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Kämpfe um dein Leben! 24.Sonntag nach Trinitatis 2008

Seid anders als die Welt! - 22.Sonntag nach Trinitatis 2008

Kann Beten Gott beeinflussen? - Rogate 2008

Jeder Mensch trägt Gott in seiner Seele - Jubilate 2008

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In der Gruppe werden wir stark - 2.Advent 10.12.06, dazu Bild von Wienke:


Dem Herrn den Weg bereiten - Weihnachten vorbereiten - 1.Advent 3.12.06

Schwerter zu Pflugscharen - Volkstrauertag 19.November 06

Die Entdeckung des persönlichen Gottes - Hiob lehnt Richtergott ab 12.11.06

Solidarität schafft Mut - Predigt zur Goldenen Konfirmation 15.10.06

Der Erstgeborene braucht Liebe - Predigt vom 10.9.06

Heilung durch Ansehen - Predigt zur Silbernen Konfirmation 3.9.06 mit Bild von Wienke:


Präsenz statt Strafe - der Schlüssel zur Rechtfertigung - Predigt 27.August 2006 mit Bild von Wienke:


Ein General spürt Gefühle - und moderne Menschen entdecken Schafsläuse - Predigt am 3.Sonntag nach Epiphanias 22.1.06 - 2.Könige 5

"Frauenrollen",  Predigt vom 6.2.05, Lukas 10,38-42  mit Illustration von Wienke Treblin

"Drachenkampf", Predigt zur Silbernen Konfirmation 26.9.04, Offenbarung 12,7-10

Liebe und Tod - die Zauberflöte und das Wachstum der Liebe - Trauansprache 21.4.04, Hoheslied Salomos 8,6b

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Kämpfe um dein Leben!

Matth. 9,18-26 und Markus 5,21-43

Da der 24.Sonntag nach Trinitatis so selten ist, predige ich diesen Text heute zum ersten Mal. Zunächst möchte ich die beiden Evangelientexte hintereinanderstellen.

Matthäus (Gute Nachricht)

Während Jesus ihnen das erklärte, kam einer der Gemeindevorsteher zu ihm, warf sich vor ihm nieder und sagte: »Meine Tochter ist gerade gestorben. Aber komm und leg ihr deine Hand auf, dann wird sie wieder leben!« Jesus stand auf und folgte ihm. Auch seine Jünger gingen mit. Unterwegs trat eine Frau von hinten an Jesus heran und berührte eine Quaste seines Gewandes. Sie litt seit zwölf Jahren an Blutungen und sagte sich: »Wenn ich nur sein Gewand berühre, werde ich gesund.« Jesus drehte sich um, sah die Frau und sagte: »Nur Mut, meine Tochter! Dein Vertrauen hat dir geholfen.« Im selben Augenblick war die Frau geheilt. Jesus kam in das Trauerhaus. Als er die Flötenspieler für das Begräbnis und all die aufgeregten Menschen sah, sagte er: »Hinaus mit euch! Das Mädchen ist nicht tot, es schläft nur.« Da lachten sie ihn aus. Er ließ die Leute hinauswerfen, ging in den Raum, in dem das Mädchen lag, und nahm es bei der Hand; da stand es auf. Die Nachricht davon verbreitete sich in der ganzen Gegend.

Markus (Übersetzung von Stier)

Als Jesus querüber zur anderen Seite gefahren war, scharte sich abermals viel Volk um ihn. Er war eben am See, da kommt einer der Synagogenvorsteher namens Jairus und fällt, als er ihn sieht, ihm zu Füßen und bittet ihn flehentlich: „Meine Tochter ist am letzten! Komm doch und leg ihr die Hand auf, dass sie gerettet wird und leben bleibt!“ Da ging er mit ihm und viel Volk zog ihm nach, und eng umdrängten sie ihn.

Und ein Weib – das hatte den Blutfluss 12 Jahre – hatte viel gelitten von vielen Ärzten und verbraucht ihre ganze Habe, aber nichts war ihr genützt, eher war's noch schlimmer mit ihr gekommen, da hörte sie von Jesus, kam in der Menge und berührte von hinten sein Kleid. Denn sie sagte sich: „Wenn ich auch nur seine Kleider berühre, so werde ich geheilt.“ Und gleich ward getrocknet der Quell ihres Blutes, und sie merkte am Leib, dass sie geheilt war von der Plage.

Und gleich merkte Jesus in sich, dass aus ihm die Kraft herausgegangen, wandte sich in der Menge um und sagte: „Wer hat meine Kleider berührt?“ Da sagten seine Jünger zu ihm: „Du siehst, wie das Volk dich umdrängt, und da fragst du: wer hat mich berührt?“ Und er blickte um sich her, um die zu sehen, die es getan hatte. Erschreckt und zitternd, da sie wusste, was ihr geschehen, kam das Weib, fiel vor ihm nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit.  Er aber sprach zu ihr: „Tochter, dein Glaube hat dich geheilt. Geh in Frieden und sei gesund, ledig deiner Plage!“

Noch während er redet, kommen sie vom Synagogenvorsteher und sagen: „Deine Tochter ist gestorben! Was behelligst du noch den Meister?“ Aber Jesus, der nebenbei gehört hatte, was da geredet wurde, sagte zum Synagogenvorsteher: „Fürchte nicht! Glaube nur!“ Und nun ließ er niemand zum Geleite mitgehen außer Petrus, Jakobus und Johannes, den Bruder des Jakobus. So kommen sie zum Haus des Synagogenvorstehers, und er bemerkt Lärm und wie sie weinen und wehklagen. Er geht hinein und sagt zu ihnen: „Was lärmt und weint ihr? Das Kind ist nicht gestorben, es schläft.“  Da verlachten sie ihn. Er aber treibt alle hinaus, nimmt den Vater des Kindes und die Mutter samt seinen Begleitern und geht hinein, wo das Kind war. Und da fasst er das Kind bei der Hand und spricht zum ihm: „Talita kum!“, das heißt übersetzt: „Mädchen, ich sage dir: steh auf!“ Und gleich stand das Mädchen auf und ging einher; es war ja 12 Jahre alt. Und gleich überkam sie Entsetzen, großes Entsetzen. Und er gebot ihnen streng, niemand dürfe es erfahren, und sagte, man solle ihr zu essen geben.

Liebe Gemeinde!

Wenn man den Matthäus-Text hört oder liest, dann kommt der einem irgendwie unbekannt vor. Der Markus-Text ist viel bekannter, z.B. aus dem Kindergottesdienst.

Auf den ersten Blick überraschen diese Unterschiede. Aber ich finde es sehr schön, dass wir vier Evangelien haben. Solche Unterschiede haben die Bibelkritik gefördert, die Freiheit im Umgang mit der Schrift. So ist sie für mich einerseits heilig und Gottes Wort, aber andererseits auch Menschenwort und es ist spannend, da genauer hinzuschauen.

Betrachten wir nun zuerst mal die wichtigen Unterschiede im einzelnen: Matthäus schreibt viel kürzer als Markus. Sein Stil ist sachlich kühl. Markus dagegen schreibt mit Herzblut, voll starker Gefühle, mit viel mehr Einzelheiten.

Am Anfang gibt es einen wichtigen Unterschied: bei Matthäus sind nur die von Jesus berufenen Jünger da. Bei Markus dagegen spielt sich das meiste mitten in einer aufgeregten Volksmenge ab. Schon deshalb wirkt der Markustext dramatischer, der Matthäustext dagegen zurückhaltend.

Gleich zu Beginn gibt es noch einen Unterschied. Bei Matthäus hat der Synagogenvorsteher keinen Namen, bei Markus heißt er „Jairus“ (zu deutsch: „Gott erleuchtet“). Markus stimmt die Zuhörer auf eine wichtige „Erleuchtung“ ein, Matthäus spielt die Begebenheit herunter.

Ein weiterer auffälliger Unterschied: bei Matthäus ist das Mädchen gleich zu Beginn gestorben, bei Markus dagegen stirbt das Mädchen erst genau in dem Augenblick, in dem die blutflüssige Frau geheilt wird. Genau in diesen Zusammenhang gehört auch die Altersangabe für die Tochter des Jairus. Matthäus nennt gar kein Alter, Markus gibt es mit 12 Jahren an – d.h.: die Tochter des Jairus ist genau in dem Augenblick geboren, in dem die Frau am Blutfluss erkrankt, und sie stirbt genau in dem Moment, in dem die Frau geheilt ist.
Es gibt noch weitere Unterschiede: bei Markus bittet Jairus flehentlich, bei Matthäus ohne Emotionen. Markus erzählt ausführlich die lange Vorgeschichte, wie sich die blutflüssige Frau 12 Jahre lang mit den Ärzten gequält hat. Keiner konnte helfen, das war schon damals so, wenn jemand psychosomatisch erkrankt war. Dann gibt man oder frau unter Umständen das ganze Geld aus, und keiner kann helfen. Dabei kann ein Blutfluss ein Weinen der Seele sein, der Körper wehrt sich dann unbewusst gegen einen ungeliebten Ehepartner – damals wurden die jungen Menschen oft einfach verheiratet, ohne dass es eine echte Liebesbeziehung war. Jedenfalls war die Frau aus Sicht der Gesellschaft unrein, und ihr Mann durfte sie nicht anfassen, 12 Jahre lang. Eine solcher Liebesentzug verschlimmert eine Krankheit immer mehr, und die Beziehung leidet darunter.

Markus erzählt weiter, wie die Frau sich im Schutz der Menge etwas traut, was verboten ist: sie berührt den berühmten Heiler Jesus und macht ihn damit unrein. Gerade dadurch dass sie sich das traut, wird sie geheilt. Jesus sagt erst einmal gar nichts, schon hier können wir erkennen, dass es der Glaube der Frau ist, der die Heilung bewirkt hat.

Damit jeder merkt, dass hier ein Gesetzesbruch vorliegt, betont Markus diesen Abschnitt mit voller Absicht – ganz im Gegensatz zu Matthäus, der genau diesen Bruch herunterspielt. Bei Markus will Jesus öffentlich demonstrieren, dass es notwendig ist, ein lebensfeindliches Gesetz zu übertreten. Jesus stellt die Frau zunächst scheinbar öffentlich bloß. „Wer hat meine Kleider berührt?“ Die Jünger wollen das verharmlosen, als wäre das alles bloß ein Zufall in der dichtgedrängten Menge. Aber Jesus lässt nicht locker, er schaut prüfend auf die Umstehenden.

Er sieht die zitternde und verängstigte Frau. „Will er mich jetzt fertigmachen und abkanzeln?“, so denkt sie bei sich. Doch jetzt ist ihr alles egal. Sie steht zu dem, was sie getan hat. Sie erzählt die ganze Wahrheit – öffentlich. Und Jesus? Er hat diesen Mut herausgefordert und jetzt nimmt er die Frau in Schutz. „Sei gesund, sei ledig deiner Plage!“ Die Angst ist auch eine solche Plage, von der sie jetzt geheilt wird.

Bei Markus geht das Drama weiter. Im Moment der Heilung der Frau ist das Mädchen gestorben. Das Mädchen ist 12 Jahre alt, es ist in dem Moment geboren, wo die Frau krank geworden war, und es stirbt in dem Augenblick, wo die Frau gesund wird.

Jesus ist mit 3 Jüngern und den Eltern bei dem Mädchen, er spricht das Mädchen an, er wird wörtlich aramäisch zitiert: Talita kum. Furcht und Entsetzen bei allen. Jesus verlangt respektvolles Geheimhalten.

Bei Matthäus gibt es kein Entsetzen, Jesus ist allein bei dem Mädchen, er sagt nichts, er reicht ihr nur die Hand. Es gibt keine Geheimhaltung, sondern großes Weitererzählen.

Wir sehen viele Unterschiede zwischen Matthäus und Markus. Markus betont den Gesetzesverstoß der Frau. Matthäus bagatellisiert ihn. Markus betont die Gefühle, Matthäus ist sachlich kühl.

Markus ist für mich im Moment der wichtigere Text. Denn das eigentliche Thema: Heilung durch den Mut zum Risiko und durch die Liebe von Jesus wird nur bei Markus wirklich deutlich.

Durch die Nähe von Jesus hat die Frau den Mut zum Risiko. Sie war durch den Blutfluss daran gehindert, wirklich Frau zu sein. Sie galt als unrein. Ihr Mann durfte sie nicht berühren. 12 Jahre lang.

Gleichzeitig stirbt das kleine Mädchen. Noch eine Gleichzeitigkeit: das Mädchen wurde geboren, als die Frau krank wurde. Diese Gleichzeitigkeiten legen es nahe, die Geschichte tiefenpsychologisch zu deuten im Sinne von C.G. Jung.

Tiefenpsychologische Deutung heißt, einen Bibeltext so zu deuten wie einen Traum. Das ist legitim, weil manche Texte ursprünglich auf Träume zurückgehen; solche Träume hatten Menschen, die ein dramatisches Heilungserlebnis hinter sich hatten, und diese Träume waren so intensiv, dass sie sie als reales Erlebnis schilderten, und so wurden die Träume dann zu Wundergeschichten. Dafür spricht auch, dass Markus beschreibt, wie Jesus fordert, das Geschehen geheimzuhalten – weil es eine Geschichte ist, die nur ein „innerer Kreis“ versteht, d.h. Menschen, die für eine symbolische Deutung offen sind.

In Träumen sind die handelnden Personen oft Symbole für Persönlichkeitsteile der träumenden Person (Deutung auf der Subjektebene).

Ursprünglich war es also vielleicht ein Traum einer Frau, die durch Jesus zum Leben befreit wurde. Dieser Traum schildert dramatisch, wie diese Frau auch als Erwachsene, Verheiratete 12 Jahre lang ein kleines Mädchen bleibt. Ihre Krankheit verhindert, dass ihr Mann sie berührt. Der Blutfluss könnte so etwas wie die Tränen ihrer Seele sein, weil ihr Mann sie nicht liebt. Da reagiert der Körper psychosomatisch mit ständigem Blutfluss. Das wiederum führt dazu, dass ihr Selbstwertgefühl immer schwächer wird, die erfolglosen Besuche bei den Ärzten sind logisch, denn sie ändern nichts an der Ursache – der Lieblosigkeit in der Beziehung. So fühlt sie sich wie ein Kind, wie ein todkrankes Kind.

Dann hört sie von Jesus, dass der einer für hoffnungslose Fälle ist. Sie spürt bei ihm eine starke liebevolle Ausstrahlung, und sie wagt es, das Gesetz zu brechen und ihn zu berühren. Da hört ihr Blutfluss auf. Sie fühlt sich auf einmal mutig und von Gott geliebt. Eine Krise gibt es gleich darauf, als sie öffentlich zu ihrem Gesetzesbruch stehen muss. Aber es ist zugleich therapeutisch, denn jetzt wird sie bereit, erwachsen zu sein und die Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen.

Erwachsen zu sein heißt aber auch: jetzt ist sie kein kleines Mädchen mehr, das kleine Mädchen in ihr muss erstmal sterben, so denkt sie jedenfalls. So denken viele: wenn wir erwachsen sein müssen, dann ist das alles ganz furchtbar ernst und freudlos. Auch diese Fehlhaltung heilt Jesus, indem er das kleine Mädchen in ihr wieder lebendig macht. So wie Jesus an anderer Stelle zu seinen Jüngern gesagt hat: „Wahrlich, ich sage euch, wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der kann nicht hineinkommen.“ Jetzt erst ist die Frau ganz heil, wie ein Kind Gottes fühlt sie sich, wie neugeboren. Voller Glaube und Gottvertrauen.

Dieses traumhaft dramatische Geschehen will uns modernen Menschen ermutigen: verstoßt gegen Gesetze, die lebensfeindlich sind, überschreitet Grenzen, die euch krank machen – nicht willkürlich, sondern indem ihr euch in die Nähe von liebevollen Menschen wie Jesus begebt und euch berühren lasst. Ihr sollt erwachsen sein, Verantwortung für euer Leben übernehmen, aber nicht verbissen und ängstlich, sondern fröhlich wie ein Kind Gottes.

Seid anders als die Welt!

1.Joh.  2,7-17: Ihr Kinder, ich gebe es euch schriftlich: Eure Verfehlungen sind vergeben; das verbürgt der Name Jesus Christus. Ihr Väter und Mütter, ich gebe es euch schriftlich: Ihr habt den erkannt, der von Anfang an da ist. Ihr jungen Leute, ich gebe es euch schriftlich: Ihr habt den Teufel besiegt. So habt ihr es jetzt schwarz auf weiß, ihr Kinder: Ihr habt den Vater erkannt! Ihr habt es schwarz auf weiß, ihr Väter und Mütter: Ihr habt den erkannt, der von Anfang an da ist! Ihr habt es schwarz auf weiß, ihr jungen Leute: Ihr seid stark, denn das Wort Gottes ist in euch lebendig und ihr habt den Teufel besiegt! Liebt nicht die Welt und das, was zu ihr gehört! Wer die Welt liebt, in dessen Herz gibt es keine Liebe zum Vater. Die Welt ist erfüllt von der Gier der Triebe und Sinne, von der Gier der Augen, vom Prahlen mit Geld und Macht. Das alles kommt nicht vom Vater, sondern gehört zur Welt. Die Welt vergeht und mit ihr die ganze Lust und Gier. Wer aber tut, was Gott will, wird ewig leben.

Liebe Gemeinde!

Mal wieder ein Text im schönsten Kirchendeutsch! Man versteht als moderner Mensch nicht wirklich, worum es hier geht. Man spürt nur: der Apostel Johannes regt sich hier so richtig auf: „Ich gebe es euch schriftlich, eure Verfehlungen, eure Sünden sind vergeben!“ Es reicht nicht aus, nur kurz davon zu reden, nein er unterstreicht es durch mehrfache Wiederholungen. Er spricht ausdrücklich die verschiedenen Altersgruppen an. Die frohe Botschaft gilt für alle. Für den Apostel Johannes ist diese Botschaft von der Sündenvergebung das Entscheidende.

Was aber bedeutete das? Für die Welt vor 2000 Jahren, für die Menschen, die damals vor 2000 Jahren lebten, war klar: Gott oder die Götter verlangten Opfer, damit sie den Menschen gnädig sind, damit sie den Menschen die Sünden vergeben konnten. Darin waren sich Juden und Heiden einig, und sie bauten Tempel, in denen man entweder dem einen Gott wie bei den Juden oder aber den vielen Göttern wie bei den Römern opfern konnte. Denn: Nur wenn einem der große Gott oder die Götter gnädig waren, dann hatte man ein gesegnetes Leben, nur dann blieb man von Krankheiten verschont und hatte Glück im Beruf und in der Liebe. So glaubten die meisten. Und die Priester lebten recht gut von den vielen Opfergaben. Und wenn es dann mal nicht so klappte mit der Gnade Gottes oder der Gnade der Götter, dann war das aus ihrer Sicht eine göttliche Strafe für die Verfehlungen und Sünden des betreffenden Menschen oder vielleicht auch seiner Eltern. Die Götter waren angeblich streng, aber gerecht, und man konnte sie mit Opfergaben besänftigen.
Und nun war einer gekommen, der hatte Gott ganz anders erlebt. Jesus hatte bei seiner Taufe  eine starke Stimme gehört: Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. „Das war die Stimme Gottes!“, so spürte es Jesus. Hatte Jesus vor seiner Taufe irgendwelche Opfer gebracht? Nein, überhaupt nicht, das Einzige war, dass er spürte: so geht es nicht weiter mit meinem Leben. Ich kann nicht ewig Zimmermann in Nazareth bleiben. Ich habe andere Fähigkeiten und Begabungen. Und deshalb ließ er sich taufen von Johannes, der für ihn wie für viele andere ein Vorbild war. Auch Johannes war ausgestiegen aus seinem Beruf, Johannes hatte davon geredet, dass Gottes Reich nahe ist. Das hatte Jesus beeindruckt, und er ließ sich taufen. Jesus brachte Gott keine Opfer, sondern einen Neuanfang. Deshalb tauchte Jesus unter im Jordan. Er ging zurück in die Mutter Erde, er tauchte dann neu auf und erblickte das Licht der Welt neu, und er hörte die Stimme. Jesus merkte: Gott liebt mich einfach so, ohne dass ich ein Opfer bringen muss. Das einzige ist, dass ich diese Stimme Gottes wahrnehmen muss.
Jesus war davon so erfüllt, so begeistert, dass er eine völlig neue Gottes-Sicht bekam: Gott will gar keine Opfer, der Prophet Micha hatte Recht und nicht die Priester. Jesus vertraute auf diese Stimme, er probierte es aus, danach zu leben, und er merkte, diese neue Lebenshaltung ist möglich, sie ist lebbar, und nicht nur das, sie ist viel, viel besser als die alte Opferhaltung. Deshalb konnte Jesus voller Freude zu den andern Menschen sagen: Eure Sünden sind euch vergeben! Gott liebt euch, weil er wie ein guter Vater ist. Jesus spürte es, wie Kranke gesund wurden, wenn er zu ihnen sagte: deine Sünden sind dir vergeben. Gott gibt dir eine neue Chance, weil er dich lieb hat.

