kinderbibel „Der Morgen weiß mehr als der Abend“ ebenfalls eine Rahmengeschichte erfun­den. Ich habe einen neuen Versuch in dieser Richtung ge­startet mit anderen Schwerpunkten, die stärker an Fragen von Jugendlichen und Erwachsenen orientiert sind.

Ich danke Almut Luiking, Sandra Schulte, Thomas Beer-mann und besonders Vorleser Schmidt (Prof. Dr. Hans Jochim Schmidt) für ihre Anregungen und Korrekturvorschläge, ebenso Cristy Orzechowski. Ohne ihre Mitarbeit wäre dieses Buch nicht entstanden. Ich danke den Jugendlichen Christina, Dennis, Marc, Nina, Pascal und Steffi aus Haren (Ems) sowie meinen Konfirmanden die mit mir viele Texte gelesen und besprochen haben. Auch das sonstige vielfältige positive Echo – besonders aus dem Altenclub der Erlöserkirche und des Seniorenkreises Börgermoor hat mich motiviert, weiter zu schreiben.

Johannes Treblin, 5. November 2012

Einleitung

Jesus lebte vor ungefähr 2000 Jahren als lediger Zimmer­mann in Nazareth, einem Dorf im Norden Israels, und sorgte dort für seine Mutter Maria. In Nazareth lebte auch Jakobus, ein Bruder von Jesus, mit seiner Frau Hulda und ihren beiden Kindern Ruben und Ruth. Jesus erzählte schon immer gern Geschich­ten, und abends kamen Ruben und Ruth oft zu ihm, um ihm Fragen zu stellen, mit ihm zu reden oder zu spielen. Manchmal ging Jesus auch hinüber zu Jakobus und seiner Familie. Die Kinder nannten Jesus schon von klein auf „dodi Jesus“ das ist das hebräi­sche Wort für „Onkel Jesus“.

Die Schöpfung

Der erste Tag                      

„Du, dodi Jesus, wie ist eigentlich die Welt entstanden?“, fragte Ruben eines Abends, als Jesus bei ihnen war.

„Ja, ganz genau weiß das keiner“, sagte Jesus; „aber ich glaube, ganz zuerst war gar nichts – einfach überhaupt gar nichts – außer Gott. Gott war einfach immer schon da. Aber wahrscheinlich hat Gott sich auf die Dauer zu allein gefühlt, und da dachte er: ‚Ich werde eine Welt schaffen – aber so richtig laut, mit einem großen Knall!'“*

„Du, dodi Jesus, war das der Urknall?“, fragte Ruth, Rubens Schwester. „Genau!“, sagte Jesus. „Es gab einen unglaub­li­chen Knall, aber Gott konnte das nur hören, nicht sehen, weil es dunkel war. Da sagte Gott zu sich selbst: ‚Es werde Licht!' Und tatsächlich: es wurde teilweise hell und es blieb teilweise dunkel, auf einmal konnte Gott etwas sehen. Und was sah er? Er sah um sich herum Himmel und weit entfernt unsere Erde. Aber damals sah sie gar nicht gut aus, sondern furchtbar schrecklich. Alles stand un­ter Wasser, es blitzte und donnerte und Vulkane bra­chen aus, die Erde bebte, es war ein richtiges Tohuwa­bo­hu. Aber Gott schien ge­rade daran sei­nen Spaß zu haben. Er schwebte über dem Wasser, um sich alles genau anzuschauen. So ver­ging der erste Schöpfungstag.“

„Alles an einem Tag?“, fragte Ruben.

„Naja“, Jesus kratzte sich am Kopf und überlegte. „Für Gott ist ein Tag wahrscheinlich viel länger als für uns – was für Gott ein Tag ist, das sind für uns vielleicht eine Million Jahre – aber ge­nau weiß das keiner.

Und jetzt, Ruth und Ruben, husch, auf die Schlafmatte, mor­gen erzähl ich weiter!“

(Zu jedem Kapitel gibt es biblische Belege und Anmerkungen ab Seite 108. Zu den neueren naturwissenschaftli­chen Erkenntnissen siehe Nachwort auf Seite 107.)

Der zweite Tag

„Du, dodi Jesus, was kam denn nach dem Knall und dem Licht und dem Tohuwabohu auf der Erde?“, fragte Ruth am nächsten Abend.

„Tja“, sagte Jesus, „dann hat Gott erst mal aufgeräumt.“

„Echt?“, fragte Ruben. „Wie wir, wenn wir beim Spielen ein Chaos veranstaltet haben?“

„Genau!“, sagte Jesus. „Das Wasser bekam seine Plätze. Und das trockene Land bekam seine Plätze. Gott baute einige große Wasserbecken, das wurden die Meere. Und dann bau­te Gott die verschiedenen Erdteile: Amerika, Asien, Europa, Afrika und Australien, ach ja: auch den Südpol!“

„Und dann?“, fragte Ruth.