So lebte und handelte Jesus gegen die Lehre der Priester, gegen die Lehre der Pharisäer und Schriftgelehrten. Er gab den Menschen ihr Gottvertrauen zurück, das sie verloren hatten. Bei jedem Schicksalsschlag, bei jedem Missgeschick, bei jeder Krankheit hatten sich die Menschen wie Hiob gefragt: was habe ich verbrochen? Warum straft mich Gott? Und die Priester und die Pharisäer fanden immer etwas, was verkehrt war, und – wenn wir ehrlich sind – man findet ja bei jedem auch irgendwelche Verfehlungen und Sünden. Dagegen sollten dann die Opfer helfen, aber meistens halfen sie nicht, weil es immer wieder neue Schicksalsschläge oder Krankheiten gab. So war bei vielen das Gottvertrauen zerbrochen, entweder hatte man gewaltige Angst vor der Strafe Gottes, oder aber man glaubte nicht mehr wirklich an Gott; viele ließen deshalb jetzt den lieben Gott einen guten Mann sein, und lebten verantwortungslos in den Tag hinein.Das ist die Haltung der Welt, wie sie der Apostel Johannes beschreibt.

Da war Jesus eine Alternative. Er sah Schicksalsschläge und Krankheiten nicht als Strafen Gottes an, sondern als Bewährungsproben, die man dann aushalten und ertragen konnte, wenn man sich gegenseitig stützte und liebhatte und wenn man in der Krise spürte, dass Gott einen gerade auch dann tragen konnte. Und Jesus spürte, dass Gott auch stärker ist als der Tod. Jesus hatte so eine starke Glaubenshoffnung, er hatte keine Angst vor dem Tod, auch keine Angst vor dem Gericht. Jesus wurde so zu einer Lichtgestalt, er gab den Menschen neue Hoffnung in ihrer Angst und Dunkelheit.

Manche Menschen hatten Jesus auch falsch verstanden, sie dachten: wir können tatsächlich völlig ohne Verantwortung handeln, und sie lebten, ohne sich groß um Gebote zu kümmern. Auch dagegen wendet sich der Johannesbrief.

Wie ist das nun bei uns heutigen?

Es gibt auch heute die Flucht in die Verantwortungslosigkeit, die Welt bietet viele Möglichkeiten der bloßen Zerstreuung.

Auf der anderen Seite gibt es auch eine problematische Form der Verantwortung.

Der primitive Opferglaube ist unter den Christen weitgehend verschwunden. Das ist sehr gut so. Sowohl bei den Katholiken wie auch bei den Protestanten. Da hat Martin Luther nachgewirkt. Aber unter der Hand hat sich ein neuer Opferglaube durchgesetzt, der sich auf problematische Weise mit dem Gedanken der Nächstenliebe verbindet.

Viele Eltern bringen z.B. große Opfer, um den Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Sie geben viel Geld aus für Computer-Lernhilfen, für Nachhilfeunterricht, sie ermöglichen den Kindern Unterricht an Musikschulen oder beim Ballett. Aber sie haben nie wirklich Zeit für ihre Kinder. Sie überfordern sich selbst und auch die Kinder. Es fehlt der Freiraum, um einfach so miteinander etwas Sinnvolles zu machen. So entsteht Stress in vielen Familien, und die guten Absichten werden unter der Hand ins Gegenteil verkehrt. Opfer und Nächstenliebe verkehrt.

Ähnliches passiert vielen Erwachsenen. Sie versuchen in ihrem Beruf dadurch mitzuhalten, dass sie sich ständig fortbilden, hier ein Kursus, dort ein Seminar – alles zusätzlich zur normalen Arbeit, und dann fehlt die Zeit, fehlt der Freiraum, um entspannt mit der Familie oder den Freunden sinnvoll zusammenzusein.Auch hier: Opfer und Nächstenliebe verkehrt.

Deshalb würde heute die frohe Botschaft lauten: ihr braucht keine übertriebenen Opfer für eure Kinder zu bringen, auch nicht für eure eigene berufliche Fortbildung. Sondern nehmt euch stattdessen Zeit füreinander; nehmt euch Zeit zum Reden, Zeit zum Spielen, Zeit zum Essen – das kostet viel weniger Geld und schafft echte und stabile Beziehungen. Das ist die moderne Form der Nächstenliebe. Das ist die aktuelle frohe Botschaft!

Kann Beten Gott beeinflussen?

2.Mose 32,7-14: Der HERR sprach aber zu Mose: Geh, steig hinab; denn dein Volk, das du aus Ägyptenland geführt hast, hat schändlich gehandelt. Sie sind schnell von dem Wege gewichen, den ich ihnen geboten habe. Sie haben sich ein gegossenes Kalb gemacht und haben's angebetet und ihm geopfert und gesagt: Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat. Und der HERR sprach zu Mose: Ich sehe, dass es ein halsstarriges Volk ist. Und nun lass mich, dass mein Zorn über sie entbrenne und sie vertilge; dafür will ich dich zum großen Volk machen. Mose aber flehte vor dem HERRN, seinem Gott, und sprach: Ach HERR, warum will dein Zorn entbrennen über dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast? Warum sollen die Ägypter sagen: Er hat sie zu ihrem Unglück herausgeführt, dass er sie umbrächte im Gebirge und vertilgte sie von dem Erdboden? Kehre dich ab von deinem grimmigen Zorn und lass dich des Unheils gereuen, das du über dein Volk bringen willst. Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen und verheißen hast: Ich will eure Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel, und dies ganze Land, das ich verheißen habe, will ich euren Nachkommen geben, und sie sollen es besitzen für ewig. Da gereute den HERRN das Unheil, das er seinem Volk zugedacht hatte.

Liebe Gemeinde!
Mose war nach langer Abwesenheit vom Berg zurückgekommen und war schockiert. Das Volk feierte ein Fest, es tanzte um das goldene Kalb, besser gesagt: um einen goldenen Stier und verehrte ihn offensichtlich als Gottesbild.
Solch ein Gottesbild ist schändlich, sagt die Bibel: Es ist eine Sünde! – Aber wieso ist ein bilderloser Kult eigentlich besser? – Bilderloser Kult ist Kontakt zur unsichtbaren Kraft – Gott ist dann ein dynamischer Gott: „Ich werde sein, der ich sein werde“, so hatte sich Gott gegenüber Mose am brennenden Dornbusch vorgestellt – er ist ein lebendiger Gott – der goldene Stier ist dagegen ziemlich tot. Er ist auch als Symbol nur begrenzt brauchbar: er hat nur männliche Seiten, er ist nur stark. Und: Er ist viel zu teuer für ein armes Volk. Das Volk musste seinen ganzen Goldschmuck dafür hergeben. Und er steht nur an einem Ort. Man muss immer zum Heiligtum gehen, wo er gerade aufgestellt ist; ein bilderloser Gott ist dagegen überall. Ein bilderloser Gott ist demokratisch! Das war Moses' besonderes Lebenswerk: Ein bilderloser Gott für alle, auch für die Ärmsten der Armen.

Gott spricht nun zu Mose: „Lass mich, dass mein Zorn über sie entbrenne und sie vertilge; dafür will ich dich zum großen Volk machen.“ Mose spürt einen heiligen Zorn, der ist so stark, dass er meint, es sei Gottes Zorn. Und eine Seite in Mose selbst will am liebsten dieses Volk vernichten, das gerade einen Teil seines Lebenswerks zerstört hat und eine Religion eingeführt hat, die einen starren Gott, einen Gott nur für die Reichen in den Mittelpunkt stellt. Das ist die eine Seite in Mose.

In Mose kämpfen zwei Seiten. Die andere Seite in Mose fleht: „Warum soll das Volk vernichtet werden? – Die Ägypter werden schadenfroh lachen.“ Auch sein, Moses', Lebenswerk, ist dann dahin. Mose spricht deshalb zu Gott: „Kehre dich ab von deinem Zorn, denke an Abraham..., an deinen Schwur!“ Da gereut den Herrn das Unheil, das er geplant hat. So heißt es in der Bibel. Das bedeutet: Mose machte genau wie Abraham die erstaunliche Erfahrung, dass Gott mit sich handeln lässt. Wie ist das denkbar?

Psychologisch gesehen könnte folgendes passiert sein: Mose erlebte einen so starken Zorn, wie er ihn selbst noch nie erlebt hatte, dieser göttliche Zorn hatte ihn ergriffen. Er hatte wirklich das Gefühl, Gottes Zorn zu spüren. Gegen diesen Zorn betete Mose an, und er argumentierte dagegen an. Und tatsächlich: dieser göttliche Zorn ging zurück.

Kann also Beten Gott beeinflussen? Besser müsste man sagen: Beten kann unsere Wahrnehmung von Gott beeinflussen!

Hat Jesus auch so gebetet? Schauen wir uns sein Gebet an: Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden, unser täglich Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unsern Schuldigern (das ist eine eindeutige Bitte an Gott, seine Sichtweise zu ändern) und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen (auch das wendet sich an Gott). Schauen wir uns die Bitte „Vergib uns unsere Schuld!“ genauer an, denn in dieser Bitte wollen wir eindeutig erreichen, dass Gott sich verändert.

Dazu ein Beispiel: Du hast etwas Falsches getan und Schuldgefühle lähmen dich. Und dann tust du gar nichts und hast ein schlechtes Gewissen. Da hat z.B. ein Junge, nennen wir ihn Fritz, eine Freundin, sie heißt Mona, er findet sie nett, und die beiden verstehen sich gut, und sie gehen zusammen auf Partys am Wochenende. Fritz sagt zu Mona, dass er sie liebt, obwohl er gar keine starken Gefühle für Mona hat. Er weiß noch gar nicht, dass es solch starke Gefühle geben kann. Mona dagegen vertraut den Worten von Fritz und macht schon in ihrer Phantasie tolle Zukunftspläne für sich, in denen Fritz eine große Rolle spielt. Auf einer der Partys lernt Fritz eine andere kennen, in die er sich zum ersten Mal im Leben heftig verliebt. Er trifft sich auch noch weiterhin mit Mona, weil er das immer getan hat, Gewohnheiten ändert Fritz nicht so schnell. Aber er chattet ganz viel mit der Neuen. Nach kurzer Zeit merkt Fritz, dass er sich immer unwohler fühlt. Er muss etwas tun, er muss sich entscheiden. Er entscheidet sich für die Neue. Weil er davor Angst hat, es Mona zu erzählen, schreibt er ihr eine SMS: Ich mach Schluss, weil ich das so nicht mehr aushalte. Jetzt fühlt Fritz sich besser, regelrecht befreit.

Wie schockiert ist er, als er drei Tage später einen richtigen handgeschriebenen Brief von Mona bekommt. Mona schreibt, die SMS hätte sie wie ein Hammer getroffen. „Warum hast du nicht geredet?“ Sie schrieb Fritz, dass sie die ganze Nacht geweint habe.

Fritz hat ein schlechtes Gewissen. Er weiß nicht, was er tun soll. Er kann nicht schlafen. Der Brief von Mona hat ihn tief getroffen. Im Schlaf hat er das Gefühl, er habe gegen Gottes Gebot verstoßen.

Gott sagt ihm durch sein Gewissen: du hattest Schuld. Diese Schuld lähmt ihn, er hat keine Energie mehr – und da kommt er auf die Idee, zu beten. Intensiv zu beten: Lieber Gott, ich hab so viel falsch gemacht bei Mona, ich hab ihr gesagt, dass ich sie liebe, obwohl ich noch gar nicht wusste, was das heißt, lieber Gott, ich hab ihr dann nur eine kurze SMS geschrieben, dass es aus ist. Ich hab sie schwer verletzt und gekränkt. Lieber Gott, und jetzt hab ich die große Liebe gefunden, und ich bin gelähmt vor Schuld. Hilf mir, lieber Gott! Nimm diese Schuld von mir. Und durch dieses Gebet verändert sich etwas in Fritz. Er bekommt neue Energie. Er spürt, wie in ihm der Gedanke kommt, ich schreibe jetzt Mona auch einen langen ausführlichen Brief, wo ich noch einmal alles, was passiert ist, aufschreibe. Fritz hat das Gefühl, dass Gott ihm diesen Gedanken als Antwort auf das Gebet gegeben hat, und dass Gott ihn jetzt nicht mehr schuldig spricht, sondern ihm seine Schuld vergibt.

Jesus hat es Jesus einmal zu einer Frau gesagt: deine Schuld ist dir vergeben, geh hin und sündige hinfort nicht mehr. – D.h. sei jetzt aufmerksam. Du wirst die Schuld los, indem du etwas tust. Etwas wieder gut machst, z.B. bei Mona, indem du ihr ganz ehrlich sagst, was gewesen ist bei dir. Auch wenn das peinlich ist für dich. Und wenn du am besten deiner neuen großen Liebe auch gleich diese Wahrheit sagst, was du für ein Kerl bist, dann zeigt sich nämlich auch, ob es wirklich die große Liebe ist.

Verändert sich Gott durch Gebete? Ob er sich wirklich durch Gebete verändert, wissen wir nicht, aber wie wir Gott empfinden, wie wir ihn hören und spüren, wie wir ihn wahrnehmen, das kann sich verändern, und das ist tröstlich und gut so. Das war so bei Mose, das war so bei Jesus, das kann so bei uns sein. Amen.


Jeder Mensch trägt Gott in seiner Seele


Apostelgeschichte 17,22-29: Paulus aber stand mitten auf dem Areopag und sprach: Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt. Ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt. Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darin ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind. Auch lässt er sich nicht von Menschenhänden dienen wie einer, der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt. Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen, damit sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts. Da wir nun göttlichen Geschlechts sind, sollen wir nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht.

Liebe Gemeinde!

Mit diesem Text hatte ich früher immer meine Schwierigkeiten und Probleme. Ich las als Kind sehr gern die griechischen und römischen Götter- und Heldensagen. Warum sollte die Verehrung nur eines Gottes besser sein als der phantasievolle Götterolymp? Jetzt endlich ist es mir klargeworden.

Bei dem Predigttext handelt es sich um die sogenannte „Areopag-Rede“ des Apostels Paulus. Der Areopag ist der große Marktplatz von Athen, der damals von vielen Göttertempeln umsäumt war. Außerdem fand man viele Handwerker und Künstlerwerkstätten, wo Götterbilder hergestellt wurden.

Paulus hat sich das genau angeschaut, sein Fazit war: „Ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt - ihr seid fromme Menschen, ihr tut etwas für die Religion.“ Er holt in seiner Rede die Leute da ab, wo sie sind, ja er macht ihnen sogar ein Kompliment. Er zeigt, dass er sie versteht.

Ein Opferaltar ist ihm aufgefallen: daran stand die Inschrift: „dem unbekannten Gott“ - daraus kann man schließen: die Menschen wollten alle Götter gnädig stimmen und dabei keinen vergessen: sie wollten so alles positiv beeinflussen: das überpersönliche Schicksal - also Krieg und Frieden, Unwetter, Erdbeben, Katastrophen, Krankheiten und das persönliche Schicksal: Liebe, beruflichen Erfolg, Leistungsfähigkeit, Gesundheit, Kinderwunsch, Attraktivität - sie wollten die Götter gnädig stimmen durch Opfer, Anbetung und Lobgesang

Was bringt die Götterverehrung? Wieso macht man sowas? Es ist eine spontane Reaktion der primitiven, einfachen Menschen: besser man tut überhaupt etwas als gar nichts. Die Vorstellung, es gibt mehrere Götter hat sich mit der Zeit in den Hochkulturen Griechenlands und Roms sehr verbreitet - so wurden z.B. den Kriegsgott Mars und die Jagdgöttin Diana, die Liebesgöttin Venus und die Fruchtbarkeitsgöttin Juno verehrt.

Beispiel: die Römer wollten gegen ein anderes Volk kämpfen, dann opferten sie vor der Schlacht dem Kriegsgott Mars, sie beteten zum ihm, und aufgrund ihrer technischen Überlegenheit gewannen sie fast immer die Kämpfe, und so verfestigte sich der Glaube daran, dass der Kriegsgott Mars ein sehr wirksamer Gott war. - Wenn ein Mädchen verliebt war, dann schrieb sie damals nicht einfach eine SMS, auch nicht gleich einen Brief, das tat man nicht, sondern sie ging erstmal in den Tempel der Göttin Venus, opferte etwas, die Priesterin segnete sie und dann hatte sie genügend Mut gefunden, um einen Brief an den heimlichen Geliebten zu schreiben, und oft führte dieses Vorgehen zum Erfolg.

Aber warum schadete die Götterverehrung, der Polytheismus der Gesellschaft? Es war eine wirtschaftliche Katastrophe: es gab eine riesige Vielzahl von Göttern, und damit verbunden von Tempeln und Priestern, die alle bezahlt werden mussten, außerdem gab es jede Menge Feiertage, was das regelmäßige Arbeiten verhinderte. Der Polytheismus war deshalb eine Religion der reichen römischen und griechischen Oberschicht, die nicht arbeiten musste, sie hatten ja ihre Sklaven,

Israel war dagegen ein Volk ohne dauerhafte Sklaverei. Und es war ein Volk von befreiten Sklaven, dem Mose als oberstes Gebot das folgende gegeben hatte: ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägypten, aus der Sklaverei, geführt habe, du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Dieser Glaube an den einen Gott hatte sehr positive Folgen: man brauchte immer nur in einen Tempel zu gehen zum Opfern und zum Beten, wenn man ein Anliegen hatte, also wenn z.B ein Feldzug bevorstand oder wenn eine kinderlose Frau sich dringend ein Kind wünschte. Das war machbar und bezahlbar für das ehemalige Sklavenvolk. Man brauchte nur einen Tempel für den einen Gott in Jerusalem und man brauchte nur relativ wenige Priester zu bezahlen.

Ursprünglich war der jüdische Monotheismus auf das jüdische Volk beschränkt, sogar Jesus glaubte zunächst, er sei nur gesandt zu den verlorenen Schafen vom Hause Israel.

Dann - durch Jesus schon vorbereitet - fand nach seinem Tod der Wandel zur Weltreligion statt: das Urchristentum war sehr anziehend für die armen Leute im römischen Reich (wozu auch Griechenland gehörte), die sich das viele Geld für die Opfer in den zahlreichen Tempeln nicht leisten konnten. Und so hatte Paulus mit seiner Predigt einen gewaltigen Erfolg. Es war jetzt sogar noch attraktiver als das Judentum, weil gar keine Opfer mehr nötig waren, um den einen Gott gnädig zu stimmen. Man wusste ja, das ist ein gnädiger, ein liebevoller Gott, der zum Beispiel einen solchen Sünder wie Paulus nicht dafür bestraft hatte, dass er die Christen verfolgt hatte, sondern Paulus spürte, wie Gott in seiner Seele lebendig war und ihm Kraft gab. Seine Sätze sind unglaublich schön: „Wir Menschen sollen Gott suchen, ob wir ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts. Da wir nun göttlichen Geschlechts sind, sollen wir nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht.“- Nein, die Gottheit ist in unserer Seele lebendig, und diese Botschaft des Paulus zeigt uns den wahren Weg zum Glauben.