„Dann?“, erzählte Jesus weiter, „dann blies Gott über die Erde, und es entstand der Wind und die Luft.“

„Ohne Luft kann man ja auch nicht atmen“, meinte Ruben, „und dann?“

„Dann?“, meinte Jesus, „dann war der zweite Tag zu Ende.“

Der dritte Tag

„Du, dodi Jesus“, fragte Ruben am dritten Abend, „jetzt hat Gott ja ganz schön aufgeräumt, kein Tohuwabohu mehr, aber irgendwie war das alles ziemlich leer.“

„Genau, du hast recht!“, erwiderte Jesus. „Gott machte des­halb die Erde fruchtbar, und das geschah so: aus der Erde kamen grüne Pflanzen, unglaublich viele Sorten, und diese Pflanzen trugen alle ihre Samen, und so kamen wieder neue Pflanzen und wieder neue Pflanzen! Es gab Pflanzen auf allen Erdteilen, außer am Südpol, und sogar im Wasser.“

„Alles am dritten Tag?“, fragte Ruth. „Ihr wisst doch, bei Gott dauern die Tage länger als bei uns“, sagte Jesus. „Passt auf, morgen wird es spannend!“

Der vierte Tag

„Was passiert denn heute, dodi Jesus?“, fragte Ruth, „du hast gesagt: es wird spannend!“

„Tja“, sagte Jesus, „Erst war die Luft ganz undurchsichtig, doch dann ließ Gott zum ersten Mal die Sonne durch die Wolken scheinen – denn die Pflanzen hatten das meiste Koh­lendioxid aus der Luft herausgeholt, so wurde die Luft durch­sichtig und Gott konnte von der Erde aus am Tag die Sonne sehen und nachts die Sterne.“ – „Das finde ich aber gar nicht spannend, dodi Jesus!“, sagte Ruben. – „Okay, bis jetzt war’s noch nicht wirklich spannend, aber es gab noch keinen Mond!“, erwiderte Jesus, „und das wurde spannend, und jetzt Achtung: ein kleiner Stern rammte die Erde, es gab einen furchtbaren Knall, die Erde und der andere Stern verloren Trümmerteile, die flogen davon, krachten zusammen und daraus entstand dann der Mond.“ – „Echt?“, fragte Ruben, „kann denn ein Stern die Erde rammen?“ – „Ganz selten. Ihr seht doch, wir haben nur einen Mond!“, sagte Jesus. – „Du hast recht, dodi Jesus“, sagte Ruth. „Heute, der vierte Tag, war wirklich spannend.“

Der fünfte Tag

„Ich weiß, was noch fehlt“, sagte Ruben am fünften Abend, „die Tiere und die Menschen!“ – „Stimmt“, sagte Jesus. „Gott hatte nicht nur die trockene Erde fruchtbar gemacht, sondern auch das Wasser, dort gab es ganz kleine, fast unsichtbare Tier­chen.“

„Unsichtbare Tierchen?“, fragte Ruben. – „Ja“, sagte Je­sus, „und dann haben sich diese kleinen Tierchen ver­mehrt, und manche wurden größer, es entstanden immer neue kleine und große Tiere, erst im Wasser die Fische und Wale und Delphine und dann in der Luft die Vögel und danach die Landtiere.“

„Auch die Dinosaurier?“, wollte Ruth wissen. – „Klar“, sagte Jesus. – „Wieso gibt’s die denn nicht mehr?“, fragte Ruben. – „Manchmal sterben Tierarten aus“, sagte Jesus, „wenn sie mit der Umwelt nicht mehr klarkommen – Gott lässt das zu, dass Katastrophen passieren und manche Tierarten aussterben.“ – „Der Mensch kommt morgen?“, fragte Ruben. – „Ja“, sagte Jesus.

Der sechste Tag

„Wie kam der Mensch auf die Erde? In einem Ufo?“, fragte Ruben. – „Manche sagen das“, sagte Jesus. „Manche sagen auch, Gott hätte den Menschen aus einem Lehmkloß wie ein Töpfer geformt.“

„So erzählt es der Rabbi“, meinte Ruben.

„Das ist eine schöne Geschichte“, nickte Jesus. „Daraus sol­len wir lernen, dass wir von der Erde kommen und wieder zu Erde werden. Ein Geschichtenerzähler hat das einmal so geträumt; er hatte das Gefühl, dieser Traum ist eine Botschaft von Gott, und dann hat er davon erzählt, und seitdem ist es eine heilige Geschichte.


Aber ich denke, in der Wirklichkeit hat Gott den Menschen nicht aus Lehm gemacht, sondern einige Affen fingen mit der Zeit an, nur noch auf den Fü­ßen zu laufen, also aufrecht zu gehen, dann hatten sie die Hände frei und konnten Werk­zeuge benutzen und malen; und sie fingen an zu reden. Und so wurden sie allmählich zu Menschen. Gott freute sich darüber, dass er jetzt ein Gegenüber hatte, ein Ebenbild; denn mit uns Men­schen kann Gott reden, und wir können mit ihm reden. Wir können so herausfinden, was gut ist und wie wir richtig leben können.“

„Und wie geht es weiter in der Zukunft?“, fragte Ruth. – „Das kommt drauf an“, sagte Jesus. „Vielleicht werden die Men­schen immer klüger und können ganz lange leben und ge­sund bleiben und glück­lich sein, wenn sie auf Gott hören. Vielleicht aber machen die Menschen die Natur ka­putt, und dann sterben sie aus.“

„Wie die Dinosaurier!“, sagte Ruben. – Jesus fuhrt fort: „Des­halb hat Gott zu den Menschen gesagt: ihr sollt die Natur be­bauen und bewahren, gut mit ihr umgehen. Wir sollen nie ver­gessen: wir kommen von der Erde, und wir werden wieder zu Erde.“

„Und unsere Seele kommt zu Gott in den Himmel“, sagte Ruth und gähnte, denn sie war müde geworden.

„Ihr müsst jetzt schlafen“, sagte Jesus. „Es ist dunkel, der Sabbat hat begonnen.“

Der siebte Tag

„Heute ist Sabbat“, sagte Ruben am nächsten Morgen, „heute ruhen wir uns aus!“

„Gott hat am sich sieb­ten Tag auch ausgeruht“, sagte Jesus; „seitdem wissen wir Menschen: wir sollen nicht jeden Tag arbeiten, wir brauchen auch einen Tag in der Woche zum Ausruhen, zum Spielen, zum Nachdenken, zum Feiern und für die Synagoge, und das ist gut so!“

Jesus wird getauft

Jesus hatte seinen 30. Geburtstag gefeiert, Ruth und Ruben hatten ihm gratuliert und Geschenke gebastelt. „Ich bin nun kein junger Mann mehr“, sagte Jesus. Jesus war Zimmermann wie sein Vater Josef. Der war vor mehre­ren Jahren ge­stor­ben. Auch viele Freunde waren schon tot. Jede Krankheit konnte tödlich sein. „Es ist tatsächlich etwas Besonderes, wenn man 30 Jahre alt wird“, sagte Jesus.

„Wie fühlt man sich denn so mit 30 Jahren?“, fragte Jako­bus, sein Bruder. „Naja, einigermaßen“, sagte Jesus. Jesus war inner­lich unzufrieden. Sein Beruf füllte ihn nicht mehr aus. Er hatte das Gefühl: das kann doch nicht alles gewesen sein im Leben. „Irgendwie finde ich das Leben eintönig, jeden Tag das Gleiche: arbeiten, hinter dem Geld her jagen, essen, schlafen.“ – Jako­bus sagte: „Es gibt doch etwas Neues: Am Fluss, am Rande der Wüste, pre­digt ein neuer Pro­phet. Er heißt Johannes. Dieser Johannes sagt: ‚Wenn wir un­ser Leben ändern, dann kommt der Retter unse­res Volkes, auf den wir schon so lange warten!’ Er sagt: ‚Lasst euch taufen, zum Zeichen, dass Ihr ein neues Leben anfangen wollt.’“

„Das hört sich interessant an“, sagte Jesus. „Wenn ich mein Leben ändern könnte, noch mal neu anfangen ..., das wäre was. Aber ob das wirklich geht? Egal, ich werde mal zu Jo­han­nes an den Jordan gehen.“ – „Dürfen wir auch mit?“, fragten Ruben und Ruth. – „Na klar“, sagte Jesus. Auch Jako­bus nickte zustimmend. Jesus nahm einen großen Wasserkrug mit und die Kinder ihre Wasser­schläuche, damit alle unter­wegs trinken konnten.

Dann gingen sie los. Nach ein paar Stunden kamen sie am Jordan an. Sie sahen, wie eine große Menschenmenge dar­auf wartete, im Fluss getauft zu werden. Jesus und die Kinder stellten sich einfach dazu und allmählich kamen sie immer dichter an den Täufer heran.

„Wieso lassen die sich denn mit dem Kopf so lange unter Wasser drücken?“, fragte Ruben. „Das ist doch gefähr­lich!“

„Ja, es soll wohl auch ein bisschen gefährlich sein!“, sagte Jesus. „Man soll spüren, dass man keine Luft mehr kriegt un­ter Wasser. Man soll spüren, dass man sterben könnte.“

„Wieso das denn?“, fragte Ruth.

„Wenn man so jung ist wie du, Ruben, mit deinen 13 Jahren, oder du, Ruth, mit elf Jahren, dann denkt man nicht oft an den Tod. Aber ich denk da häufiger dran. Und wenn man daran denkt, dass man sterben könnte, dann wird das Leben auf einmal wichtiger“, sagte Je­sus.

„Klar“, nickte Ruben, „das ist genauso wie mit der Luft: Wenn ich keine Luft kriege, dann wird die Luft immer wichtiger. Daran denkt man sonst gar nicht.“ – Jesus stimmte zu: „Wenn ich so an den Tod denke, dann spüre ich, ich müsste etwas aus meinem Leben machen. Dazu muss ich herausfinden, was Gott für mich vorgesehen hat!“

Alle drei dachten eine Weile nach. Dann sagte Jesus: „Wenn man unter Wasser ist, dann kann man sich vorstellen, dass man schon in der Erde ist, wie im Grab.“

Ruth meinte: „Im Wasser ist es auch kühl – und dunkel – wie in einem Grab.“

Jesus sagte: „Ich kann mir dabei vorstellen, dass mein altes Le­ben stirbt. Das, was bisher falsch war, womit ich nicht zufrieden war oder das, was ich ändern müsste.“

Ruben und Ruth nickten. Jesus fuhr fort: „Also: das alte Leben stirbt, und dann steht man wieder auf. Du erblickst das Licht der Welt neu. Du kannst ein neuer Mensch werden, weil der alte Mensch gestorben ist. Du kannst dann sozusagen neu geboren wer­den.“

„Dafür ist die Taufe also ein Zeichen“, sagte Ruben. „Mein bis­heriges Leben stirbt, mein altes Leben, mein falsches Leben, und ich kann ein neues, ein richtiges Leben anfan­gen, wie Gott es will.“