Deshalb dürfen wir froh sein, dass auch wir Gott direkt finden können -seine Kraft schenkt er uns, wenn wir danach suchen und darum bitten. Das ist ein Grund zum Jubeln am Sonntag Jubilate.

In Gefahr und größter Not ist der Mittelweg der Tod!

Jesu Salbung durch die Sünderin, Lukas 7,36-50

Es bat ihn aber einer der Pharisäer, bei ihm zu essen. Und er ging hinein in das Haus des Pharisäers und setzte sich zu Tisch. Und siehe, eine Frau war in der Stadt, die war eine Sünderin. Als die vernahm, dass er zu Tisch saß im Haus des Pharisäers, brachte sie ein Glas mit Salböl und trat von hinten zu seinen Füßen, weinte und fing an, seine Füße mit Tränen zu benetzen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und küsste seine Füße und salbte sie mit Salböl. Als aber das der Pharisäer sah, der ihn eingeladen hatte, sprach er bei sich selbst und sagte: „Wenn dieser ein Prophet wäre, so wüsste er, wer und was für eine Frau das ist, die ihn anrührt; denn sie ist eine Sünderin.“ Jesus antwortete und sprach zu ihm: „Simon, ich habe dir etwas zu sagen.“ Er aber sprach: „Meister, sag es!“ „Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner. Einer war fünfhundert Silbergroschen schuldig, der andere fünfzig. Da sie aber nicht bezahlen konnten, schenkte er's beiden. Wer von ihnen wird ihn am meisten lieben?“ Simon antwortete und sprach: „Ich denke, der, dem er am meisten geschenkt hat.“ Er aber sprach zu ihm: „Du hast recht geurteilt.“ Und er wandte sich zu der Frau und sprach zu Simon: „Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen; du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; diese aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet. Du hast mir keinen Kuss gegeben; diese aber hat, seit ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen. Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat meine Füße mit Salböl gesalbt. Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.“ Und er sprach zu ihr: „Dir sind deine Sünden vergeben.“ Da fingen die an, die mit zu Tisch saßen, und sprachen bei sich selbst: „Wer ist dieser, der auch die Sünden vergibt?“ Er aber sprach zu der Frau: „Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden!“

Liebe Gemeinde!

Dies ist meine Lieblings-Bibelstelle. Ich finde: hier wird unglaublich gut klar, worin sich Jesus’ Lebenshaltung von anderen unterscheidet.

Heute haben wir etliche Kinder in der Kirche. Deshalb zunächst ein Beispiel für euch:  Stellt euch vor, ihr habt am Haus eine schöne Rasenfläche, wo ihr gut Fußball spielen könnt. Ihr seid so richtig begeistert dabei, aber - o Schreck! - da fliegt der Ball über den Gartenzaun beim Nachbarn in die Fensterscheibe.

Wir wollen mal sehen, wie unterschiedlich das ist, wenn der Nachbar wie ein Pharisäer ist oder aber wenn er einer wie Jesus ist.

Also: Wenn der Nachbar sich wie ein Pharisäer verhält, dann ist er streng und schimpft die Kinder aus. Zur Strafe behält er den Fußball. So handelt ein Pharisäer. Streng und bestrafend. - Ganz anders sieht es aus, wenn der Nachbar wie Jesus handeln würde, nachdem auch ihm ein Fußball in die Fensterscheibe geflogen ist. In diesem Fall würde er vernünftig mit den Kindern reden. Er würde ihnen erstmal erklären, dass auch er gern Fußball spielt oder gespielt hat. Er würde ihnen vorschlagen, in Zukunft besser eine Wiese weiter zu spielen, wo kein Haus mit Fensterscheiben in der Nähe steht. Und zur Wiedergutmachung dürfen die Kinder vielleicht den Hof fegen, dann bekommen sie den Ball zurück, nachdem sie mit diesem Nachbarn noch einen Versöhnungstee getrunken haben.

So könnte die Jesushaltung sein. Die Pharisäerhaltung dagegen ist übertrieben gesetzestreu, Regeln und Gebote werden sehr hoch geschätzt, ein beliebtes Wort ist „du musst“, und jeder Verstoß gilt als böse.

Nun kommen wir zurück zum Predigttext. Dort heißt es, die Frau war eine Sünderin. Die „Gute-Nachricht“-Bibel übersetzt: die Frau hatte einen schlechten Ruf. Einen schlechten Ruf kann man sehr schnell kriegen, meist dann, wenn man den Erwartungen der Leute nicht so richtig entspricht, z.B. den Rasen nicht so häufig mäht wie die anderen. - In meiner Studentenzeit hatte Prof. Thielicke einen schlechten Ruf bei den meisten Studenten, weil er konservativ war. Das war damals 1975 so. Und ich war total überrascht, wie lebendig die Vorlesung von Prof. Thielicke war. Der las nichts ab, sondern trug frei vor. Der lud uns Studenten zu sich nach Hause ein. Das machten die progressiven Dozenten eher nicht. So kann man sich irren, wenn man nur auf den schlechten Ruf achtet.

Ein aktuelles Beispiel: Eine junge verheiratete Pastorin geriet in einen schlechten Ruf in kirchlichen Kreisen, weil sie fremdgegangen sei und weil sie von diesem anderen Mann schwanger wurde. Diese Tatsache als solche wird verurteilt. Keiner fragte: warum tat sie das? Vielleicht haben ja gerade die kirchlichen Regeln sie in die Sünde getrieben, indem man an sie die Erwartung stellte: „Du musst verheiratet sein im Pfarramt, du kannst nicht einfach so mit deinem Freund zusammen leben.“ Viele sogenannte Muss-Ehen sind keine Liebesehen; und oft geraten gerade diese Muss-Ehen spätestens dann in eine massive Krise, wenn einer der Partner dann doch noch die echte große Liebe trifft.

Die Pharisäer fragen nicht nach solchen besonderen Umständen. Sondern die Tatsache als solche wird verurteilt. Und dann: schnell weg! Die heutigen Pharisäer in der Kirche sorgen dafür, dass nach außen hin alles ruhig erscheint. Die Pastorin muss möglichst weit weg von der alten Gemeinde. Früher machte man das generell, heute immerhin nur noch bei jüngeren, noch nicht verbeamteten PastorInnen. In der neuen Gemeinde teilt man kurz mit: getrennt oder geschieden. Keiner fragt nach. Die Pharisäer interessieren sich nicht für die genaueren Umstände.

Unsere Landesbischöfin hat sich scheiden lassen. Über die Gründe hält auch sie sich sehr bedeckt. Immerhin: sie darf im Amt bleiben. Aber die näheren Umstände werden aus Vorsicht und Rücksicht verschwiegen. Das finde ich schade, denn so ist es nicht wirklich nachvollziehbar.

Bei Jesus damals war das anders. Die „Sünderin“ ist stadtbekannt. Vielleicht war es die ertappte Ehebrecherin, die durch Jesus vor der Steinigung bewahrt worden ist. Jesus hatte es durchgesetzt, dass sie die Stadt nicht verlassen musste, obwohl jeder über sie Bescheid wusste. Vielleicht wusste man auch, was für eine Ehe ihre Eltern für sie arrangiert hatten... Jedenfalls geht sie noch einmal in die Männerdomäne, um sich auf ihre Art bei Jesus zu bedanken. Es fließen Tränen: Tränen der Freude und der Rührung, dass es solch einen unglaublichen Mann wie Jesus gibt; aber auch Tränen der Beschämung, weil sie spürt: wirklich verstanden und akzeptiert werde ich von den Pharisäern überhaupt nicht! Dennoch scheint sie zu merken: die Zukunft gehört Jesus, er ist der Herr, er ist menschgewordener Gott, und er hatte die Macht, mich aus meiner Not zu befreien. Das stärkt ihr Selbstbewusstsein so sehr, dass sie einen Rollentausch vollzieht.

Sie erkennt, dass der Rabbi Jesus von dem Pharisäer Simon nicht respektvoll behandelt worden ist. Der Rabbi Jesus hat schmutzige Füße. Jetzt „reinigt“ sie den, den Rabbi, der sonst normalerweise die Menschen von ihren Sünden reinigt. Wunderbar. Sie wäscht ihm mit ihren Tränen die Füße. Später wäscht Jesus seinen Jüngern die Füße, er hat hier gespürt, was für eine wundervolle Geste und Zeichenhandlung das ist.

Sie traut sich, inmitten der irritierten Männer Jesus noch näher zu kommen. Sie rückt ihm ganz eng auf den Pelz. Sie trocknet ihm mit ihren offenen langen Haaren die Füße.  Jesus wehrt das nicht ab. Er wartet sozusagen ab, was passiert. Vielleicht freut er sich, den Pharisäer so zu verwirren. Denn eigentlich sind das eindeutige erotische Signale.

Diese Signale verstärkt sie noch. Erotik ist auch eine Form der Dankbarkeit. Die Frau küsst Jesus wiederholt die Füße. Sie bedeckt sie mit Küssen. Sie hat eine unglaubliche Begeisterung, eine große Liebeskraft, weil sie spürt: der hält zu mir, der versteht mich. Ich werde von diesem Gott geliebt, der sich in Jesus zeigt.

Nach dem Tränen-Waschen und dem Füße-Küssen folgt die Salbung der Füße. Keine Nivea-Creme, sondern teures, kostbares Parfüm reibt sie in die Haut von Jesus. Sie schenkt ihm auch materiell alles, was sie hat, auf Frauenweise, vor Männerpublikum, das erstarrt ist. Keiner sagt etwas. Vorerst.

Lukas teilt uns mit, was der Pharisäer denkt. „Dieser Jesus muss irgendwie sehr unklug sein, überhaupt nicht clever. Sich von so einer so öffentlich anfassen zu lassen. Damit diskreditiert er sich doch selbst.“ Aber Jesus weiß sehr wohl, warum er das zugelassen hat. Die Handlungen der Frau bieten Möglichkeiten für eine Predigt, so anschaulich, so hautnah wie sonst nirgends.

Das Thema lautet: wie wird jemand liebesfähig?

Dazu fängt Jesus ganz harmlos an. Er erzählt ein Gleichnis. Zwei Schuldner bekommen ihre Schulden erlassen. Einer viel, einer wenig. Der eine liebt den Gläubiger viel, der andere weniger. Also: Man empfindet Liebe zu seinen Mitmenschen, wenn man aktiv war und dabei viel Fehler und Sünden begangen hat. Die Mitmenschen müssten einen eigentlich hassen. Doch indem sie mich überraschenderweise akzeptieren und lieben, werde ich dankbar und liebe diese Mitmenschen und liebe Gott, der durch diese Mitmenschen handelt. Der Pharisäer war wenig aktiv, hatte wenig Schulden (Sünden) gemacht, er vermied das Risiko. Er brauchte keine Sündenvergebung, weder durch Gott noch durch seine Mitmenschen. Deshalb liebte er wenig, er war nicht gastfreundlich.

Umgekehrt leitet Jesus daraus folgendes ab: wer viel gesündigt hat, wer sich damit auseinandergesetzt hat und wem diese Sünden vergeben sind, der kann viel lieben so wie diese Frau.

Martin Luther sagte es so: Sündige tapfer, aber noch tapferer liebe! Steh zu deinen Sünden, mach die Erfahrung: wenn du Fußball spielst, dann kannst du schon mal eine Fensterscheibe einschießen. Aber lauf nicht weg, sondern steh dazu, lass dich vielleicht ausschimpfen, lass dir dann vergeben, und dann spürst du: der Nachbar ist doch liebenswert! - Und wenn du dich verliebst, auch wenn du verheiratet bist, dann wehr das nicht gleich ab, sondern schau, ob das nicht doch ein lebenswichtiges Signal für dich ist. Geh das Risiko ein, verstoß notfalls auch gegen die Regeln deiner Gemeinschaft. Manchmal stimmt der Spruch eines Filmemachers: In Gefahr und größter Not ist der Mittelweg der Tod!

Hier an dieser biblischen Geschichte sehen wir sehr schön, dass Jesus uns deshalb Sünden vergeben kann, weil diese Sündenvergebung zugleich einen neuen Anfang ermöglicht. Er sagt einfach das, was er sieht, die Frau kann lieben, und deshalb sind ihr die Sünden vergeben. Hier hat die Sündenvergebung überhaupt nichts mit irgendeiner komplizierten Kreuzestheologie zu tun.

Jesus freut sich einfach über eine Lebenshaltung der Liebe und der Mitmenschlichkeit. Dazu will Jesus auch uns befreien. Auch heute. Amen.

Ich bin gesegnet!

4.Mose 6,22-27: Und der HERR redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. Denn ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

Liebe Gemeinde!

Das Thema heute heißt: „Segnen“. - Dieses Wort spielt im normalen Leben kaum noch eine Rolle. Es gibt allerdings ein paar Redensarten: Wenn einer zu Unrecht etwas erreicht hat, dann sagt man: „Da liegt kein Segen drauf“. Man meint damit: Langfristig hat derjenige so keinen Erfolg. - Oder umgekehrt heißt es: „Sich regen bringt Segen“. Aktivsein bringt Erfolg. Segen ist also Erfolg für die Zukunft. Nachhaltiger, langfristiger Erfolg. Heutzutage wünschen wir kaum noch Gottes Segen, sondern wir sprechen diese Wünsche unreligiös aus: Guten Tag statt gesegneten Tag, guten Appetit statt gesegnete Mahlzeit.

Wann spielt der religiöse Segen heutzutage noch eine Rolle? Gebäude werden gesegnet in katholischen Gegenden. Dabei spricht der kath. Priester Segensworte und sprengt Wasser mit dem Weihwasserkessel in jeden Raum. Kinder werden gesegnet vor der Taufe mit dem Kreuzzeichen. Konfirmanden, Ehepaare, Jubilare werden gesegnet. Dabei legt der Pastor seine Hände auf den Kopf der jeweiligen Personen. Gelegentlich gibt es eine Salbung mit Öl. Auch das ist eine Segenshandlung. Dabei werden die Stirn und die Handflächen mit Öl sanft gerieben und es werden Segensworte gesprochen. Diese Worte gehen dann sozusagen unter die Haut.

Eine spezielle Form der Handauflegung ist im Moment sehr im Kommen: das japanische Reiki. Evangelikale Gruppierungen warnen sehr davor, doch solange es nicht mit negativen magischen Praktiken verbunden wird, z.B. Wahrsagen, kann es sehr beruhigend und heilungsfördernd sein. Unsere Hände haben ja unglaublich viele Nerven - und wenn wir über die Hände unsere Energie weitergeben, oder sogar göttliche Energien hindurchströmen lassen können, dann kann das sehr schön sein.

Was gibt es noch an Segensformen? Am Ende eines Gottesdienstes gibt es den rituellen aaronitischen Segen, den wir heute als Predigttext haben.

In Irland beglückwünscht man sich mit Segenssprüchen. Bekannt ist das irische Segenslied; Möge die Straße uns zusammenführen.

Der Segen galt früher als sehr wichtig. Wie wertvoll der Segen früher angesehen wurde, zeigt uns die Geschichte von Jakob und Esau. Der Erstgeborene bekommt den besonderen Segen des Vaters, und Jakob betrog seinen Bruder um diesen Segen.

Der Segen war die Gewissheit, der Glaube, dass Vertrauen, dass Gott einen Menschen oder eine Familie oder ein Volk beschützt in den Höhen und Tiefen des Lebens. So konnte man voller Mut und Kraft ins Leben hineingehen. In der Familie war der Vater wie Isaak der Spender des besonderen Segens. Für das groß gewordene Volk setzt Mose spezielle Priester ein, die neben den Opferungen auch den Segen spenden sollten. Es gab schon bei Mose besondere Reinheitsvorschriften für die Priester, aber sie sollten verheiratet sein. In der katholischen Kirche dagegen galt und gilt das Zölibat für diese Berufsgruppe. Was steckt dahinter?

Es gibt einen weitverbreiteten Glauben: Der Heilige, der reine Mann, hat eine besondere Wirkung (das beruht auf Projektion: die Menschen lesen in einen solchen Heiligen alles mögliche hinein). Er muss deshalb abgesondert von der Masse leben, möglichst eine geheimnisvolle Aura haben, man darf nicht genau wissen, was er eigentlich so macht. Er muss auch durch seine Kleidung und durch eigene Symbole gekennzeichnet sein.

Ein Spötter sagte einmal: Nicht der Arzt heilt, sondern der Arztkittel heilt. Was daran richtig ist: es kommt viel darauf an, welche Wirkung bei den hilfesuchenden Menschen erreicht wird. Das gilt sowohl für den Arzt wie auch für den Priester.

In der Masse wirkt das besonders. Deshalb inszeniert die Kirche große Papstaudienzen, Weltjugendtreffen oder auch evangelische Kirchentage. Besonders wichtig dabei ist die Kirchenmusik, es sollte aber eine Musik sein, die stark gefühlsmäßig wirkt.

Im Judentum sind die Priester ohne Funktion, sie werden nicht mehr gebraucht, weil es keinen Tempel mehr gibt. Die Rabbis haben die Segensfunktion im Judentum übernommen. Die Kraft Gottes, der Segen, entsteht aus dem Verstehen der Schrift und der kreativen Interpretation.

In der ev. Kirche herrscht eine Mischform. Schriftauslegung spielt eine große Rolle wie im Judentum, aber auch Kirchengebäude und Rituale wie das Abendmahl. Bei den Lutheranern geht es stärker priesterlich zu als bei den Reformierten.

Schauen wir uns jetzt einmal die Worte an, die die Priester sprechen sollen. Der Herr segne dich und behüte dich! Ursprünglich war das wohl eine Art Beschwörung, denn die Menschen waren sich überhaupt nicht sicher, ob Gott nicht auch wie bei Hiob gerade dem Satan freie Hand lassen wollte. - Es steckt die Vorstellung dahinter, dass die Priester, die heiligen abgesonderten Männer eine starke Wirkung auf Gott haben könnten - so wie Mose das selbst erlebt hatte, als er zu Gott um Gnade für das Volk flehte.

Es ist allerdings auffällig, dass Jesus das ganz genau andersherum sieht. „Ihr braucht keine großen Worte zu machen, um Gott zu beeinflussen“, sagt Jesus. „Das tun die Heiden. Euer himmlischer Vater weiß, was ihr alles braucht.“ Jesus hat also die Gewissheit, dass Gott uns behütet und beschützt, egal, was passiert. Mose hatte diese Gewissheit nicht, deshalb gab er diesen beschwörenden Segen. Viele Menschen haben eher das etwas unsichere Gottvertrauen wie Mose und brauchen daher diesen beschwörenden Segen. Wirklich gläubige Christen dagegen brauchen nicht unbedingt diese Segensformel, weil sie diese Gewissheit sowieso schon haben. Für sie hat sich diese Segensverheißung schon erfüllt.

Wie geht die Segensformel weiter? „Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;“ Was heißt das? Gott soll ein Herr, ein Vater sein, der strahlt! Sein Angesicht soll leuchten, wenn er dich sieht.“ Er soll sich über seine Geschöpfe freuen. Auch das ist wieder eine Beschwörungsformel. Gott soll nicht finster blicken, sondern er soll leuchten und strahlen. Und er soll gnädig sein, soll wie ein guter Vater auch verzeihen und neue Anfänge ermöglichen. - Auch hier gilt, dass Jesus das schon erlebt hat, als er Gottes Stimme hörte: „du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ In dieser Aussage schwingt der Stolz und die Freude mit, sie ist schon da, was Mose erst noch beschwört.