Jesus nickte. – „Aha“, sagte Ruben. „Das ist wie eine zweite Geburt. Du fängst das Leben noch mal neu an.“

Ruth fiel noch etwas ein: „Vor der Geburt lebt das Kind im Bauch der Mama im Wasser. Und dann kommt die Geburt, und das Baby kommt aus dem Bauch der Mutter auf die Welt. Vielleicht soll man des­halb bei dieser zweiten Geburt ins Wasser gehen und sich untertauchen lassen.“

Jesus nickte: „Wir tauchen bei der Taufe ein in das Fruchtwasser der Erde. So wird mir deutlich: Die Erde ist unsere Mutter und Gott ist unser Vater. Dann tauchen wir auf aus dem Wasser und sind neu geboren. Und dann leben wir neu – so wie unser Vater Gott und unsere Mutter Erde das wollen.“

Ruben fiel noch etwas ein. „Die Römer haben ein Wort für die Stoffe der Erde: es heißt ‚materia‘, das klingt so ähnlich wie ihr Wort ‚mater‘, Mutter. Vielleicht meint das, die Erde ist unsere Mutter.“

Jesus freute sich, dass die Kinder sich so für die Taufe interessierten. „Ihr habt Recht mit der Erde“, sagte Jesus. „So ähnlich meinen das wohl auch unsere Vorväter, wenn sie sagen, wir sind von der Erde genommen und werden wieder zu Erde. Und jetzt will ich mich taufen lassen.“

Jesus ging langsam zu Johannes. Jesus sah Johannes direkt ins Gesicht. „Oh“, sagte Johannes, „du siehst mich so stark und frei an, du brauchst dich nicht taufen lassen. Du scheinst schon das richtige Leben gefunden zu haben. Vielleicht sollte ich mich besser von dir taufen lassen.“

„Ja“, sagte Jesus, „ich weiß, dass ich jetzt ein neues Leben an­fangen will, aber es ist gut, dass ich auch erfahre, wie das ist: unterzutauchen, das Grab zu spüren und das Licht der Welt neu zu erblicken.“ Da nickte Johannes und stimmte zu. Dar­aufhin ließ sich Jesus von Johannes taufen.

Als er wieder auftauchte, strahlte er und sagte zu den Kindern, die zuge­schaut hatten: „Ich habe eben, als ich auftauchte, eine Stimme ge­hört, die sagte zu mir: ‚Du bist mein lieber Sohn, ich hab dich unendlich lieb!’“

„Was war das denn für eine Stimme?“, fragte Ruben.

„Ich glaube, das war Gottes Stimme. Jetzt weiß ich, dass Gott unser Vater ist, der uns lieb hat“, sagte Jesus. „Ich fühle mich jetzt wie neu geboren, ich könnte die ganze Welt umarmen. Ich habe ein Gefühl, als wenn ich be­rauscht wäre.“

„So als ob du Wein getrunken hättest?“, fragte Ruben. – „Ja“, sagte Jesus. „Neulich habe ich geträumt, dass ich Wasser in Wein verwandeln kann. Jetzt weiß ich, dass das stimmt: weil ich die Stimme gehört habe, dass Gott mich lieb hat, hat sich für mich Wasser in Wein verwandelt, alles sehe ich neu und lebendig!“

„Der Traum ist bei dir in Erfüllung gegangen!“, meinte Ruth. – Jesus nickte.

In diesem Moment kam eine Taube geflogen, ganz dicht an Jesus vorbei.

„Diese Taube ist auch ein Zeichen“, sagte Jesus. „So wie bei Noah.“

„Du meinst nach der Sintflut“, sagte Johannes, der zuge­hört hatte. „Damals kam eine Taube und zeigte, dass die Sint­flut zu Ende ist.“

„Die Taube sagt mir, dass jetzt eine neue Zeit beginnt“, sagte Jesus.

„Was für eine neue Zeit denn?“, fragte Ruben.

„Die Zeit, in der wir mit Gott reden können, weil er unser Va­ter ist. Er ist immer bei uns, er hat uns immer lieb – uns alle, die Kleinen und die Großen, auch diejenigen, die verkehrt leben, so wie wir eben sind. Gott liebt euch noch stärker als Jakobus und Hulda, und die lieben euch ja auch dann, wenn ihr mal etwas Schlimmes gemacht habt! Diese Botschaft wer­de ich ver­kündigen. Das wird mein neues Leben sein, das weiß ich jetzt“, sagte Jesus.

„Gott hat auch die Kinder lieb?“ fragte Ruth. – Und Ruben meinte: „Dann können wir uns ja auch taufen lassen.“ – Jesus nickte den Kindern aufmunternd zu. Ruben fuhr fort: „Ich wer­de jetzt so leben, dass ich sagen kann: das ist ein gutes Le­ben, das ist ein Leben, wie es Gott für mich will. Bei mir ist das aber genau an­dersrum als bei dir, Jesus“, sagte er. „Ich will erst mal einen richtigen Beruf lernen, ich will eine Familie haben und Kinder. Ich will richtig erwach­sen wer­den.“

„Ich will auch erwachsen werden und Kinder haben“, sagte Ruth. „Ich glaube, Gott will das bei mir so.“

„Gut“, sagte Jesus. „Erwachsen werden – das ist auch wie eine neue Geburt. Dann lasst euch mal taufen!“

Johannes der Täufer zögerte: „Kinder sind eigentlich zu jung, um getauft zu werden. Sie bräuchten dafür einen guten er­wachsenen Begleiter, einen Paten, der sie zu Gott hinführt.“

„Den haben wir doch“, meinte Ruben. „Dodi Jesus ist doch sowieso schon wie unser Patendodi. Nicht wahr, Dodi Jesus, du erzählst uns doch ganz viel von Gott!“

Jesus nickte zustimmend, und da taufte Johannes auch die beiden Kinder Ruth und Ruben. So wurde Jesus ihr Tauf-Patendodi.

Nun verabschiedete sich Jesus von Johannes und sagte zu den Kindern: „Ihr seid groß genug, um ohne mich den Weg zurück nach Nazareth zu gehen, ihr kennt den Weg. Ich wer­de eine Zeit lang in die Wüste gehen, um allein zu sein und nachzudenken.“

Ruben fragte: „Denkst du, dass du Gott in der Wüste treffen wirst?“ – Jesus nickte. Sie verabschiedeten sich und gingen erst mal getrennte Wege.

 
Jesus und die Stimme in der Wüste

Jesus war von Johannes getauft worden. Jetzt war ihm klar: Ich bin Gottes Kind, ich bin Gottes Sohn, Gott ist mein Vater. Und er wusste: Ich werde nicht mehr als Zimmer­mann arbei­ten, sondern den Leuten diese frohe Botschaft sagen, ich werde predigen. Aber was genau? Und wie?

Jesus ging in die Wüste, um allein zu sein und Gott zu be­geg­nen. Er blieb dort lange Zeit, erst nach sechs Wochen kam er zurück nach Nazareth. Zunächst ging er zu seiner Mutter Maria, um sich satt zu essen, gleich danach dann zu seinen Patenkindern.

„Wo warst du denn die ganze Zeit, dodi Jesus?“, fragte Ruth. „Wir haben uns schon schreckliche Sorgen ge­macht, weil du so lange weg warst!“

„Ich war in der Wüste“, sagte Jesus. „Gleich hinter dem Jor­dan beginnt die Wüste. Ich habe gedacht: In der Wüste hat Gott zu Mose gesprochen. Hier hat Gott zu Elia gespro­chen. Bestimmt wird Gott, mein Vater, auch zu mir sprechen und mir sagen, wel­chen Auftrag er für mich hat.

Die Tage vergingen. Ich fastete, ich aß nichts ...“. – „Hast du auch nichts getrunken?“, unterbrach ihn Ruben.

„Doch“, sagte Jesus. „Jeden Morgen ging ich zum Jordan, um mir Wasser zu holen – ich hatte ja einen Krug dabei. Das Wasser reichte dann für einen Tag. Ich hatte mich daran ge­wöhnt, nichts zu essen. Trotzdem hat Gott nicht mit mir gere­det. Ich wurde schwächer: ich schlief nicht nur in der Nacht, sondern immer häufiger am Tag – wenn ich im Schat­ten eines dürren Dornbuschs lag, um mich vor der Sonne zu schützen.“

„Hat Gott zu dir nicht aus dem Dornbusch gesprochen so wie bei Mose?“, wollte Ruben wissen.

„Leider nicht“, fuhr Jesus fort. „Endlich – nach vielen Tagen – hörte ich dann doch eine Stimme. ‚Bestimmt ist das Gott, der zu mir spricht’, freute ich mich. ‚Ich bin gespannt, welchen Auf­trag er für mich hat.’

‚Jesus, du bist Gottes Sohn’, so sprach die Stimme zu mir“.

„Du hast am Jordan bei Johannes auch diese Stimme gehört, dodi Jesus“, unterbrach Ruth.

„Ja, so ähnlich“, nickte Jesus und erzählte weiter. „Die Stimme sagte dann: ‚Siehst du die vielen Steine hier?’ – ‚Ich sehe sie’, erwiderte ich. ‚Hast du Hunger?’, fragte die Stimme. ‚Ja’, sag­te ich, ‚ich habe Hun­ger.’ – ‚So wie du haben viele Menschen Hunger’, sprach die Stimme. ‚Dein Auftrag ist, diese Wüste in fruchtbares Acker­land zu verwandeln, damit alle Menschen satt werden.’“

„Wollte Gott, dass du die Wüste verwandelst?“, fragte Ruth erstaunt.

Jesus sagte: „Ich war auch überrascht: Soll das mein Auftrag sein? Soll ich doch wieder Handwerker sein? Soll ich Brunnen bohren, soll ich den Wüstenboden bewässern, soll ich die Stei­ne wegschaffen? Ich hab nachgedacht. In Israel gibt es doch genug Ackerland, aber das meiste und das beste gehört den Reichen. Nur die ganz Armen haben gar kein Land. Gottes Wort in den heiligen Schriften sagt nicht: ‚Mach aus der Wüste Ackerland’, sondern: ‚Jeder soll seinen Acker haben, um ihn zu bearbeiten’.