Wie geht es weiter: „der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“ Die Beschwörung geht weiter. Gott soll nicht finster nach unten schauen, sondern sein Gesicht aufheben und dich anschauen. Du bist ansehnlich. Du sollst Frieden haben. Diese Friedensbeschwörung ist das einzige, was Jesus und das neue Testament interessanterweise benutzen. Schalom, Friede sei mit euch. Das ist noch nicht eingetroffen. Der Friede unter den Menschen. Dagegen gibt es die Gewissheit und die Erfahrung, dass Gott uns freundlich und liebevoll anschaut. Das brauchen wir nicht beschwören, sagt Jesus, aber den Frieden sollen wir immer wieder herbeisegnen. Denn der ist noch nicht verwirklicht.

Wie ist nun unsere aktuelle Situation? Diese Glaubensgewissheit, die Jesus hatte, die ist bei vielen Menschen durchaus nicht vorhanden. Ich vermute aber, dass die priesterliche Segnung am Ende des Gottesdienstes nicht stark genug auf die Seele von uns Menschen wirkt. Wir sind meistens nicht mehr innerlich bereit und in der Lage, so stark in den Pastor oder Priester hineinzuprojizieren, dass dadurch eine Glaubensgewissheit entsteht. Da muss dann so eine Massenstimmung dazukommen wie im Vatikan auf dem Petersplatz oder wie bei einer anderen Großveranstaltung.

Wie aber kann die Religion heute als Segen wirken?

Einmal sollte möglichst viel von der Projektion (Glaube) stimmen. Der Kirchgänger (bzw. Kunde) braucht deshalb eine Einstimmung, um seine innere Einstellung zu beeinflussen. Dazu gehört gute Kirchenmusik, eine eigene innere Bereitschaft, aber auch ein gutes Auftreten des Pastors oder Priesters. Sobald der Kirchgänger den Pastor als echten Gottesboten empfindet und erlebt, ist er so weit. Deshalb spielt die Ausstrahlung, der Tonfall, die Überzeugungskraft eine riesengroße Rolle. Am besten ist es, von eigener Glaubensüberzeugung mit Tränen in den Augen zu erzählen.

Zum Schluss möchte ich noch eine wichtige Bemerkung machen: Ich finde es unpassend, wenn die Zuhörer beim Schlusssegen den Blick senken. Ich als Pastor beschwöre in alter mosaischer Tradition Gottes Gnade, ich lege sinnbildlich durch  das Heben der Arme die Hände auf und keiner sieht es. Das ist schade. Ich vermute, auch so geht ein Teil der Wirkung verloren. Deshalb: aufrecht und froh den Blick nach vorne gewandt, der Segen ist etwas schönes. Den darf sich jeder anschauen. Amen.

Joh. 4,19-26 Geistreiches Beten

Die Frau spricht zu ihm: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll. Jesus spricht zu ihr: Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr wisst nicht, was ihr anbetet; wir wissen aber, was wir anbeten; denn das Heil kommt von den Juden. Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn auch der Vater will solche Anbeter haben. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten. Spricht die Frau zu ihm: Ich weiß, dass der Messias kommt, der da Christus heißt. Wenn dieser kommt, wird er uns alles verkündigen. Jesus spricht zu ihr: Ich bin's, der mit dir redet.

Liebe Gemeinde!

Die Samariterin hatte Glück. Am Brunnen vor dem Tore traf sie einen besonderen Mann. Sie merkte, der ist ein Prophet, einer, der mehr weiß als andere. Und da sagte sie: „Herr Prophet, ich hab da mal eine Frage.“ Es war etwas, was sich viele Menschen fragen. Was ist eigentlich die richtige Religion. Das was unsere Vorfahren gemacht haben, oder das, was andere machen?

Was steckt hinter dieser Frage? Die Frau möchte endlich wissen, wie man richtig beten kann. Ihr Leben ist ja völlig aus dem Ruder gelaufen, und da hat diese Art von Beten, die sie bisher praktiziert hat, ihr überhaupt nicht geholfen.

Jesus denkt sozusagen erst einmal laut, bevor er antwortet: Die Samariter wissen nicht genau, wen sie überhaupt anbeten. Ihre Vorstellung von Gott ist bei Mose - also bei den 10 Geboten - stehen geblieben. Bei den Juden ist es weitergegangen, die jüdischen Propheten haben in ihren Visionen erkannt, dass Gottes Barmherzigkeit weiter geht, dass eines Tages ein Messias kommen wird, der ein Friedensreich aufrichten wird.

Jesus ist nun davon überzeugt, dass dieses Friedensreich schon jetzt beginnt. Wir können es unter uns im kleinen verwirklichen. In diesem Geist der Liebe und des Friedens, also im Geist von Jesus, können wir beten. Und in der Wahrheit, d.h. mit wahrhaftigen Empfindungen und nicht mit dogmatischen Lehrsätzen im Kopf.

Sozusagen als Vaterunser in Zeitlupe. Vater unser - wir stellen uns Gott als väterlichen Freund vor, als Papa, und wir stellen uns dabei als Kind vor, unser naives, vertrauensvolles kindliches Ich dürfen wir uns am Anfang von jedem Gebet bewusst machen. Du unsichtbarer Geist, dich stelle ich mir vor, zu dir möchte ich jetzt Kontakt haben, dich möchte ich jetzt spüren. Dein Name - unser Vater - der sei mir heilig, der ist mir heilig. Ich bin dein Kind. Das zu empfinden, das wahrzunehmen, das zu spüren, das ist mir heilig. Eine heilige Empfindung, ein heiliges Gefühl. Dein Reich komme. Darum will ich dich, Vater, bitten. Dass noch mehr Menschen sich als deine Söhne und Töchter empfinden, als Geschwister, als deine Kinder, die in deinem Sinne leben. Dann kann dein Wille geschehen, dann kann der Frieden und die Liebe stärker werden. Dann kann es wie im Himmel auch auf Erden werden.

So können wir beten, das können wir am besten zu Hause, überall da, wo wir sind, wenn wir im Geist Jesu und in einem Zustand der Wahrhaftigkeit sind. - Für die Frau würde das bedeuten: in diesem Gebet würde sie lernen, wieder Kind zu sein, und sie könnte dann ihr Leben als Gottes Kind ganz anders in Ordnung bringen, als vorher. Sie wäre die Hypothek ihrer Fehler los, ihre Sünden wären ausgetilgt. Sie könnte unbefangen leben, einfach so. Sie würde spüren, wie Gott sie lieb hat.

Dann können wir Gottes Gegenwart, seine Nähe spüren. Wir spüren, wie Gott sozusagen ein Teil von uns selbst ist. Unsichtbar. Deshalb brauchen wir keine anderen Geisterbeschwörungen. Wir haben sozusagen den besten aller möglichen Geister.

Die Frau hat schon davon gehört, dass die Juden auf den Messias warten. Sie zeigt Jesus, dass sie offen dafür ist, und er offenbart sich ihr, er zeigt ihr, dass das neue Zeitalter begonnen hat. Sie - die verachtete sündige Samariterin - ist die erste im Johannes-Evangelium, die von Jesus in dieses Geheimnis eingeweiht wird.

Für uns heißt das folgendes: Wir sollten nicht einfach das beten, was uns in den Sinn kommt. Etwa nach dem Motto: „Lieber Gott, hilf mir, stark zu werden, um im Geschäftsleben meine Konkurrenten zu besiegen.“ Man kann so gesehen sehr egoistisch beten. Aber es geht nicht nur darum, worum ich bete, sondern auch, wie ich bete. Ein Gebet ohne die richtige Einstimmung hat keine besonders große Wirkung. Ein solches Gebet hat nicht die wirkliche Geisteskraft. Es fehlt etwas. Es fehlt die starke innere Beteiligung, die Aktivierung innerer Kräfte. Nun ist es nicht egal, welche inneren Kräfte ich aktiviere. Denn es gibt positive und negative innere Kräfte. Wie diese Kräfte zusammenhängen, das ist wieder ein ganz eigenes Thema. Wir brauchen nämlich zum Leben nicht nur die positiven Kräfte, nicht nur die Liebe, nicht nur das Gute. Manchmal brauchen wir zum Überleben auch die Bereitschaft zum Kampf, oder manchmal müssen wir auch eine tiefe Traurigkeit zulassen. Die innere Wahrheit jedenfalls gehört zu einem wirksamen Gebet dazu. Deshalb empfiehlt Jesus, im Geist und in der Wahrheit zu beten. 

Wenn wir einfach so beten, genügt es nicht wirklich. Und wenn wir einfach mechanisch das auswendig gelernte Vaterunser sprechen, dann genügt das auch nicht wirklich. Dann beten wir nämlich nicht im Geist und in der Wahrheit. Wir sollten uns deshalb zunächst in das Vaterunser langsam hineinschwingen, hineinfühlen. Nicht es mechanisch herunterleiern, sondern es bewusst empfinden, so wie ich es vorhin versucht habe zu beschreiben. Dann wächst in uns durch das Beten der Geist Jesu und verbindet sich mit unserer persönlichen Wahrheit, so dass wir zu einer immer mehr wachsenden Persönlichkeit werden können. - Manchmal, wenn wir gefühlsmäßig sehr aufgewühlt sind, dann denken wir, dass wir dieses Hineinschwingen und Hineinfühlen nicht brauchen, dann beten wir spontan mit all unseren Emotionen. Doch dann verstärken wir lediglich unsere Emotionen und Gefühle, wenn wir jedoch auch dann uns in das Gefühl des Kindseins hineinbegeben können, dann fühlen wir uns auch dann geborgen, wenn wir wütend sind oder tieftraurig.

Dann können wir die Nähe Gottes in guten und in schweren Zeiten spüren. Wir können empfinden, dass Gott uns trägt und hält, egal was passiert. Ob wir gesund sind oder krank, ob es unseren Lieben gut geht oder nicht so gut. Wir können dann spüren, dass Gott uns trägt - bis zum Alter hin. Und das ist gut so. Amen.

Jesu Geist tut gut!

Joh. 14,15-19: Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten. Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein. Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch. Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe und ihr sollt auch leben.

Liebe Gemeinde!

Jesus redet hier zu seinen Jüngern als einer, der weiß, dass er bald sterben muss. Das gibt seinen Worten besonderes Gewicht. Sie sind besonders wichtig. Und Worte, die angesichts des Todes gesprochen werden, haben tatsächlich eine besondere Wirkung, eine Langzeitwirkung, sie sind nachhaltig.

Jesus redet hier zu seinen Jüngern als Gruppe, als Gemeinschaft. Damit betont er indirekt noch einmal, für wie notwendig und wertvoll Jesus eine solche Gemeinschaft hält. Gemeinsam seid ihr stark, gemeinsam könnt ihr euch stärken, füreinander da sein, eure Schwächen tragen, eine Gruppe, eine Gemeinschaft kann mehr sein als die Summe ihrer einzelnen Mitglieder.
Jesus beginnt hier das, was er vorher einmal so gesagt hat: ich werde euch mit dem heiligen Geist taufen. Er beginnt mit einem für uns evangelische Christen ganz starken und wichtigen Satz.

„Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten.“ - Am Anfang stehen nicht die Gebote, sondern am Anfang steht die Liebe! Regeln und Gebote halten wir Menschen am besten dann ein, wenn wir jemanden liebhaben. Haben die Jünger Jesus geliebt? Das war gar nicht so selbstverständlich. Petrus hat ihn dreimal verleugnet. Die anderen versteckten sich erst einmal. Doch nach Jesus’ Tod, da wurde ihnen allmählich bewusst, wer ihnen fehlte. Manchmal spürt man erst nach dem Tod den wahren Wert eines Menschen. Da fingen sie an, ihn wirklich zu lieben, und da hielten sie seine Gebote wie von selbst - selbstverständlich.

Die Jünger empfanden es so, dass ihnen Jesus aus dem Jenseits sozusagen seinen Geist immer wieder rüberschickte. Sie spürten immer wieder neu diesen Geist als lebendig. Diesen Geist der Wahrheit und der Liebe. Was für viele Menschen heute normal ist, das war damals unglaublich ungewohnt: über Gefühle zu sprechen. Jesus hatte damit begonnen. Er konnte z.B. davon sprechen, dass er vom Satan versucht wurde. Welcher karrierebewusste Politiker oder Pastor spricht denn so offen über seine Versuchungen? Jesus tat das - und so ermutigte er seine Jünger und Anhänger zu einem offenen und wahrhaftigen Umgang auch mit Fehlern und Schwächen. Das war möglich, weil gleichzeitig immer wieder Vergebung und Versöhnung und Neuanfang angesagt war.
Das ist etwas ganz Neues in der damaligen Welt gewesen, es war „weltfremd“, aber es war praktikabel. Es war gegen den Zeitgeist gerichtet. Aber gerade viele junge und intelligente Menschen spürten: das ist das wahre Leben.

Vieles davon ist für uns heute aktuell. Auch heute haben Worte von Menschen, die Abschied nehmen - die weit weg gehen, die in Rente gehen oder die wissen, dass sie sterben müssen - auch heute haben solche Worte ein starkes Gewicht.
Auch wir Heutigen brauchen die Kraft der Gemeinschaft: eine gute Gruppe, eine gute Familie, einen oder mehrere gute Freundinnen und Freunde; Jugendliche brauchen auch außerhalb der Kleinfamilie Erwachsene, zu denen sie Vertrauen haben können: Paten, Großeltern, Lehrer, Eltern von Freunden.

Auch für uns gilt der Satz: als erstes brauchen wir die Liebe, die Liebe zu Jesus, die Liebe zu diesem Gott, den er uns nahegebracht hat. Ohne Liebe ist das Halten der Gebote viel zu anstrengend und krampfhaft. - Das Beispiel von Petrus kann uns Mut machen, damit anzufangen, auch wenn wir bisher damit noch nicht viel am Hut hatten oder noch nicht darüber nachgedacht hatten. - Aber diese Liebe gibt uns die Kraft und den Wunsch, uns fair zu verhalten. Fair auch Menschen gegenüber, mit denen wir Konflikte haben.

Für mich ist der Inder Mahatma Gandhi für dieses Verhalten ein leuchtendes Vorbild. Beispiel: Umgang mit Engländern - während des 2.Weltkrieges u.a.
Der Geist Jesu kann auch heute wirken. Dieser Geist zeigt mir, dass ich von Gott geliebt bin, auch wenn über mich getratscht wird. Ich kann dann trotzdem ruhig und gelassen bleiben und stark, denn ich weiß, dass ich geborgen bin. Die Wahrheit wird sich durchsetzen. Diese Gewissheit hilft mir und meinen Freunden auch heute.

Ein wichtiges Wort an die Älteren unter uns enthält dieser Text noch. Jesus macht uns Mut, auch offen über den Tod und die Zeit danach zu sprechen. Davon zu reden: was liegt mir am Herzen, was ist mir wichtig, was gibt mir in meinem Leben Kraft und Sinn? Das an die Jüngeren weiterzugeben - das ist wichtig, gerade in unserer hektischen Zeit. Amen.

Stark werden trotz Niederlage!

Jesaja 12,1-6: Zu der Zeit wirst du sagen: Ich danke dir, HERR, dass du bist zornig gewesen über mich und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest.  Siehe, Gott  ist  mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil. Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen. Und ihr werdet sagen zu der Zeit: Danket dem HERRN, rufet an seinen Namen! Machet kund unter den Völkern sein Tun, verkündiget, wie sein Name so hoch ist! Lobsinget dem HERRN, denn er hat sich herrlich bewiesen. Solches sei kund in allen Landen! Jauchze und rühme, du Tochter Zion; denn der Heilige Israels ist groß bei dir!

Liebe Konfirmandinnen ... Eltern, Paten, Geschwister, Großeltern etc.!
Wir wünschen Euch alles Gute für die Zukunft! - So ähnlich steht es auf vielen Konfirmationskarten. Gute Wünsche sind gut. Aber manchmal reicht das nicht aus.

Wenn z.B. ein Trainer nach einem verlorenen Spiel bloß sagen würde: ich wünsche euch alles Gute für das nächste Spiel, dann ist das zu wenig. Viel besser ist es, wenn der Trainer an den Sieg im nächsten Spiel wirklich glaubt. Dann redet er anders.

Dann redet er so z.B. so wie der Prophet Jesaja: „Nach dem Spiel, da werdet ihr sagen: Wir danken dir, HERR, dass wir die Niederlage hatten und dass wir dadurch wachgerüttelt worden sind. Wir sind dankbar dafür, dass du, Trainer, uns Mut gemacht hast.“

Warum spreche ich hier von der Situation nach einer Niederlage? Genau das ist die Situation, in der der Prophet Jesaja gelebt hatte. Das Volk Israel hatte mal wieder eine vernichtende Niederlage einstecken müssen. „Wie konnte das passieren?“ So fragten sich viele Menschen. „Wir haben doch immer zu Gott gebetet, sind immer in den Tempel gegangen.“ Viele waren ratlos und verzweifelt. Sie wollten deshalb am liebsten die Flinte ins Korn werfen, sich selbst aufgeben. So wie es manche Spieler tun, wenn sie verloren haben oder wenn sie in der Halbzeit zurückliegen.

Da war es wichtig, dass wenigstens der Prophet etwas zu sagen hatte. Zunächst lautete die Rede des Propheten: „Gott ist zornig, weil ihr seine Anweisungen und Regeln nicht eingehalten habt. Ihr wart überheblich, arrogant, ihr meintet, es kann ja nicht schiefgehen, wir haben ja den richtigen Gott, den Herr, der Heerscharen. Doch Gott belohnt euch nicht für eure Faulheit, für eure Dummheit, für eure Fehler und Sünden. Er ist zornig, er bestraft euch jetzt; Gott hat eurem Gegner den Sieg geschenkt, und ihr müsst jetzt ganz kleine Brötchen backen.“

Diese Standpauke des Propheten kann schon eine positive Wirkung haben. Es kann ein Ruck durch das Volk gehen. In der babylonischen Gefangenschaft, da lernten so viele Menschen wieder Bescheidenheit, Fleiß, Sorge für den Mitmenschen, aber es fehlte noch etwas. So richtig gut ging es ihnen nicht dabei. Sie fühlten sich als Gefangene, die keine wirkliche Chance hatten. So taten viele nur mechanisch das Nötigste zum Überleben. Sie lebten nicht wirklich. Sie hatten kein richtiges Lebensgefühl.

Ihr Konfirmanden kennt das sicher auch; ihr macht ja fast alle Sport: wenn euer Trainer euch in der Halbzeit eine Standpauke hält, dann duckt ihr euch weg; so eine Standpauke kann höchstens dann Wirkung zeigen, wenn ihr tatsächlich mit euren Gedanken nicht beim Spiel wart, sondern vielleicht schon bei der Party am Abend; dann können die zornigen Worte euch wachrütteln. Aber wenn ihr das Gefühl habt, der Gegner ist übermächtig, dann nützt auch die Standpauke nichts. Dann werdet ihr euer Gefühl der Ohnmacht nicht los.

Was fehlt an dieser Stelle? Es fehlt der Glaube. Der Trainer muss selbst an den Sieg glauben.  Und das tut der Prophet Jesaja auf raffinierte Weise. Er sagt: „Zu der Zeit wirst du sagen: Ich danke dir, HERR, dass du bist zornig gewesen über mich und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest.“ Wenn wir das mal in die Situation des Sports übertragen, dann könnte der Trainer so zu seiner Mannschaft reden: „Die Stunde wird kommen, da werdet Ihr sagen: Danke, Trainer, dass du uns eine Standpauke gehalten hast.“ - Durch dieses kluge  Wort erweckt er neue Hoffnung - Hoffnung auf ein Ende der Gefangenschaft, Hoffnung auf ein Ende der Unterlegenheit.