Die Reichen sollen von ihren vielen Äckern etwas den Armen abgeben, so dass die Armen von ihrer Arbeit leben und essen können. Wenn ich neue Äcker schaffe, dann gehö­ren die in kurzer Zeit doch wieder den Reichen, wenn sich hier nichts Grundlegendes ändert. Dann hätte ich nichts für die Ar­men, sondern nur etwas für die Reichen getan, und das im Na­men Gottes. Das kam mir seltsam vor und das wollte ich nicht. Deshalb hab ich weiter nachgedacht:

Auch die Reichen sollen doch ihre Nächsten lieben wie sich selbst. Das ist Gottes Wort, das ist die Gute Nachricht für die Armen.

‚Ich will die Wüste nicht verwandeln, sondern stattdessen Got­tes Gute Nachricht verkündigen: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern wenn er auf Gott hört.’ Das sagte ich zu der Stim­me, und das spürte ich. Den Auftrag – Steine in Brot zu ver­wan­deln – den nahm ich deshalb nicht an. – So, Kinder, es ist spät geworden, ich will mich ein wenig ausruhen, morgen erzähle ich weiter!“

Am nächsten Tag fuhr Jesus fort: „Ich hatte also den ersten Auftrag abgelehnt. Kurz danach hatte ich einen Traum. Ich träumte, dass ich zusammen mit einem Engel durch die Lüfte flog und ganz oben auf der Kuppel des Tempels in Jeru­salem landete.

‚Jesus, du bist Gottes Sohn’, so sprach der Engel zu mir. ‚Schau mal da unten die vielen Leute! Wie willst du die alle mit deinen Predigten erreichen? Es ist viel zu anstren­gend, so viele Predigten zu halten. Es ist viel einfacher, du fliegst vor ihren Augen durch die Luft. Ich und die anderen Engel, wir werden dich so gut beschützen, dass du dich nicht mal am Fuß verletzen wirst!’“

Ruth fragte: „Der Engel hat echt gesagt, dass du durch die Luft fliegen sollst?“ – „Ja“, erwiderte Jesus, „im Traum bin ich schon öfter mal durch die Luft geflogen, aber in echt ist das etwas anderes. Ich überlegte: Soll so mein Auf­trag sein? Eine große Show abziehen? Dann bin ich völlig anders als die an­de­ren Menschen. Dann können die nicht wirklich et­was von mir lernen. Außerdem soll man Gottes Engel nicht auf die Probe stellen, man soll sich nicht unnötig in Gefahr bringen. Nein, auch diesen Auftrag nahm ich nicht an!“

„Kann man denn Gottes Auftrag ablehnen?“, fragte Ru­ben. „Ja“, sagte Jesus, „es ist nämlich nicht immer Gottes Stimme, die zu uns redet. Das muss man jedes Mal genau prüfen. Das merkte ich jetzt. Deshalb hat Mose am Dornbusch auch nicht gleich ‚Ja und Amen’ gesagt, als die Stimme zu ihm sprach!“

Jesus machte eine Pause und trank einen Becher Wasser, auch die Kinder tranken etwas. „Und wie ging es weiter?“, fragte Ru­ben dann.

Jesus fuhr fort: „Danach hatte ich noch einen Traum. Ich träumte wieder, dass ich zusammen mit dem Engel durch die Lüfte flog, und wir landeten diesmal auf einem sehr hohen Berg. Von hier konnte ich die ganze Welt über­bli­cken. Ich sah den Reichtum der Königin von Saba, ich sah den herrlichen Palast des Kaisers in Rom, ich sah das goldene Königsschloss im indischen Bombay, ich sah alle Herrlichkeiten dieser Welt.“

„Das muss ja supertoll gewesen sein!“, meinte Ruth und be­kam glänzende Augen.

Jesus fuhr fort: „Da sprach die Stimme zu mir: ‚Du bist Got­tes Sohn. Du musst in einem solchen Palast leben. Ein sol­ches Leben bekommst du von mir, Jesus, wenn du mich anbetest.’ Ich überlegte. Da fielen mir Worte des Pro­pheten Samuel ein. Der hatte die Frage gestellt: ‚Woher stammt denn all der Reichtum der Könige und Kaiser? Das Volk muss hungern, da­mit die Könige in Saus und Braus leben kön­nen.’ Plötzlich wusste ich, wessen Stimme da zu mir sprach und ich sagte: ‚Weg mit dir, Satan, dich werde ich niemals anbeten. Ich will Gott anbeten, den Gott, der die Sklaven befreit hat aus Ägyptenland. Der ist mein Vater. Ich will keine anderen Götter haben neben ihm!’“

„Das hast du gesagt, dodi Jesus?“, fragte Ruben etwas enttäuscht, „du wolltest keinen Palast, keinen Reichtum?“

„Nein“, sagte Jesus, „ich will anders leben, dann bin ich glücklich: ich will zusammen mit den Armen Gottes Kraft und Segen spüren, Gottes große Liebe erfahren und wei­ter geben und so miteinander leben. Das ist Gottes Reich. Es wird mitten unter uns sein. Das werde ich erleben.

Da verließ mich der Teufel. Ich spürte, dass viele gute Engel bei mir waren, und dann waren sogar Löwen und Wölfe bei mir, und ich konnte sie streicheln, aber das war wohl ein Traum. Jetzt fühlte ich mich jedenfalls stark und befreit. Nun konnte ich wieder zurück nach Nazareth gehen und gestern meine erste Predigt halten. Vorher aß ich aber erst mal was Richtiges bei meiner Mutter Maria.“

Die Kinder hatten staunend zugehört. „Dann hat in der Wüste gar nicht Gott zu dir geredet, sondern der Satan?“, sagte Ruben.