Bevor sich das äußerliche Leben ändert, bevor sich die Gefangenschaft wirklich beendet, bevor das Spiel sich tatsächlich dreht, muss etwas geschehen. Nicht nur mutmachende Worte, die sind wichtig. Aber das reicht oft nicht. Die äußere Stärke kann ich nicht kurzfristig verändern. Ihr seid eben so groß wie ihr seid, ihr habt die Fitness, die ihr habt und ihr habt die Muskeln, die da sind.

Aber es kann sich auch die mentale Stärke der Menschen verändern - ganz egal ob es Sport oder das wirkliche Leben ist. Wie kann ich mich stärker fühlen? Der Prophet empfiehlt, erstens zu beten. Nicht zu jammern, sondern zu danken. Zu danken für die Niederlage, für den Zorn, für die Standpauke, für den Rückstand, für den Trost, d.h. dass der Trainer immer noch da ist und zu einem hält. Und dann zu beten: „Siehe, Gott  ist  mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil.“ Wie fühlt sich das an? Wer so beten kann, der betet sich stark. Durch solches Beten empfindest du eine neue mentale Stärke.

Da kommt Freude auf. Ja sogar Triumph. Der Prophet sagt zu dem Volk, das eigentlich am Boden liegt: „Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen.“ - In dir ist Freude in allem Leide - wir jubilieren und triumphieren - so singt ein Lied aus dem EG. - Und wie sagt es der Trainer zu der Mannschaft, die hinten liegt? „Leute, nachher trinken wir wieder gemeinsam aus dem Pokal! Dann feiern wir unseren Triumph! Darauf freue ich mich schon. Und wie gut tut das, die überlegenen Gegner plötzlich kleinzukriegen!“

Und dann macht der Prophet noch etwas, was moderne Sportpsychologen gerade vor einiger Zeit der deutschen Nationalmannschaft verordnet haben. Der Prophet fordert die Menschen auf, Lobgesänge anzustimmen, er fordert sie auf, zu singen. „Lobsinget dem HERRN, denn er hat sich herrlich bewiesen. Solches sei kund in allen Landen! Jauchze und rühme, du Tochter Zion; denn der Heilige Israels ist groß bei dir!“

Warum tut er das? Weil das den eigenen Mut und die eigene Zuversicht fördert. Genau deswegen wurden die deutschen Nationalspieler und auch die Zuschauer von dem Psychologen aufgefordert, die Nationalhymne mitzusingen. Einigkeit und Recht und Freiheit - dafür lohnt es sich zu streben, und das funktioniert viel besser, wenn man da mitsingt. Und dann spielt man auch besser, wenn man gesungen hat.

Die schwarzen Sklaven in den USA wussten um diese Wirkung, und sie erfanden die Gospelgesänge. Obwohl es ihnen schlecht ging, lobten sie Gott mit ihren Gospels: O when the Saints go marching in - oder: Heaven is a wonderful place.
Interessanterweise können wir von der Religion hier etwas über die mentale Wirkung der Musik lernen. Die alte Geschichte der Posaunen von Jericho erzählt, wie durch den penetranten Klang der Musik der Widerstand der Gegner zusammenbrach. Oder sogar in unserem relativ nüchternen deutschen Gesangbuch haben wir das Lied: Jesu, hilf siegen, du Fürste des Lebens! Und neuerdings sogar den Kampfgesang der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung: We shall overcome. Überall wird hier die mentale Kraft der Musik deutlich.

So haben es vor einem Jahr die deutschen Tennisherren im Daviscup gegen Frankreich sehr negativ erlebt. Die Franzosen hatten eine richtig gute Musik-Fantruppe dabei, der die Deutschen Zuschauer nichts entgegenzusetzen hatten. Deutschland verlor überraschend. In diesem Jahr gegen Belgien war das anders. Inzwischen hatte der DTB einen Fanclub gegründet, der sich musikalisch lautstark präsentierte. Und Deutschland gewann diesmal.

Als in mal beruflich in einer ziemlich schwierigen Situation war, da wurde ich zufällig gefragt, ob ich bei einem schwierigen, ziemlich aggressiven Lied in einem Chor mitsingen würde. Na gut, dachte ich erst ziemlich lustlos. Aber dann merkte ich, wie gut mir das tat. Gerade das aggressive Singen tat mir gut.
Ich könnte die Beispiele noch endlos fortsetzen: Wie toll es ist, im Posaunenchor zu spielen, in einer Band, in einem Chor - oder wenn ich zu einem Geburtstagsbesuch meine Geige mitnehme. Woran aber liegt das eigentlich? - Es liegt daran, dass wir normalerweise einseitig die linke Gehirnhälfte benutzen. Die ist für logisches Denken, für Technik, für klare Planung usw. zuständig. Die rechte Gehirnhälfte - die für Musik, für Religion, für Gefühle - die vernachlässigen wir. Und weil wir das tun, fühlen wir uns häufig nicht gut, und umgekehrt, wenn wir diese rechte Gehirnhälfte aktiv und positiv benutzen, dann geht es uns supergut!

Singen tut gut - sucht heraus, bei welcher Musik ihr euch gut fühlt, wo ihr Mut und Kraft zum Leben findet - nicht nur hören, sondern viel besser ist: mitsingen! In einem Chor oder einer Band oder einfach so oder vielleicht auch in einer Fangruppe!

Jetzt versuchen wir das mal auf die Schule zu übertragen. Auch da gibt es Niederlagen, und Scheitern, da gibt es Resignation und Langeweile, da gibt es vieles, was keinen Spaß macht. Und doch ist wie ein wichtiges Spiel, eigentlich doch wichtiger als viele Sportveranstaltungen. Deshalb ist es wichtig, da mental besser klarzukommen. Also schauen: inwiefern bringen dir die Niederlagen etwas? Hast du da nicht auch selber Schuld, zumindest dazu beigetragen? Lass die Worte des Propheten auf dich wirken: vielleicht ist ja dein Patenonkel oder deine Patentante für dich dieser Prophet, der sagt: du, es kommt der Tag, da wirst du dankbar sein für die 5 in Mathe. Die hat dich aus deiner Trägheit aufgeweckt, dich aufgeschreckt aus deinem Trott. Fang an, mental dich zu ändern, ich glaube daran, dass du es schaffen kannst. Eine gute Hilfe ist es, zu beten: mein Gott, du bist meine Stärke, mit deiner Hilfe kann ich es packen. Und dann kannst du ja wie die deutsche Nationalmannschaft das Lied von Xavier Naidoo singen:

Dieser Weg wird kein leichter sein
Dieser Weg wird steinig und schwer
Nicht mit vielem wirst du dir einig sein
Doch dieses Leben bietet so viel mehr

Manche treten dich
Manche lieben dich
Manche geben sich für dich auf
Manche segnen dich
Setz dein Segel nicht
wenn der Wind das Meer aufbraust

Manche treten dich
Manche lieben dich
Manche geben sich für dich auf
Manche segnen dich
So ist das Leben. Amen.

Wir Menschen: Gottes Bilder

1.Mose 1,1-4a.26-31; 2,1-4a: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war.
Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht. Und Gott sprach: Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, zu eurer Speise. Aber allen Tieren auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem Gewürm, das auf Erden lebt, habe ich alles grüne Kraut zur Nahrung gegeben. Und es geschah so. Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag.
So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer. Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte. So sind Himmel und Erde geworden, als sie geschaffen wurden.

Liebe Konfirmandinnen, ...Eltern, Paten, Großeltern, liebe Gemeinde!

Wieso sind wir überhaupt auf der Welt? Wieso gibt es überhaupt eine Welt - so haben Menschen gefragt, so lange es Menschen gibt, die darüber nachdenken und staunen, dass wir da sind.

Es gibt ganz viele Antworten und Geschichten auf diese Fragen.

Als die meisten Juden nach Babylon in die 70-jährige Gefangenschaft verschleppt waren, da lernten sie eine Menge von den Persern. Sie lernten deren Schöpfungsgeschichten kennen. Und sie übernahmen vieles von deren Weisheiten - nämlich alles das, was ihnen einleuchtete und mit ihren Erfahrungen übereinstimmte. Was nicht übereinstimmte, wurde passend gemacht.

Für die jüdischen Denker war es klar, dass Gott alles geschaffen hatte. Alles kam sozusagen aus einer Hand. Das war für sie äußerst beruhigend, denn wenn man sich mit dem einen Gott gut stellte, dann war man auf der sicheren Seite. Man muss dazu natürlich wissen, was Gott will.

Die Bibel erzählt es so, als wäre der Erzähler heimlich dabei gewesen und hätte Gott belauscht. Das geht natürlicherweise nicht, und schon an dieser Form ist es klar, dass es sich nicht um einen Tatsachenbericht handeln kann, sondern um eine erdachte Geschichte.

Also Gott schafft als erstes eine Erde und einen Himmel. Die Erde ist chaotisch, Tohuwabohu, und finster und voller Wasser. Gottes Geist schwebt darüber, er scheint zu spüren: hier gibt es Probleme. Die Worte Chaos, finster und Wasser sind ja auch alle ziemlich bedrohlich.  Die Erde scheint es in sich zu haben.

Dann sagt Gott zu sich selbst: „Licht!“ - das war gut, schreibt der Erzähler. Dann geht es mit kurzen Worten weiter. Jeden Tag etwas Neues. Als nächstes die Wölbung des Himmels, die sich wie eine gigantische Blase im Chaos des Wassers bildet: Wasser darüber, Wasser darunter. Dann die Trennung bei den unteren Wassern in Festland und Meere, dann Pflanzen auf dem Land, dann am 4. Tag Sonne, Mond und Sterne für mehr Licht und für die Zeitrechnung; am fünften die Tiere des Meeres und der Luft und am 6. Tag die wilden Tiere der Erde. Alles ist gut.

Jetzt wird es kompliziert: Gott möchte ein Bild von sich selbst. Er möchte sich selbst sehen, schreibt der Erzähler. Wie will sich Gott sehen? Als Herrscher über die Welt und als Schöpfer neuen Lebens. Seltsamerweise sagt der Erzähler an dieser Stelle nicht: und Gott sah, dass der Mensch oder dass das Bild gut war. - Mal abwarten, heißt das vielleicht.

Aber dann schaut sich der Gott des Erzählers alles an, und das ist in seinen Augen sehr gut. Nicht nur gut, wie vorher, sondern wirklich sehr gut.
Und da kann Gott sich dann auch richtig ausruhen. Mal so richtig Sabbat halten.
Was will Gott von uns Menschen? Die Schöpfungsgeschichte der Bibel gibt darauf keine direkte Antwort. Er möchte, dass wir ein gutes Bild abgeben, wir sollen sozusagen etwas sein, worüber Gott sich freuen kann, wenn er uns sieht. Wir sollen gute Herrscher über die Erde und über die Natur sein, und wir sollen das Leben schützen und lebendig halten.

„Beherrschen“: ist auf den ersten Blick ein unschönes Wort. Doch es kann auch anders klingen.

Es kann auch ein schönes Wort sein: ich beherrsche die Technik des Lesens etc.: Der Mensch beherrscht die Welt, nicht irgendwelche bösen Geister! Nicht die Finsternis, nicht das Chaos. Später taucht das Wort noch einmal positiv auf: „Die Sünde lauert vor der Tür, du aber herrsche über sie!“

Sehr auffällig ist noch: Die Geschichte redet hier völlig neutral und gleichwertig von Mann und Frau.

Ihr könnt vielleicht einiges aus dieser Schöpfungsgeschichte gleichnishaft nachempfinden. Ihr seid gerade in einem manchmal recht schwierigen und chaotischen Lebensalter. Und manch einer verwechselt eben auch Freiheit mit Chaos.

Wie chaotisch das sein kann, haben wir vor ungefähr zwei Jahren hier in Bangstede auf der Konfirmanden-Disko erlebt.

Vielleicht habt ihr wie der Erzähler der Schöpfungsgeschichte das Gefühl, Gottes Geist kommt ab und zu und schaut sich dieses Chaos an. Und dann eines Tages sagt Gott: Licht, Durchblick! Und dann geht das Chaos schnell zu Ende, es kommt Ordnung und Lebendigkeit und Klarheit in das Leben.

Ein wenig erzählt die Bibel die Schöpfungsgeschichte so, als wäre die Erde auch erst einmal durch eine chaotische Phase gegangen, doch das dauert eben nicht ewig. Sondern das geht zu Ende, und das ist sehr tröstlich für euch und für eure Eltern und für alle, denen ihr wichtig seid.

Und dann ist die Erde wunderbar kreativ, bringt unglaublich viele verschiedene Formen und lebendige Wesen hervor. Und dann den Menschen als Gottes Bild.
Lasst dieses Wort auf euch wirken. Du und du und du - ihr alle seid Gottes Bild. Jesus hat es sogar noch stärker erfahren, als er bei seiner Taufe die Stimme hörte: du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen. Du bist mein Kind, ich habe dich lieb. So klingt die Stimme eines stolzen Vaters. - So stolz ist Gott auf jeden von euch. Lasst das auf euch wirken, denn Gott will sich selbst in euch wiedererkennen.

Wir alle sind Gottes Kinder - egal ob arm ob reich, egal ob jung oder alt, egal ob leistungsfähig oder eingeschränkt, egal ob männlich oder weiblich - das führt zu neuem gegenseitigem Respekt, und das wünsche ich mir heute besonders für euch. Amen.

Macht etwas Sinnvolles!

Joh. 21,15-19: Als sie nun miteinander gegessen hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber, als mich diese haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer! Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst. Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach!

Liebe Konfirmandinnen, liebe Konfirmanden, liebe Gemeinde!

Jesus ist tot. Die Gruppe seiner Freunde, seine Jünger sind voller Angst und Traurigkeit zurückgeblieben. Simon Petrus, der Anführer, weiß nicht, wie es weitergehen soll. Ein Lebensabschnitt ist auf jeden Fall zu Ende. Die Zeit, wo Jesus mit ihnen unterwegs war, diese Zeit ist zu Ende. Wie soll es weitergehen? Simon Petrus ist noch in Jerusalem, er lebt versteckt bei einem Freund.

Es ist spät abends. Petrus liegt auf seiner Schlafmatte. Er kann nicht einschlafen. "Was soll ich jetzt bloß machen?" Ein erster Gedanke kommt: "ich gehe zurück nach Hause an den großen See in Galiläa und werde wieder Fischer." Und wie er so darüber nachdenkt, wird er müde, und schläft ein.
Er schläft jedoch nicht tief und ruhig, sondern er träumt - er träumt von  Jesus. Er träumt, wie er in der Nacht am Fischen ist mit seinen Kollegen, und die ganze Nacht fangen sie gar nichts. Da steht Jesus am Ufer, und im Traum sagt er: „Los, werft eure Netze an der rechten Bootsseite noch mal aus!“ Und sie fangen unglaublich viele Fische. Und Petrus springt ins Wasser und schwimmt vor lauter Freude hin zu Jesus. Und dann essen sie erst mal zusammen. Hier ist Petrus voller Glück und Freude in seinem Traum.

Und dann geht der Traum weiter. Und da fragt ihn Jesus dreimal ganz förmlich: "Simon, Sohn von Johannes, hast du mich lieb?" Und da wird Petrus ganz, ganz traurig. Er wacht auf. Er spürt: "Mir kann man nicht glauben. Ich kann mir selbst nicht vertrauen. Ich habe kein Selbstvertrauen. Denn ich habe damals Jesus versprochen: wenn dich alle verlassen, ich werde dich nicht verlassen! Ich werde bei dir bleiben. Aber ich habe ihn dann doch allein gelassen. Ich habe sogar dreimal geleugnet, ihn überhaupt zu kennen. Ich hatte solche Angst, auch gefangengenommen zu werden. Ich bin ein Feigling. Ich bin nichts nütze. Und doch spüre ich: ich habe diesen Jesus gerade jetzt, wo er tot ist, unglaublich lieb. Er hat mein Leben wertvoll gemacht. Ich habe durch ihn gespürt, was echtes Leben ist." Dann schläft er wieder ein und träumt weiter, wie Jesus zu ihm sagt: "Gerade dich brauche ich: Weide du meine Schafe! Kümmere du dich um die Menschen, die mir vertraut haben und die jetzt keinen Anführer haben. Du sollst ihr Hirte sein. Das ist deine Lebensaufgabe. Es wird schwer werden für dich. Aber du bist nicht allein, Gott ist mit dir auf diesem Weg. Und dann wirst du sogar einen Weg gehen können, den du eigentlich nicht gehen willst."

Nach diesem Traum weiß Petrus, wie sein Weg weitergehen würde. Jetzt hat er keine Unsicherheit mehr. Er weiß: "es wird schwer, ich darf mir nicht zu viel zutrauen, aber zusammen mit meinen Freunden wird es gehen und im Vertrauen auf Jesus werde ich es versuchen. Jetzt bin ich innerlich so weit. Durch mein Versagen in der Vergangenheit weiß ich, wie schrecklich es sich anfühlt, feige zu sein. Deshalb weiß ich, dass ich nicht noch mal so feige sein werde."
 
Was kann euch Konfirmanden diese Geschichte sagen? Auch vor euch liegt ein neuer Lebensabschnitt.  Auch ihr steht vor Entscheidungen. Früher gingen die meisten mit 14 nicht mehr zur Schule, sondern in eine Arbeit, in eine Berufsausbildung. Das ist heute anders. Heute gehen fast alle noch mindestens ein Jahr weiter in die Schule. Aber die Schule ist nicht alles.
 
Das Leben besteht nicht nur aus der Schule, sondern auch aus der Freizeit am Nachmittag und Abend und aus den Wochenenden und den Ferien.

Manche sagen: „Jetzt bin ich konfirmiert, jetzt kann ich abends lange weggehen. Jetzt kann ich Alkohol trinken. Jetzt bin ich so gut wie erwachsen.“ Einige Jugendliche verwechseln das Leben mit einer großen Party. Sie gehen jedes Wochenende freitags und samstags in die Disco und  schlafen dann am nächsten Tag mindestens bis in den frühen Nachmittag. In der Fußballmannschaft spielen sie nicht mehr mit, denn da wird Fitness und ein klarer Kopf verlangt, und das ist zu anstrengend. - Und so wird das Leben auf seltsame Weise eintönig. Nur Schule und Party - das ist auf die Dauer öde und langweilig. Diese dann eintretende Langeweile ist ein wichtiges Signal. Sie sagt euch: "So geht es nicht weiter!"

Dann braucht man entweder härtere Anreize gegen die Langeweile, und schon ist man auf der Rolltreppe abwärts, oder aber man begreift dieses Signal als Anruf Gottes, jetzt endlich etwas Sinnvolleres zu tun
.
Zum Erwachsensein gehört Freiheit, und zur Freiheit gehört das Recht, Fehler zu machen, und das ist gut so; Petrus durfte Fehler machen, und gerade dadurch hat er gelernt; er hat durch Jesus gelernt, gerade aus den Fehlern neue Erkenntnisse zu finden und neu anzufangen. Petrus hat erlebt, wie wichtig es ist, das zu tun, was wirklich gut ist für ihn. Entscheidende Erkenntnis für ihn war: Jesus lieb zu haben, diese Lebensweise schon hier auf der Erde nach den neuen Regeln von Gottes Reich zu leben: Frieden stiften, Feinde lieben, miteinander Freud und Leid teilen. Das an andere weitergeben, verkündigen, predigen.
Das war seine sinnvolle Lebensaufgabe. Auch ihr solltet immer wieder neu herausfinden, was gut für euch ist! Deswegen haben wir den Vorstellungsgottesdienst unter das Thema gestellt: „Was gibt mir Mut und Kraft zum Leben?“ Ihr habt sehr unterschiedliche Beispiele genannt: Freunde, Familie, Musik, Fußball, Spielmannszug, PC-Spiele, Bücher.

Gerade jetzt, wo ihr mehr Freiheit habt, solltet ihr diese Frage immer wieder neu an euch stellen: Was gibt mir Mut und Kraft zum Leben? Nichts gegen gelegentliche Partys, die haben auch ihr Recht, und es soll immer wieder mal richtig gefeiert werden, und da darf es auch ruhig richtig krachen. Aber: es ist wichtig, dass ihr weiter schaut: „Was tut mir wirklich gut, was kann ich Sinnvolles in meiner Freizeit tun?“ Auch hier in Barstede gibt es erstaunlich viele sinnvolle Möglichkeiten. Ich staune immer, wie viele Jugendliche hier nach der Schule auf den Bauernhöfen mitarbeiten. Verantwortung übernehmen. Und stolz darauf sind, wie gut sie mit den großen Maschinen umgehen können.
 
Das ist klasse. Oder ich kenne ein Mädchen, das mit 16 Jahren in den Sommerferien auf der Insel Langeoog sich Geld für ihren Führerschein verdiente. Die Eltern haben ihr gesagt, sie legen noch mal das Gleiche drauf, was sie sich selbst erarbeitet. Und in den Ferien kann man auf der Insel ganz gut einen Job bekommen. Der Job war hart in der Küche eines Restaurants, nach vier Tagen wollte die junge Dame aufgeben, doch die Eltern konnten sie "zufällig" gerade nicht abholen, weil sie verreist waren; so musste sie mindestens noch vier weitere Tage durchhalten, und dann war sie über den Berg und sagte stolz: ich mach weiter. Und so blieb sie dort erst einen ganzen Monat, und in den Herbstferien wieder 10 Tage und so weiter.

Jetzt passt gerade ganz gut ein Wort an die Erwachsenen. Wir sollten die Jugendlichen weniger verwöhnen. Was meine ich damit? Es ist im Endergebnis viel, viel besser und gesünder, wenn junge Leute nicht das erste Auto mit 18 Jahren als Geschenk vor die Tür gestellt bekommen, sondern wenn sie sich einen Teil selbst erarbeitet haben. Man muss ihnen allerdings die Möglichkeit und Gelegenheit geben, zu arbeiten. Also Omas und Opas: lasst euren Rasen von jungen Leuten mähen und bezahlt sie dann ruhig dafür - oder gebt euren Hund mal bei jungen Leuten, auf die man sich verlassen kann, in Pension - oder ihr Mamas und Papas, lasst den Computer von euren Kindern oder den Nachbarskindern reparieren, die sind stolz darauf, was sie alles können.

So könnte der Ruf von Jesus an Petrus: "Weide meine Schafe" heute für unsere Situation aussehen. Macht etwas Sinnvolles aus eurer neuen Freiheit, die ihr mit eurer Konfirmation bekommt. Und ihr Erwachsenen, gebt euren Kindern und Jugendlichen sinnvolle Möglichkeiten! Und ihr alle vertraut auf die Lebenshaltung der Nächstenliebe, die Jesus auf neue Art in die Welt gebracht hat. Amen.

Die Aussteiger

Matth. 9,9-13: Die Berufung des Matthäus und das Mahl mit den Zöllnern: Und als Jesus von dort wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm. Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern. Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern? Als das Jesus hörte, sprach er: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Geht aber hin und lernt, was das heißt (Hosea 6,6): »Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.« Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten. Amen

Liebe Gemeinde!

Jesus sieht einen Menschen am Zoll sitzen: der Zöllner lebt verkehrt. Er ist unzufrieden. Er hat einen Beruf, der ihn korrumpiert, kaputt macht, krank macht. Ein Kollaborateur mit der falschen Religion, mit den Feinden des Volkes. Ein Pharmareferent, ein Zigarettenvertreter. Ein Diskobesitzer, der legal Alkohol verkauft und illegal Drogenverkauf und Beschaffungsprostitution zulässt. - Im weiteren Sinn ist es einer, der sinnlose Tätigkeiten ausübt, so wie Heinrich Böll es beschreibt in „Ende einer Dienstfahrt“: da muss ein Bundeswehrfahrer seinen Dienstwagen an einem Stichtag 30.000 km gefahren sein. Einfach so, eigentlich sinnlos, deshalb bockt er ihn auf und lässt den Wagen seine Räder drehen. Im noch weiteren Sinn: er hat das Gefühl: ich bin im falschen Film, im falschen Job, im falschen Leben.

Jesus sprach zu ihm: Folge mir! Steig aus dem falschen Leben. Jesus selbst war solche Schritte schon gegangen. Jesus selbst war ausgestiegen aus der Familie, aus dem Job, war weggegangen von zu Hause.

Und der Zöllner Matthäus stand auf und folgte ihm. Er brauchte den Anstoß, um auszusteigen. Er brauchte das Vorbild. - Und Jesus half ihm dabei. Ließ ihn und andere mit ihm zu Tisch sitzen. - Das ärgerte die Pharisäer.

Beispiele von heute:

Ausstieg aus der Familie: Geschichte von Yasmin, heute 19 Jahre alt, damals 11 Jahre: Ihre Eltern waren Zeugen Jehovas. Sie waren überstreng. Es gab viele Verbote. Yasmin nahm heimlich an Geburtstagsfeiern von Klassenkameraden teil. Die Eltern sperrten sie daraufhin tagelang ein. Yasmin rief daraufhin beim Kindernotruf-Telefon an. Das Jugendamt war am anderen Ende der Leitung. Yasmin kam in eine gute Profifamilie. Dort konnte sie sozusagen gleichberechtigt zu Tisch sitzen. Heute ist sie eine selbstbewusste, junge Frau.

Ausstieg aus dem Gymnasium: Geschichte von Matthias R. Matthias war ein Schulversager. Erst wurde ein ADS-Syndrom (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom) festgestellt, er bekam Ritalin. In der 7.Klasse in Latein war er ein absoluter Versager. 9.Klasse musste er wiederholen, weil er trotz vieler netter Lehrer in allen Fächern immer schlechter wurde. Matthias wurde depressiv, hatte keine Lebensfreude mehr. - Was tun? - Die Realschulen lehnten Matthias ab. Seine Mutter lernte auf einem Elternstammtisch eine Hauptschullehrerin kennen. Sie gab ihr den Tipp: lass ihn einen M-Kurs machen. Aus ganz München kamen dorthin Kinder, die zusammen den sog. Mittleren Abschluss machen konnten. Die meisten waren hochmotivierte Kinder - u.a. türkische Mädchen, die sich gegen ihre Eltern durchkämpften. Und es gab motivierte Hauptschullehrer. - Matthias hatte die Chance des Neuanfangs ohne Latein. Und: im Jugendzentrum in der Nähe der Schule war eine Kletterwand. Matthias hatte ein neues Hobby entdeckt. - Folge mir nach hieß für ihn: Steig aus aus der falschen Schule, mach einen Neuanfang, finde ein Hobby, das dein Selbstbewusstsein stärkt!

Mein Ausstieg aus dem Musikstudium: Hören auf die gute innere Stimme. - Folge ihr nach, wenn du spürst, sie ist gut für dich!

Ausstieg aus der Rolle als Schnulzensängerin: Marianne Rosenberg. Sie konnte nur eine Zeitlang das nette, liebe Schlagermädchen spielen. Dann musste sie aus dieser Rolle aussteigen und sang völlig andere Lieder. Näheres in einem Interview für Interessenten.

Die Pharisäer kritisieren das. Bei Yasmin waren es die uneinsichtigen Eltern. - In der Schule - da sind es oft strenge Lehrer oder beim Konfirmandenunterricht strenge Pastoren. - Oft sind es eigene innere Stimmen, die sagen: das tut man nicht.- Oder es ist das innere Sicherheitsdenken. Es ist die Angst vor der Ungewissheit.

Doch immer wenn wir uns schlecht fühlen, dann zeigt uns unser Körper: Du musst etwas verändern. Du musst aussteigen aus dem falschen Leben. Je nachdem: mit kleinen Schritten oder großen Schritten. Das ist Nachfolge. Denn Jesus selbst ist auch ausgestiegen. Wer Glauben und Vertrauen hat, der kann Schritte ins Unbekannte gehen. Wie Abraham, wie Jesus, wie Yasmin, wie Matthias, wie Marianne Rosenberg. Wie du und ich. Und wir haben  die Chance auf das Glück.

Andere ermutigen, denen es schlecht geht. Die brauchen die Zuwendung. So wie die Kranken den Arzt brauchen. Amen.

Wahres Leben finden - die Angst vor dem Tod verlieren

Johannes 12,34-36: Da antwortete ihm das Volk: „Wir haben aus dem Gesetz gehört, dass der Christus in Ewigkeit bleibt; wieso sagst du dann: Der Menschensohn muss erhöht werden? Wer ist dieser Menschensohn?" Da sprach Jesus zu ihnen: „Es ist das Licht noch eine kleine Zeit bei euch. Wandelt, solange ihr das Licht habt, damit euch die Finsternis nicht überfalle. Wer in der Finsternis wandelt, der weißt nicht, wo er hingeht. Glaubt an das Licht, solange ihr’s habt, damit ihr Kinder des Lichts werdet." Das redete Jesus und ging weg und verbarg sich vor ihnen.

Diese Predigt habe ich frei gehalten anhand eines Stichwortzettels. Deshalb schreibe ich sie hier aus dem Gedächtnis auf.

Liebe Gemeinde!

Ich habe lange nach einer zusammenfassenden Überschrift für diesen Text gesucht. Ich fand diese Überschrift erst, als ich mir die Vorgeschichte klargemacht hatte. Schauen wir uns also die Vorgeschichte an, die im Johannes-Evangelium ganz anders aussieht als bei den anderen drei Evangelien.

Im Johannesevangelium geht Jesus nach seiner ersten Wundertat sofort das erste Mal nach Jerusalem, und er regt sich dort so furchtbar über den Opferkult im Tempel auf, dass er die Geldwechsler hinausjagt. Dies stößt nicht nur auf Zustimmung, sondern auch auf Widerstand und löst heftige Diskussionen aus. Jesus zieht sich erst einmal zurück, er heilt etliche Kranke in Galiläa und verkündigt die bedingugslose Liebe Gottes. Dann geht er ein zweites Mal nach Jerusalem, diesmal eilt ihm ein sensationeller Ruf als möglicher Messias voraus, und besonders die jungen Leute bereiten ihm einen begeisterten Empfang, ähnlich wie heute ein Popstar zieht er auf einem Esel in Jerusalem ein. Die Pharisäer beschließen jetzt endgültig, ihn zu töten. Das erfährt Jesus, und er setzt sich mit der Frage seines möglichen gewaltsamen Todes auseinander. Ihm wird klar, dass er seinen Weg weitergehen wird bis zum Tod. Er deutet das an, indem er zum Volk sagt: "Der Menschensohn muss erhöht werden." Erhöhung bedeutet für ihn sterben und gleichzeitig zum Himmel erhöht werden.

Damit provoziert Jesus neuen Widerspruch. Viele im Volk lehnen einen solchen Messias ab, weil sie buchstabengläubig einen Messias erwarten, der für ewige Zeiten den Thron Davids wieder aufrichtet. Jesus geht nicht direkt auf diese Erwartung ein. Er fordert statt dessen dazu auf, "im Licht zu leben".

Was meint Jesus damit? Für ihn ist das Leben im Licht folgendes: ich mache mein Ding, obwohl ich dann vom Tode bedroht bin. Ich tue es trotzdem, weil ich die Kraftquellen dafür habe.

Was sind seine Kraftquellen? Es sind drei: 1. Die Nähe zu Gott: immer wieder zieht er sich zurück, um sich zu besinnen, um zu beten. 2. Seine Jüngergruppe: eine Gruppe ist ein großer Halt. 3. Seine Liebe zum wahren Leben.

Diese dritte Kraftquelle ist etwas sehr entscheidendes. Mir wurde das besonders deutlich, als mein Patenkind Astrid sich für ihre Trauung folgenden Spruch aussuchte: "Liebe ist stark wie der Tod." aus dem Hohenlied. Da hab erstmal überlegt, was hat Liebe mit Tod zu tun? Mir fiel dazu ein, dass bei jeder Trauung  die Brautmutter Tränen in den Augen hat. Klugen Frauen war schon immer bewusst, dass Liebe auf der einen Seite etwas Wunderbares sein kannt aber auf der anderen Seite auch das Risiko des Todes in sich birgt – eine Schwangerschaft und Geburt war auf der einen Seite etwas Erfüllendes, aber auch eine große Gefahr – die Sterblichkeit bei einer Geburt war hoch – und so bedurfte es auf Seiten der Frau einer leidenschaftlichen und starken Emotion, nämlich der Liebe, um die Vereinigung mit einem Partner zu wollen. Hier geschieht genau das Gleiche wie bei Jesus: ich tue etwas aus Liebe, obwohl ich dann vom Tode bedroht bin. Ich tue es trotzdem, weil ich die Kraftquellen dafür habe.

Es ist also eine wechselseitige Verknüpfung: durch die Erfahrung des wahren Lebens nehme ich den Tod in Kauf, und gerade dadurch mache ich immer wieder diese Erfahrung des wahren Lebens. Also: wer sein Leben bereit ist zu verlieren, gerade der wirds finden.

Das gilt übrigens auch für zwischenmenschliche Beziehungen in Familie und Ehe. Gerade wenn ich das tue, das mir wichtig und heilig ist (das wahre Leben), gerade dann gehe ich vielleicht das Risiko ein, dass das den anderen in der Familie nicht unbedingt gefällt, aber dieses Risiko wird aufgewogen durch interessante Gespräche und Auseinandersetzungen, die einen voranbringen.

Also: die Bereitschaft, dem Tod ins Auge zu sehen, kann zu höherer Lebensqualität verhelfen. Auch heute. Amen.

Wie finde ich das wahre Leben?

Johannes 4,5-14: Da kam Jesus in eine Stadt Samariens, die heißt Sychar, nahe bei dem Feld, das Jakob seinem Sohn Josef gab. Es war aber dort Jakobs Brunnen. Weil nun Jesus müde war von der Reise, setzte er sich am Brunnen nieder; es war um die sechste Stunde. Da kommt eine Frau aus Samarien, um Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: „Gib mir zu trinken!“ Denn seine Jünger waren in die Stadt gegangen, um Essen zu kaufen. Da spricht die samaritische Frau zu ihm: „Wie, du bittest mich um etwas zu trinken, der du ein Jude bist und ich eine samaritische Frau?“ Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern. - Jesus antwortete und sprach zu ihr: „Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn, und der gäbe dir lebendiges Wasser.“

Spricht zu ihm die Frau: „Herr, hast du doch nichts, womit du schöpfen könntest, und der Brunnen ist tief; woher hast du dann lebendiges Wasser? Bist du mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken und seine Kinder und sein Vieh.“ Jesus antwortete und sprach zu ihr: „Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Lebens werden, das in das ewige Leben quillt.“

Liebe Gemeinde!

Heute hören Sie und hört Ihr keine Predigt in einem Stück, sondern in mehreren Fortsetzungen. Zwischendurch singen und musizieren die teach-boys. Auf diese Weise werden wir mehr Abwechslung haben.

Ich werde die Geschichte von Jesus und der Samariterin am Brunnen zunächst nacherzählen und dann einige wichtige Gedanken dazu Euch und Ihnen mitteilen.

1.Teil: die Vorgeschichte: Jesus war in Judäa gewesen und in Jerusalem, und da war viel passiert. Als er die vielen Menschen im Tempel gesehen hatte, die Opfer darbrachten, um Gott gnädig zu stimmen, und die Geldwechsler, die das römische Geld in das Tempelgeld umtauschten, da war etwas über ihn gekommen: er war von heiligem Zorn ergriffen worden, und er hatte die völlig überraschten Händler aus dem Tempel herausgetrieben. Viele Menschen waren beeindruckt von dieser Handlung, andere fanden das unmöglich, und es gab gewaltige Diskussionen darüber. „Darf er das? Wer ist er?“, so fragte man sich. Und ein hoher Pharisäer, Nikodemus, war nachts heimlich zu Jesus gekommen, um mit ihm zu sprechen. Aber es kam kein wirkliches Gespräch zustande. Jesus wollte Nikodemus davon erzählen, wie er zum wahren Leben gefunden hatte. „Man muss neu geboren werden, dann kann man Gottes Reich sehen, dann kann man das wahre Leben finden!“, hatte Jesus gesagt und gemeint, man muss irgendwann im Leben noch mal genau schauen: ist das richtig, was ich bisher gemacht habe? Jesus hatte den Anstoß durch Johannes den Täufer bekommen, der war ausgestiegen aus dem alltäglichen Trott des Lebens, der war in die Wüste gegangen, in die Wildnis, der hatte gemerkt, das normale Leben ist kein wirkliches Leben. Und da hatte Jesus ebenfalls neu begonnen. Das war seine neue Geburt. Jetzt hatte auch Jesus seinen Weg, seine wahre Bestimmung gefunden. Losgehen, den anderen Mut machen, Vertrauen zu Gott haben, auf die inneren Kräfte vertrauen und auf die Liebe untereinander. Diese Liebe war es, die das wahre Leben möglich macht. Das hatte Jesus erkannt. Das hatte er mit seinen Jüngern erprobt im Kleinen, und das würde sich dann ausbreiten. Aber Nikodemus konnte das nicht verstehen. „Man kann doch nicht als erwachsener Mensch neu geboren werden... das geht doch nicht. Man kann doch nicht einfach aussteigen!“ Und so kam keine Verständigung zwischen Jesus und den Pharisäern zustande. - So kam es, wie es kommen musste: Jesus merkte, wie die maßgebenden Meinungsführer ihn ablehnten. Wen man nicht versteht, den lehnt man ab. Und Jesus zog sich deshalb erst mal zurück. Zurück aus Judäa, zurück nach Galiläa in die Heimat. Dabei ging es durch ein ausländisches Gebiet, durch Samarien. Hier wohnten die Samariter. Und hier fängt die eigentliche Geschichte an.

Von guten Mächten (3 Verse)

Predigt 2 Jesus am Brunnen

Was für eine Hitze, mittags um die 6.Stunde, was bin ich auf einmal so müde, dachte Jesus, es wird an der Reise liegen! Ich setze mich hier an den Brunnen. Ich habe Durst, aber ich habe kein Gefäß, um Wasser zu schöpfen, und jetzt, mitten in der Mittagshitze, da kommt sowieso keiner vorbei. - Aber dann doch: eine Frau kommt, eine Frau aus Samarien, soll ich sie ansprechen, sie will Wasser schöpfen, das kann ich sehen, sie hat einen Krug dabei mit einem langen Seil, das reicht bis tief in den Brunnen. Sie könnte mir Wasser geben Aber kann ich sie einfach so ansprechen? Sie könnte das missverstehen. Wenn am Brunnen ein Mann eine Frau einfach so anspricht, dann denken die Frauen immer gleich an das eine. - So waren Jesus Gedanken, und es ging weiter in seinem Kopf: Das war bei Abrahams Sohn Isaak so, als Elieser Rebekka am Brunnen ansprach, das war bei Jakob so, als er Rahel am Brunnen traf, das war bei Mose so, als er seine spätere Frau am Brunnen kennenlernte. Fast alle Liebesgeschichten in der Bibel fangen damit an, dass ein Mann eine Frau am Brunnen anspricht. Seitdem denken die Frauen dort immer gleich an das eine. Und wenn eine Frau allein kommt, jetzt um die Mittagszeit, dann ist das sowieso höchst verdächtig. Dann ist sie bestimmt eine Ausgestoßene, man hat ja so einiges gehört, hier soll es ja eine Hexe geben, die allen Männern Unheil bringt. Vielleicht ist sie das ja. Deshalb sollte es für mich Tabu sein, sie anzusprechen. Außerdem ist sie eine Ausländerin, eine Samariterin, und ich als Jude habe mit denen nichts zu schaffen. Ich habe es doch gelernt, in der Synagoge, von meinen Eltern, von meinen Nachbarn und von den Meinungsführern überall bei uns: die Samariter sind nicht viel wert, sie achten das Gesetz nicht so wie wir, deshalb sind sie von Gott auch nicht anerkannt. Und wenn es diese Hexe ist? Nachher behext sie mich noch! Aber stimmt das? Muss ich die Tabus so einhalten, bloß weil sie Tabus sind? Bin ich nicht vor kurzem neu geboren? Muss ich da nicht alles neu anschauen? Nicht bloß mein Leben, sondern auch die allgemeinen Tabus? Soll ich bloß deshalb nicht mit einer Frau reden, weil sie das missverstehen könnte? Und wenn auch. Manchmal führen gerade Missverständnisse weiter. Da kommt man erst so richtig ins Gespräch. Und eine Hexe? Vielleicht ist gerade das interessant und führt mich weiter. Mich haben sie auch schon mit Beelzebub im Bunde gesehen. Und dass sie so was wie eine Ausländerin ist, vielleicht heißt das für Gott ja gar nichts. Vielleicht gibt es so was ja gar nicht - ein auserwähltes Volk - vielleicht war das nur ein grandioses Missverständnis. Egal - Gott hat mich jetzt hierhergeführt - und Gott hat diese Frau mit dem Krug hierhergeführt. Ich spreche sie einfach an und sage das einfachste von der Welt: Gib mir zu trinken! Mal sehen, was passiert.