„Vielleicht hört sich der Satan manchmal ganz ähnlich an wie Gott“, meinte Ruth.

 „Vielleicht haben die Menschen früher da keinen Unter­schied gemacht“, sagte Jesus. „So hat zum Beispiel der Prophet Elia eine Stimme gehört, die gesagt hat: ‚Töte die Baalspro­phe­ten!’ Er hat ge­dacht, es sei Gottes Stimme, in Wirklich­keit war es aber vielleicht die Stimme des Teufels.“

„Das ist aber ziemlich schwierig, dodi!“, meinte Ruben.

„Das stimmt“, sagte Jesus. „Man muss auf sein Gefühl hören und nachdenken. Man muss herausfinden, was dem Leben dient. Gott will das Leben, nicht den Tod. Gott will eine gute Gemein­schaft zwischen den Menschen. Der Teufel will das Ge­gen­teil, und er benutzt oft ganz ähnliche Worte wie Gott, um uns zu täuschen!“

 
Das Magnifikat

Jesus blieb nach der Wüstenzeit noch ein paar Tage in Nazareth. Er predigte in der Synagoge, und abends ging er zum Essen nach Hause zu sei­ner Mutter Maria. Dort besuchten ihn seine beiden Paten­kinder Ruben und Ruth.

„Mutter, setz dich zu uns, ich muss mit dir reden“, sagte Jesus. Maria kam und setzte sich zu Jesus und den Kindern.

„Mutter, ich bin froh und glücklich, weil ich weiß, wie mein Leben weitergehen wird“, sagte Jesus. – „Das freut mich, dass du nicht mehr auf der Suche bist, sondern deinen Weg gefunden hast!“, erwiderte Maria. „Was ist denn pas­siert, dass du so sicher bist?“

„Ich weiß jetzt endlich, wer mein Vater ist!“, sagte Jesus.

Maria schaute ihn überrascht an. „Schön, mein Sohn – du hast mir lange Zeit nicht ge­glaubt!“, erwiderte Mutter Maria etwas zögernd. „Ich hab dir doch immer gesagt, du bist ein Kind von Gott!“

„War Großvater Josef denn nicht der Papa von dodi Je­sus?“, fragte Ruben etwas vorlaut.

„Ich war damals noch sehr jung“, erzählte Maria, „meine Eltern hat­ten mich mit Josef verlobt. Da hatte ich nachts einen Traum. Ein Engel erschien mir und sagte mir, ich würde schwanger werden, aber nicht von Josef, sondern von Gott. So geschah es. Ich wurde tatsächlich schwan­ger. Josef wollte mir erst nicht glauben, dass ich von Gott schwanger war. Er dachte, ich wäre irgendwie fremdge­gangen. Aber dann hatte auch er einen Traum. Ein Engel sagte zu ihm, dass ich die Wahrheit gesagt hätte. Und so hat er mich geheiratet und er wurde dein Ziehvater, Jesus.“

„Die anderen Kinder haben mich trotzdem verspottet!“, sagte Jesus. „Man konnte ja sehen, dass Josef nicht mein
Vater war, er war sehr klein, ich bin groß, er hatte sehr dunkle Haut, ich hab helle Haut – ich hatte oft Angst vor den anderen Kindern – deswegen. Als junger Mann hab ich oft gedacht: ‚Bestimmt war da irgendwie ein anderer Mann beteiligt, vielleicht hast du, Mutter, das verdrängt oder vergessen oder du warst vielleicht dabei ohnmächtig geworden.’  Diese Gedanken waren schlimm für mich, ich habe immer meinen richtigen Vater gesucht, weil ich unsicher war. Ich wusste nicht, wer ich wirklich bin.

Aber jetzt fühle ich mich voller Kraft und Stärke, denn ich habe bei meiner Taufe Gottes Stimme gehört! Er hat zu mir gesagt: ‚Du bist mein lieber Sohn, ich habe dich unendlich lieb!’ Gott ist mein wahrer Vater, das wurde mir endlich klar! Und da ist es mir ganz egal, was damals in Nazareth wirklich passiert ist! Vielleicht sucht sich Gott ja gerade den unehelichen Sohn eines armen Mädchens aus, so wie der Prophet Samuel den achten Sohn eines Hirten zum König gesalbt hat.“

„Vielleicht wird jetzt alles gut“, sagte Mutter Maria, die zu den Vermutungen ihres Sohnes nichts sagen wollte oder konnte. Dennoch war sie von Jesus angeregt worden, etwas auszusprechen, was sie sonst lieber verschwieg. „Damals, als ich schwanger war, hat meine Mutter schrecklich mit mir geschimpft, ich hab's zu Hause nicht mehr ausgehal­ten; des­halb bin ich zu meiner Großtante Elisabeth über die Berge gegangen, und die hat mich verstanden, sie war auch schwanger; mit ihr zusammen hab ich gesungen:

‚Von ganzem Herzen preise ich Gott,

mein Geist jubelt vor Freude über Gott, meinen Retter.

Denn er hat seine niedrige Magd angesehen.

Er wird endlich Gerechtigkeit schaffen für die Armen,

er wird die Reichen leer ausgehen lassen

und es kommt das große Fest für alle,

auch für die Sünder, für die Schwachen und für die Kranken.’“

Maria hatte auch jetzt wieder diese Sätze gesungen. Jesus und die Kinder schauten sie bewundernd an, denn sie sah  be­geistert und voller Energie aus.

„Und dann?“, fragte Ruth. „Wie ist denn dodi Jesus auf die Welt gekommen?“

„Wir mussten nach Bethlehem zur Steuererfassung“, er­zählte Maria, „weil Josef von dort herstammte; eigentlich wäre ich lieber in Nazareth bei meiner Familie geblieben, doch die wollten mich nicht mehr; deshalb bin ich mit Jo­sef gegangen; wir konnten in Bethlehem keine teure Her­berge bezahlen. Wir kamen nur in einem Stall unter. Dort bist du, Jesus, geboren, der Gottessohn in einem Stall bei den Tieren. Wir hatten keinen Beistand, aber Josef hat mir gut geholfen. Und dann haben uns noch die fremden Hirten besucht und Geschenke gebracht. Dadurch haben wir neuen Mut gefasst.“

„Woher wussten denn die Hirten, dass ihr da im Stall wart?“, fragte Ruben.

„Ein Hirte erzählte uns, er hätte davon geträumt, wie ihm ein Engel erschienen sei. Dieser Engel verkündete ihm, dass jetzt endlich der Messias, der Christus, der Gesalbte Gottes, der neue Befreier in die Welt kommen würde. In diesem Moment hörte er wohl das Babygeschrei von dir, Jesus. Und da brachen sie auf und kamen zu uns, sie glaubten, der Befreier wärst du; das schien mir sehr seltsam: ein Kind einer armen Mutter, die von ihrer Familie abgelehnt worden war, geboren im Stall, gewärmt von Tieren. Du hattest überhaupt unglaublichen Beistand von Gott, von Menschen und von Tieren, dass du als Baby überlebt hast, Jesus. Da hab ich mich immer wieder an den kleinen Mose erinnert. Der war im Körbchen im Nil, du warst in der Krippe. Es gab Gerüchte damals in Bethle­hem, dass König Herodes dort alle Babys umbringen wollte, genau wie der Pharao bei Mose. Da sind wir dann eine Zeitlang mit dir ins Ausland geflüchtet. Dass wir das alles überlebt haben!

Zum Glück konnten wir später wieder zurück nach Naza­reth, irgendwann hat mich meine Familie wieder ange­nommen.“

Maria hatte einen wehmütigen Blick in ihren Augen. Nun  verwandelte sich ihr Gesicht, es wirkte plötz­lich müde und leer: „Es stimmt aber nicht, worauf die Hirten und heimlich auch ich gehofft habe. Es ist nicht wahr geworden, son­dern es ist alles viel schlimmer geworden, als ich gedacht hatte. Josef ist tot. Wir sind arm. Und du, Jesus, hast keine Lust zu arbeiten, son­dern du gehst predigen. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll.“

Jesus erwiderte: „Mutter, ich werde dein Lied erfüllen, ich werde deine frühere Wahrheit leben, das weiß ich jetzt! Ich habe Gottes Stimme gehört. Du wirst es er­leben! Dazu werde ich das tun, was die Hirten mit uns damals taten: ich werde mit den Armen alles teilen, so wird das Reich Gottes kommen, mitten unter uns! Diese frohe Botschaft werde ich verkündigen!“

Maria schüttelte den Kopf, und die Kinder waren ge­spannt, wer wohl recht haben würde, und Ruben dachte insgeheim für sich: König David war auch nur ein armer Hirtenknabe, bis er später König wurde.

Hier der komplette Inhalt des Buches:

Inhalt

Vorwort                                                                                                    2

Einleitung                                                                                                 3

Die Schöpfung                                                                                         3

Jesus wird getauft                                                                                    9

Jesus und die Stimme in der Wüste                                                      15

Das Magnifikat und Jesus’ Geburt                                                         20

Elia in der Wüste                                                                                    24

Mose am Dornbusch                                                                              27
 
Jakob ist verliebt                                                                                    30

Jesus und der Kranke                                                                            34

Die Römer                                                                                              37

Der vierfache Acker                                                                               39
   
Jesus und die Hexe                                                                               41

Die Verklärung                                                                                       46

Sex und Machtmissbrauch                                                                    48

Männergespräch                                                                                   55

Wie ist das mit den Schwulen?                                                             57

Kinder, Kinder                                                                                       60
Die Aussteiger                                                                                      64
  
Die anvertrauten Talente                                                                      66

Gott – unser Papa                                                                                69

Versuchungen und Träume                                                                  71

Kamelrennen, Wein und Drogen                                                          74

Elia am Berg Karmel                                                                            79

Jesus und die Ehe                                                                               82

Die Ehebrecherin                                                                                 85

Hiob                                                                                                     88

Das Abendmahl                                                                                   92

Tod und danach?                                                                                 93

Die Tempelaktion                                                                                 96

Maria aus Magdala ist verzweifelt über Jesus’ Tod                             99

Maria aus Magdala sieht den auferstandenen Jesus                         101

Die Jünger und die Auferstehung                                                       103

Nachwort                                                                                            106

Register der Bibelstellen                                                                    108

Namensregister                                                                                  110

Impressum, Kontakte                                                                         112

Orts- und Sachregister                                                                       112

Das gesamte Buch ist im Selbstverlag erschienen und kostet 10 Euro inkl. Porto.