4. What A Friend We Have In Jesus (3 Verse)

Predigt 3: Die Frau: die Frau ging ganz bewusst nicht mehr mit den anderen Frauen aus ihrem Dorf zusammen zum Brunnen. Früher, ja da hatte sie das getan, da hatte sie sich wohlgefühlt in der Gemeinschaft der Frauen, doch jetzt gingen die anderen am kühlen Morgen, und sie ging alleine später. Sie wollte das Getuschel der anderen nicht hören, und ihre verächtlichen Blicke nicht sehen. Fünf Männer hatte sie gehabt, und mit allen war es schief gegangen. Der erste an einer Krankheit gestorben, gegen die kein Kraut gewachsen war, dann musste sein Bruder sie, die Witwe, heiraten, und der war im Gebirge verunglückt, der dritte hatte sie wegen einer anderen Frau verlassen, der vierte Bruder starb an einem Herzschlag, und von dem fünften hatte sie sich getrennt, weil der sie geschlagen hatte - sie hatte sich zu einem freundlichen, lieben Nachbarn geflüchtet, der für sie sorgte, der sie aber nicht heiraten wollte, weil seine Familie dagegen war. Man munkelte, kein Mann würde es mit ihr aushalten, weil sie eine Hexe sei, sie wusste das, aber mittlerweile war es ihr egal, sie wollte mit den anderen nichts mehr zu tun haben. - Doch was war das denn heute mittag hier am Brunnen? Sie war jäh aus ihren trüben Gedanken aufgeschreckt. Da saß doch ein fremder Mann am Brunnen. Das musste ein Jude sein, die Samariter, die kannte sie alle, das waren ja nur ein paar hundert Menschen, die sich alle kannten. - Naja, egal, sie wollte ihr Wasser schöpfen. Und da sprach sie doch dieser Fremde an. Mit freundlicher Stimme sagte er zu ihr: Gib mir zu trinken! - Das gibts doch gar nicht, der spricht mich an, darauf bin ich nicht vorbereitet. Sie reicht ihm den Krug mit dem frischen Wasser. Wie, du bittest mich um etwas zu trinken, der du ein Jude bist und ich eine samaritische Frau? Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern. - Diese Frau ist mutig. Sie hat ein Tabu angesprochen. Sie hat offen gesagt, was sie denkt, und das unterscheidet sie von so vielen Menschen, und so wird ein interessantes und weiterführendes Gespräch möglich.

5. Dein Wort (4 Verse)

Predigt 4 Das Gespräch: Sie ist offen, denkt Jesus, und ich bin auch offen. Ich habe auch etwas, was du gebrauchen kannst. Was jeder Mensch braucht. Du bist vom Leben enttäuscht, das sehe ich, denn du kommst allein, jetzt in der Mittagshitze. Du bist von den Menschen enttäuscht. Aber ich könnte dir so viel geben. Ich könnte dir von der Liebe erzählen, nicht von der berechnenden, egoistischen Liebe, nicht vom mechanischen Sex der Huren und ihrer Freier, sondern von der wahren Liebe, die ich jetzt entdeckt habe, seitdem ich neu geboren bin. Das ist wirklich lebendiges Wasser. Das ist Wasser des Lebens. Und so sagt Jesus zu ihr: „Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn, und der gäbe dir lebendiges Wasser.“ - Spricht zu ihm die Frau: „Herr, hast du doch nichts, womit du schöpfen könntest, und der Brunnen ist tief; woher hast du dann lebendiges Wasser? Bist du mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken und seine Kinder und sein Vieh.“ Jesus antwortete und sprach zu ihr: „Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Lebens werden, das in das ewige Leben quillt.“ Jesus macht die Frau wirklich neugierig auf dieses lebendige Wasser, das den Durst nach Leben stillt. - Weiß er überhaupt, was für eine ich bin, dass er so liebevoll mit mir redet? - Und Jesus sagt es ihr auf den Kopf zu, dass sie die Frau mit den 6 Männern ist. Und dass er trotzdem ihr dieses Angebot macht, das Wasser des Lebens zu bekommen. Davon ist die Samariterin tief betroffen und erschüttert.

585 Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt

Predigt 5 Die Übernachtungen Du bist wirklich ein Prophet, vielleicht sogar der, der kommen soll, sagt sie zu Jesus.  Ja, ich bin es, erwidert Jesus. Da kennt die Frau kein Halten mehr. Sie läuft zurück in ihr Dorf. Sie erzählt allen von dem Mann, der sie kennt und der ihr dennoch den Weg zum wahren Leben gezeigt und geschenkt hat. Und - o Wunder - die Leute im Dorf schütteln nicht den Kopf über sie, sondern sie sind neugierig, und sie gehen zum Brunnen und laden Jesus und seine Jünger, die inzwischen wieder bei ihrem Meister sind, ein, bei ihnen zu bleiben, zu essen, sich zu waschen und zu erzählen. Gastfreundschaft. Ein großes Fest in Samarien. Und Jesus feiert zwei Tage und zwei Nächte mit ihnen, und sie fangen an zu glauben, dass Liebe möglich ist unter den Menschen, dass wahres Leben beginnen kann mitten im Dorf der Samariter hier und heute.

6. Jesus in meinem Haus (3 Verse)

Predigt 6 Wie finden wir zum wahren Leben?
Rosenstolz: Ich bin ich
Gehör ich hier denn noch dazu
Oder bin ich längst schon draussen?
Zeit nimmt sich den nächsten Flug
Hab versucht ihr nachzulaufen.
Bin doch gestern erst geborn’ und seit kurzem kann ich gehen
Hab mein Gleichgewicht verlorn’ doch kann trotzdem g’rade stehn.In meinem Kopf ist so viel Wut
Gestern Nacht konnt ich nicht schlafen
Dass Du da warst tat mir gut
Bitte stell jetzt keine Fragen
Denn ich würde nur bereun
Hätt ich mich an Dir verbogen
War bestimmt nicht immer treu
Doch ich hab Dich nie betrogen.

Das bin ich, das bin ich,
Das allein ist meine Schuld
das bin ich. Das bin ich, das bin ich,
Das allein ist meine Schuld.

Ich bin jetzt, ich bin hier, ich bin ich, das allein ist meine Schuld
Ich bin jetzt, ich bin hier, ich bin ich, das allein ist meine Schuld.
Ich muss mich jetzt nicht finden
Darf mich nur nicht verliern.
Bin doch gestern erst geborn’ und seit kurzem kann ich gehen,
Hab mein Gleichgewicht verlorn’ doch kann trotzdem g’rade stehn.
Ich bin jetzt, ich bin hier, ich bin ich , das allein ist meine Schuld
Ich bin jetzt ich bin hier ich bin ich das allein ist meine Schuld.
Wir sind jetzt, wir sind hier, wir sind wir, das allein ist unsre Schuld
Wir sind jetzt, wir sind hier, wir sind wir, das allein ist unsre Schuld
 
Gehör ich hier denn noch dazu?

Wie finde ich das wahre Leben? Ich finde die Antwort von Rosenstolz gut: mich selbst finden, geboren werden. D.h. neu geboren werden, bewusst das tun, was einem gut tut. Dann ist man erst mal draußen, gehört nicht mehr unbedingt dazu. Man muss vorangehen, manchmal ein Tabu brechen, man fühlt sich manchmal dabei schuldig, weil man anderen wehtun muss, die einen nicht verstehen, wenn man neue Wege geht. Aber das gehört dazu, wenn man das wahre Leben, seine wahre Bestimmung gefunden hat. Dieses Wehtun kann sich in Grenzen halten, wenn wir es unter dem Leitmotiv der Liebe tun, der Liebe, die langmütig und freundlich ist, die Liebe, die nicht eifersüchtig ist, die Liebe, die nicht mit dem anderen spielt, die sich nicht aufspielt, die den anderen respektiert, die nicht übertrieben egoistisch ist, die sich nicht erbittern lässt, die das Böse nicht zurechnet, sondern als Hilferuf sieht, die sich an der Wahrheit freut, auch wenn sie nicht immer angenehm ist; dann kann es gehen.

Wichtig ist die Leitfrage: Was tut mir wirklich gut? Z.B. Wenn du keinen Freund oder keine Freundin hast, dann such dir einen oder eine. Du brauchst einen Gesprächspartner auch außerhalb der Familie oder der Partnerschaft. Oder such dir eine Gruppe, in der du offen reden kannst. Und rede mit Gott, bete, besinne dich, was wirklich wichtig ist für dich! Suche dir neue Ziele, die sinnvoll für dich sind! Mach z.B. Musik wie die Teach-boys oder fang an zu joggen, um endlich vom Stress abzuschalten, oder such dir ein Ehrenamt. Es gibt so viele Chancen. Amen.

Von der Utopie zur Realität

Jesaja 11,1-9: Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn. Und Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des Herrn. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören, sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande, und er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten. Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften. Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären werden zusammen weiden, dass ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter. Man wird nirgends Sünde tun noch freveln auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land wird voll Erkenntnis des Herrn sein, wie Wasser das Meer bedeckt.

Liebe Gemeinde!

Wenn wir diesen Text hören, dann denken viele von uns zunächst: das ist ja utopisch! So wie Thomas Morus vor 400 Jahren in seinem Roman „Utopia“ einen Staat beschrieben hat, in dem paradiesische Zustände herrschen. Das Schöne an dieser Utopie ist, dass in dem Roman gezeigt wird, dass sehr wohl unterschiedlichste Menschen - Schwarze und Weiße - Männer und Frauen - Adlige und Menschen einfacher Herkunft - demokratisch zusammenleben können. Das war damals - kurz nach 1600 revolutionär - und genau so revolutionär ist der prophetische Bibeltext:  Kinder werden endlich friedlich aufwachsen können ohne Bedrohungen durch wilde Tiere - und oft sind ja andere Menschen diese wilden Tiere - und die Menschen leben so zusammen, wie es Gott gewollt hat, hier wird das Reich Gottes verkündet. Immer wieder war es wichtig, dass Menschen anfingen, von einem utopischen Zusammenleben zu träumen. 2000 Jahre später tat das z.B. Martin Luther King in den USA. „I have a dream.“ Ich träume davon, dass eines Tages alle Täler erhöht und alle Berge erniedrigt werden. Ich träume davon, dass Menschen nicht nach ihrer Hautfarbe beurteilt werden. Ich träume davon, dass wir solidarisch sind. Ich träume davon, dass alle Kinder eine echte Chance bekommen. So wichtig sind Träume. Aber wie werden sie verwirklicht? Thomas Morus Roman „Utopia“ und der Bibeltext von Jesaja unterscheiden sich radikal in einem ganz wesentlichen Punkt.

Thomas Morus hat leider keinen Weg aufgezeigt, wie wir zu diesem friedlichen demokratischen Staat kommen können, und der Bibeltext hat genau das getan. Der Bibeltext beschreibt: dieser wundervolle Zustand, dieses Reich Gottes wird durch einen besonderen Menschen heraufgeführt werden. Einen, der eine besondere Ausstrahlung hat, einer, der die anderen beeindruckt, der sie begeistert, der sie dazu bringt, etwas zu wagen und so zu leben, wie sie es sonst von sich aus  niemals tun würden. Einer, der selbst diszipliniert lebt, der gerecht ist gegenüber den Armen, ein echter wahrhaftiger Mensch. Das war eine revolutionäre Erkenntnis: Träume werden durch Menschen verwirklicht, die besondere Geistesgaben haben. Ein besonderes Charisma. Davon schwärmt der Prophet richtig poetisch. Er sagt: „Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn. Und Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des Herrn. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören, sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande, und er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten. Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften.“

Für die ersten Christen war Jesus dieser Mensch, der diese Ausstrahlung hatte, der genau sich so verhielt, wie es der Prophet vorausgeahnt hatte. Doch etwas trat nicht so ein, wie viele es sich im voraus gedacht hatten: Die Utopie wurde nicht Wirklichkeit. Sie wurde - wenn überhaupt - nur in kleinen Gruppen ausprobiert, in einigen urchristlichen Gemeinden - so lange, bis der römische Kaiser zum Christentum übertrat; dann wurde das Christentum Staatsreligion, die Religion wurde missbraucht, die gewaltlose Seite des Christentums wurde vom Kaiser oder vom Papst missbraucht, damit die Menschen nicht gegen die Übermacht von Staat und Kirche rebellierten.

Wieder brauchte es besondere charismatische Menschen, die dagegen auftraten, die eine Utopie träumten und die andere mitreißen konnten. Franz von Assisi war im Mittelalter solch ein Charismatiker, der vom Geist Gottes beseelt war und viele für ein Leben in Armut gewinnen konnte; Martin Luther 600 Jahre später konnte die Macht der römischen Kirche mit Hilfe der deutschen Fürsten brechen und eine Konkurrenzkirche schaffen - und Konkurrenz war nicht nur in diesem Falle ausgesprochen gut. Und in unserem Jahrhundert waren es Menschen wie Mahatma Gandhi, Mutter Theresa, Dietrich Bonhoeffer oder der schon erwähnte Martin Luther King, die viele von uns durch ihr Auftreten begeistern konnten, wenn auch meistens nicht persönlich, sondern durch Bücher oder durch Filme. Aber auch das funktioniert. Und wir Menschen werden dadurch ermutigt und verändert.

Noch wichtiger sind unsere persönlichen Charismatiker. Wenn wir noch sehr klein sind, dann sind es unsere Eltern oder älteren Geschwister, die uns ermutigen zu kleinen oder großen Heldentaten. Später sind es Lehrerinnen, Pastoren, Trainer oder Vorgesetzte, die zu unseren Vorbildern werden. In mancherlei Hinsicht trifft das auch auf den Ehe- oder Lebenspartner zu.

Wir erleben manchmal auch Enttäuschungen und dadurch massive Verletzungen. Wenn ein Lehrer oder Trainer oder Elternteil uns im Stich lässt oder noch schlimmer: wenn er oder sie seine Macht ausnutzt und uns missbraucht. Oder wenn der Ehepartner untreu wird. Oder wenn ein politischer oder religiöser Führer ein Verführer ist wie Adolf Hitler oder Stalin. Das schmerzt und ist nur sehr schwer zu verkraften. Und dennoch: der Missbrauch hebt den richtigen Gebrauch nicht auf. Wir brauchen solche charismatischen Menschen. Ohne sie geht es nicht. Deshalb dürfen wir darauf hoffen: die Utopie des Friedens und der geborgenen Kindheit ist möglich. Das Reich Gottes ist möglich. Durch Menschen wie Jesus. Sie werden auch heute geboren - bei uns und anderswo. Amen.

Friedfertigkeit und ihre Gegner

Johannes 7,28-29: Da rief Jesus, der im Tempel lehrte: „Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin. Aber nicht von mir selbst aus bin ich gekommen, sondern es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt. Ich aber kenne ihn; denn ich bin von ihm, und er hat mich gesandt.“

Liebe Gemeinde!

„Weihnachten ist ja ganz schön für Kinder“, sagen manche, „aber was hat das für uns Erwachsene überhaupt zu bedeuten? Kinder freuen sich über die vielen Geschenke, die sie sich schon lange gewünscht haben. Sie freuen sich, weil die Familie Zeit hat, zusammen zu spielen; alle sind entspannt und frohgestimmt. Jedenfalls hoffen wir das.“ Viele Erwachsene tun so, als stünden sie über diesem Weihnachtsfest, aber irgendwie werden viele doch in den Bann dieses Festes gezogen, und besonders die Menschen, die fern der Heimat sind, Soldaten in Afghanistan, Seeleute im Ausland - die sehnen sich in diesen Tagen nach Zuhause, es wird ihnen wehmütig ums Herz.

Aber was bringt mir als Erwachsenem das, dass damals ein Kind geboren wurde mit dem Namen Jesus?

Womit beschäftigen wir Erwachsenen uns zu Weihnachten? Wir tragen in uns das Erinnerungsbild an das Kind in der Krippe mit seiner Mutter und seinem Vater; wir haben vor unserem inneren Auge eine Krippe mit einem Kind darin, wir schauen auf eine Mutter mit einem Baby. Das tun wir seit unseren Kindertagen jedes Jahr zu Weihnachten. Wir hören und wir singen jedes Jahr, wie dieses Kind mitten in der Nacht geboren wurde, wir lassen in unserer Phantasie das Bild entstehen, wie Engel dieses Kind begrüßen und wir fühlen uns ein wenig wie die Hirten auf dem Felde, die davon hören, und wir gehen in unserer Phantasie mit den Hirten zum Stall und beten.

Was bringt uns diese Phantasiereise, wenn wir uns auf sie einlassen? Wir tun etwas, was Jesus seinen Jüngern empfohlen hat. Wir werden durch diese Phantasiereise friedfertig. Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen. Das hat Jesus uns gesagt.

Beim Betrachten des Kindes in der Krippe oder wenn wir uns die Weihnachtsgeschichte vorstellen - da werden wir Menschen fast automatisch friedlicher als wir es normalerweise sind.

Und das besonders Schöne ist: Wir spüren dabei, das ist etwas Besonderes, das ist etwas Göttliches. Jesus hat insofern schon als Kind in der Krippe eine Friedensbotschaft an uns Menschen gerichtet, und wir brauchen dieses Bild nur ein wenig auf uns wirken lassen. Am letzten Donnerstag wurde das durch einen interessanter Zeitungsartikel wissenschaftlich bestätigt: Der Anblick eines Babys stimmt friedlich. Schon bei aggressiven Kindern. Da bittet zum Beispiel die Lehrerin einer Schulklasse, wo viele solcher aggressiven Kinder sind, eine Mutter, ihr kleines Baby auf dem Arm mit in die Klasse zu bringen, und schon allein dadurch dass die wilden Kinder das Baby auf dem Arm der Mutter sehen, werden sie ruhiger, sie können sich dadurch besser konzentrieren und haben plötzlich Erfolgserlebnisse im Unterricht, die sie vorher aufgrund ihrer Aggressivität und ihrer inneren Unruhe nicht hatten.

Das Kind in der Krippe macht friedlich. Manchen Menschen passt das nicht, sie  wehren sich dagegen. Die hohen Militärs fürchten sich immer ein wenig vor Weihnachten, weil da die Kampfbereitschaft der Soldaten nachlässt. Die Soldaten sehnen sich nach Hause, zu ihren Familien, und sie wissen, ihren Feinden geht es genauso. Das wird in dem Film „Merry Christmas“ - der kleine Friede im großen Krieg sehr schön dargestellt. Da haben tatsächlich 1914 an der Westfront in den Schützengräben die Feinde zusammen Weihnachten gefeiert. Das sind die echten und wahrhaftigen Gefühle, die den Frieden auf Erden schaffen können.

So können ehrliche und wahrhaftige Gefühle sehr wirksam sein. Wirksam und für manche Menschen gefährlich. Viele hielten Jesus deshalb für gefährlich, weil er die ehrlichen und wahrhaftigen Gefühle über die Weisheiten der Schriftgelehrten, der damaligen Kirchenleitungen, stellte.

Im Johannes-Evangelium gibt es eine lange Diskussion darüber, ob Jesus wirklich der Messias ist oder nicht. Die obersten Schriftgelehrten sagten, in den Schriften würde stehen, der Messias würde als jemand kommen, den man vorher nicht gekannt hat, als der große Unbekannte sozusagen. Deshalb könne Jesus nicht der Messias sein, mein wisse ja, wo er hergekommen sei. Darauf antwortete Jesus: „Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin. Aber nicht von mir selbst aus bin ich gekommen, sondern es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt. Ich aber kenne ihn; denn ich bin von ihm, und er hat mich gesandt.“

Jesus hat gespürt: Gottes Geist weht, wo er will. Der göttliche Messias kann auch in einem Stall in Bethlehem zur Welt kommen oder heutzutage in einem Slum in Kalkutta oder meinetwegen in einem Krankenhaus in Aurich. Entscheidend ist dann im späteren Leben, dass man nicht in erster Linie auf die eigene Karriere bedacht ist, oder dass man das macht, was verlangt wird, sondern dass man seine innere Bestimmung spürt, und dass man seiner inneren Bestimmung folgt. Das verstehen aber die Schriftgelehrten nicht, die können ihre innere Bestimmung gar nicht spüren, das haben sie nie gelernt, ja das haben sie sich im Gegenteil geradezu abgewöhnt; die hören nur darauf, was in ihren Paragraphen und in ihren heiligen Schriften steht, und dann manipulieren sie ihre Gefühle dahin, dass sie diesen Schriften folgen können.

Davon hat Jesus sich und seine Jünger befreit. Davon dürfen auch wir frei werden, wenn wir auf den Geist Gottes hören, der auch heute zu uns sprechen kann. Wie wunderbar ist es, offen und frei und ehrlich miteinander sein zu dürfen, und durch das Kind in der Krippe friedlich gestimmt zu sein. Dann kann Weihnachten ein gutes Weihnachten werden und darüber hinaus weiterwirken. Amen.

In der Krise liegt die Chance
Jesaja 40,1-8: Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und prediget ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat doppelte Strafe empfangen von der Hand des Herrn für alle ihre Sünden. Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden; denn die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des Herrn Mund hat’s geredet. Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des Herrn Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk! Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.

Liebe Gemeinde!

Jerusalem lag am Boden, als der Prophet Jesaja lebte und predigte. Zweimal zerstört, einmal durch die Assyrer und jetzt zuletzt durch die Babylonier. Die besten Leute waren gefangen und ins Ausland verschleppt. Es war eine scheinbar ausweglose Situation. Die Menschen fühlten sich gottverlassen und am Boden. Die meisten klugen Leute sagten: Das ist die Schuld für unsere Fehler. Jetzt müssen wir für unsere Sünden büßen oder für die Sünden unserer Mütter und Väter.

Das waren uralte Geschichten, die sich aber im Leben der Völker häufig  wiederholen und auch im persönlichen Leben kommt so etwas immer wieder vor. Völker geraten in eine Krise, so wie Deutschland nach dem 2. Weltkrieg. Es war die zweite Niederlage im zweiten großen Krieg, fast alle Städte und viele Dörfer waren zerstört, viele Soldaten und Zivilisten waren im Krieg getötet worden; Millionen wurden aus der Heimat vertrieben, die Amerikaner und die Russen holten sich die besten deutschen Wissenschaftler, um ihre Rüstungsanstrengungen zu verstärken, viele bei den Siegermächten wollten Deutschland demütigen und zerstören, um es für immer zu schwächen, und so sahen viele damals in Deutschland schwarz für die Zukunft.

Ähnliches kommt im persönlichen Leben auch immer wieder vor. Auch da gibt es Krisen und Katastrophen. Eine Ehekrise kann z.B. das Leben einer ganzen Familie in Mitleidenschaft ziehen. Jeder hat das Gefühl, es geht nicht mehr weiter, am besten wäre eine Trennung - eine gemeinsame Zukunft scheint völlig aussichtslos zu sein.

Und in eine solche Situation der Hoffnungslosigkeit ruft der Prophet seine Botschaft. Gott sagt: „Tröstet mein Volk, redet freundlich, denn es gibt Hoffnung, jede Krise ist ein neuer Anfang!“ In der Wüste (in der Krise) bereitet dem Herrn den Weg: dort, wo scheinbar alles tot ist, in der Wüste, da beginnt der neue Weg Gottes. Das wussten schon die Bremer Stadtmusikanten im Märchen: Als die Menschen den Tieren ihren Tod androhten, da sagte der Esel zum Hund: Komm, wir gehen nach Bremen; etwas Besseres als den Tod findest du überall. Und sie fanden etwas Besseres, ein neues Zuhause.

Wie aber kann das angehen, dass aus einer Krise ein besserer Zustand hervorgeht als vorher? Na, das können wir Deutschen doch sehr gut an der Zeit nach dem 2.Weltkrieg erkennen. Als alles in Schutt und Asche lag, da konnte und musste man fast alles neu aufbauen. Und wenn man schon mal neu aufbaut, dann macht man es möglichst besser und schöner als vorher. Man versucht, die Fehler zu vermeiden, die man vorher gemacht hatte. So schrieb man zum Beispiel ins Grundgesetz, dass niemand wegen seiner Hautfarbe oder Religion benachteiligt werden darf, und das Grundgesetz sollte garantieren, dass Deutschland niemals wieder einen Angriffskrieg beginnen dürfte. Und in der praktischen Politik bedeutete das, Deutschland schloss endlich Frieden mit seinen Nachbarn Frankreich, Großbritannien, Holland, Polen und Russland - so etwas wurde möglich infolge der Niederlage und Krise. Unglaublich eigentlich!

Eine Krise ist die Chance, sein Leben in Ordnung zu bringen. Das ist Advent. Das ist die Vorbereitung auf Weihnachten. Eine Ehekrise ist die Chance, die Ehe neu zu ordnen; und das ist ein wunderbares Gefühl, zu spüren, dass die Liebe neu erwacht, und für die Kinder ist das besser als Weihnachten, wenn sie merken: die Eltern, die sich zuletzt nur noch angegiftet haben, die respektieren einander, ja sie umarmen sich und sind auf einmal gut gelaunt und fröhlich. Oft geht das nur mit fachlicher Hilfe von außen, aber wenn die Heizung kaputt ist, dann holt man ja auch den Monteur, und diese Hilfe ist für eine kaputte Ehe genauso nötig und oft genauso erfolgreich.

Dies ist die Sichtweise Gottes, sagt der Prophet. Ihr könnt aus jeder Krise einen neuen Anfang machen. Eine neue, bessere Ordnung schaffen. Wie aber ist es mit dem Tod, so fragt der Prophet selbst: alles muss sterben und verderben. Alles Fleisch ist wie Gras und wird eines Tages dahingerafft.

Ja, so ist es, antwortet Gott; und dennoch ist das Wort wahr: das Leben ist schön, und das ewige Leben ist noch schöner! Das ist die Weihnachtsbotschaft, die Jesus ganz klar zu uns in die Welt gebracht hat. Gerade weil unser Leben begrenzt ist, sollen wir unser Leben in Ordnung bringen, dann geschieht Advent. Amen.

In der Gruppe sind wir stark!

Jesaja 35,3-10: Stärket die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Saget den verzagten Herzen: „Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.“ Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen. Und es wird dort eine Bahn sein, die der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; auch die Toren dürfen nicht darauf umherirren. Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden darauf gehen. Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.

Liebe Gemeinde!

„Stärket die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!“ So fängt der Prophet seine Rede an. Das Schlimmste im Leben ist Resignation, dann sind die Hände müde. Müdigkeit bedeutet: Es erscheint alles als sinnlos, manche sind lebensmüde, oder sie sind schulmüde oder sie sind ihres Partners müde. Man spricht z.B. auch von Wahlmüdigkeit.

Der Prophet Jesaja macht hier einen kleinen Aufstand gegen die Wahlmüdigkeit, gegen die Politikverdrossenheit, gegen die Verdrossenheit allgemein. Er macht einen Aufstand und verspricht uns Auferstehungen mitten im Leben, wenn wir anfangen damit, uns in die Politik einzumischen oder wenn wir unsere Partnerschaft wieder in Ordnung bringen wollen oder wieder Spaß an der Schule haben wollen oder im Leben überhaupt einen neuen Sinn suchen. Das geht aber nicht einfach dadurch, dass wir beschließen: ab heute hat mein Leben einen neuen Sinn, oder ab heute bin ich nett zu meiner Ehefrau, oder ab heute will ich Spaß in der Schule haben, oder ab heute misch ich mich in die Politik ein - nein, so einfach geht das nicht!

Jesaja hat ganz recht - die müden Hände müssen erst einmal gestärkt werden und die wankenden Knie müssen fest gemacht werden! Aber wie? Wie hat Jesus das gemacht? Na, was hat er getan? Gepredigt? Das hat er auch, aber vorher hat er eine Gruppe gegründet. Die Gruppe der 12. Es können aber auch weniger sein, mehr eher nicht, weil sonst die Übersicht verloren geht. Jesus sagt deshalb: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Da geschieht Advent, Ankunft des Herrn mitten unter uns.
Was für eine Gruppe sollte das sein? Eine Gruppe, die einen stärkt und festigt. Eine Selbsthilfegruppe. Wer sich über die Politik ärgert, der sollte eine Gruppe mit anderen bilden, die sich auch ärgern und gemeinsam mit ihnen diskutieren und sich kleine Ziele setzen. Es ist besser, ein Licht anzuzünden als auf die Dunkelheit zu schimpfen - das ist ein alter chinesischer Adventsspruch. Zum Beispiel ist ein Altenkreis eine solche Selbsthilfegruppe. Da kommen ältere Menschen zusammen und können sich Tipps geben, welcher Arzt gut ist oder welche Freizeitmöglichkeiten Spaß machen. 

Zum Beispiel können sich Schüler zusammen mit ihren Eltern besser als Gruppe gegen einen übergriffigen Lehrer wehren. Meine Tochter hatte zum Beispiel einen Lehrer, der im 7.Schuljahr  den 13-jährigen Mädchen immer wieder so nahe kam, dass es ihnen sehr unangenehm war. Wir bildeten spontan eine Gruppe, indem wir darüber mit anderen Eltern und mit einigen Schulkameradinnen meiner Tochter sprachen und wir fühlten uns dadurch nicht mehr ohnmächtig, sondern so stark, so dass wir unsere Angst vor dem Lehrer verloren und mit Hilfe des Schulleiters tatsächlich Verbesserungen erreichen konnten. Diese neue Stärke vertrieb die Müdigkeit, der Herr war mitten unter uns, ohne dass wir es direkt bemerkten und ohne dass wir das so bezeichnet hatten. Aber es war eine sehr schöne Adventserfahrung, unserer Tochter und den anderen Schülerinnen so helfen zu können.

Zurück zu Jesaja. Mal sehen, was er uns noch zu sagen hat. Jesaja fährt dann fort: Saget den verzagten Herzen: „Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.“ Hier stolpern wir erst einmal. Gott kommt zur Rache? Ist das nicht furchtbar? In gewisser Weise ist es das, nämlich dann, wenn durch Rache eine echte Versöhnung verhindert wird. Aber Rache kann auch in einem anderen Sinne gemeint sein. Rache kann manchmal etwas Positives sein. Etwa in dem Sinne von Robin Hood, dem Rächer der Enterbten. Für ein Opfer ist es nämlich gut, wenn der Täter bestraft wird. Das ist eine positive Rache. Wo sind die heutzutage die Opfer, die nach Genugtuung und solcher positiver Rache dürsten? Die entlassenen Arbeiter eines Konzerns, wo die Manager korrupt sind, die Betriebsräte gekauft sind. Für diese Arbeiter ist es gut, dass die Manager dann angeklagt und bestraft werden und die käuflichen Betriebsräte gleich mit.

Für die Schüler, die Opfer von Übergriffen geworden sind, ist es eine Genugtuung, wenn der entsprechende Lehrer strafversetzt wird. Eine Strafe ist nicht nur gut für das Opfer, sondern auch für den Täter - dadurch wird ihm deutlich: ich bin zu weit gegangen. In Zukunft tue ich das nicht wieder.

Was sagt Jesaja als nächstes? „Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken.“ Das heißt ganz einfach: Wenn du aktiv wirst, im Verlauf dieser Aktivitäten, lernst du zu sehen und zu hören, du wirst munter, und fröhlich. Dann entwickelst du in der Gruppe ungeahnte Fähigkeiten und hast Erfolgserlebnisse, die du nie vorher geahnt hättest.

Ganz poetisch sagt es Jesaja: „Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.“ Du wirst kreativ, unglaublich schöpferisch, phantasievoll, lebendig. Du findest neue Freunde fürs Leben, mit denen du durch Dick und Dünn gehen kannst. Solche Dinge können und werden passieren, wenn du aus deinem Schneckenhaus herauskommst.

Und noch einmal unterstreicht Jesaja das: „Und es wird dort eine Bahn sein, die der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; auch die Toren dürfen nicht darauf umherirren. Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden darauf gehen.“ Für uns heißt das: Du wirst es sehen: Es gibt mit Hilfe der Gruppe neue Wege, wo du das Leben als sinnvoll und befriedigend empfinden wirst.

Zum Schluss noch einmal der poetische Höhepunkt: „Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.“ So wird es sein. Dieses sinnvolle Leben ist ein Leben mit starker Freude, mit echter innerer Zufriedenheit. Da geschieht der wahre Advent. Hier mitten unter uns. Auch heute noch. Amen.

Dem Herrn den Weg bereiten - Weihnachten vorbereiten

Lukas 1,67-79: Und sein Vater (d.h. der Vater von Johannes) Zacharias  wurde von heiligem Geist erfüllt, weissagte und sprach: „Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk und hat uns aufgerichtet eine Macht des Heils im Hause seines Dieners David - wie er vorzeiten geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten -, dass er uns errettete von unsern Feinden und aus der Hand aller, die uns hassen, und Barmherzigkeit erzeigte unsern Vätern und gedächte an seinen heiligen Bund und an den Eid, den er geschworen hat unserm Vater Abraham, uns zu geben, dass wir, erlöst aus der Hand unserer Feinde, ihm dienten ohne Furcht unser Leben lang in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen. Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen. Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest, und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk in der Vergebung ihrer Sünden, durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.“

Liebe Gemeinde!

Wer war dieser Zacharias, der hier dieses wortreiche Lobpreis-Gebet spricht? Meine Mutter erzählte mir und meiner Schwester, als wir klein waren, diese Geschichte von Zacharias und Elisabeth an den Adventssonntagen, wenn wir nachmittags zusammen saßen, Christstollen aßen, am Adventskranz brannte die Kerze, wir sangen, einer spielte Blockflöte oder mein Vater Klavier. Deshalb ist mir dieser Zacharias vertraut, und er ist in gewisser Weise auch mein Namensgeber. Verantwortlich für meinen Namen Johannes.

Zacharias war ein Priester am Tempel in Jerusalem, verheiratet mit Elisabeth und lange Jahre kinderlos. Alle Versuche waren zwecklos. Gebete halfen auch nicht, die Hilfe durch alte, weise Frauen fruchtete ebenfalls in keiner Weise. Elisabeth wurde lange Jahre nicht schwanger. Die beiden kamen in die Jahre und gaben ihre Hoffnung auf eine Zukunft mit einem Kind auf. Gott schien sie vergessen zu haben, es war ein Leben ohne wirkliche Freude, ohne Lebendigkeit. Im Grunde fühlten sich Zacharias und Elisabeth schon wie tot.
Und just da, als sie nicht mehr daran glaubten, war ein Engel zu Zacharias gekommen und hatte ihm die Geburt eines Sohnes angekündigt. Ganz ähnlich war es Jahrhunderte vorher schon Abraham und Sara ergangen und später Hanna und Elkana, den Eltern von Samuel. Immer wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Zacharias konnte dem Engel nicht glauben. Er wurde sprachlos. Er blieb sprachlos, auch als seine Frau merkte, dass sie schwanger war. Das passte nicht in sein Weltbild. Neun Monate sagte er kein Wort. Das war sozusagen seine Glaubensschwangerschaft. Und als seine Frau Elisabeth den Sohn geboren hatte, da schrieb er seinen Namen - Johannes - auf eine Wachstafel, mit der er sich verständlich machte.

Johannes ist die griechische Form des hebräischen Yochanan (יוחנן) und bedeutet „der HERR (JHWH) ist gnädig“ bzw. „der HERR hat Gnade erwiesen“. Im Judentum als Ausdruck einer als Geschenk aufgefassten Geburt zu verstehen.
Dieser Name drückt die neue Glaubenshoffnung aus. Als er dem Kind diesen Namen gegeben hat, fand Zacharias seine Sprache wieder, und er lobte Gott und wurde erfüllt vom heiligen Geist, jetzt war er richtig begeistert, heilig begeistert. 
Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest, und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk in der Vergebung ihrer Sünden
Aber wie ging Johannes dem Herrn voran?

Die Antwort lautet: er stieg mit 30 Jahren aus dem üblichen Tempelbetrieb aus. Insofern war er Vorbild für Jesus, der kurz danach auch ausstieg aus seinem Beruf als Zimmermann und aus seiner Familie.

Johannes machte „sein Ding“, er war ein wilder Mann: trug „wilde“ Sachen: ein Gewand aus Kamelhaaren, er aß „wilde Sachen“: Heuschrecken und wilden Honig. Er wollte sozusagen zurück zur Natur, zur Natürlichkeit des Menschen gegen die Vergewaltigung seiner Natur durch einen falschen Glauben, der krank macht. Gegen die Vergewaltigung seiner Natur durch eine Familie, die zwanghaft wirkt. Gegen eine Vergewaltigung seiner Natur durch einen Beruf, der nicht seine wirkliche Berufung war. Im Alter von 30 Jahren trat damals das Lebensende in den Blick. Das Leben ist begrenzt, man muss jetzt echte Entscheidungen treffen. Und sein Leben war begrenzt. Er ging das Risiko der Verfolgung ein, und er wurde verhaftet und umgebracht. Auch insofern ging er dem Herrn voran.
Taufte, d.h. er tauchte die Menschen ganz unter. Nach dem Untertauchen tauchten sie auf. Das bisherige falsche Leben, die Sünde, sollte beendet werden, das richtige, das wahre Leben, das Reich Gottes, sollte beginnen. Johannes begann deshalb mit einem Aufdecken der Sünden. Selbsterkenntnis war der erste Schritt zur Besserung. Und er machte dazu Mut, neu anzufangen. Das war die Erkenntnis des Heils, und die Chance auf den Neuanfang, das  war die Vergebung der Sünden.

Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen durch Solidarität. Johannes predigte Solidarität.

Wie das ganz praktisch aussehen kann, erzählt eine wunderschöne weihnachtliche Alltagsgeschichte.

Hansis Geschichte
»So gut wie Hansi möchten wir's auch mal haben«, sagten die anderen Kinder im Dorf manchmal
.
Hansi guckte nämlich oft bis Mitternacht fern. Und hatte die Taschen voll Kleingeld. Und aß nur, wann er wollte, und das, worauf er Lust hatte. Und zog irgendwelche Klamotten an, egal, ob sie zerrissen oder voll Flecken waren. Schularbeiten machte er so gut wie nie. Und kam meist zu spät zur Schule. Und machte überhaupt den ganzen Tag lang, was ihm gerade in den Sinn kam, und niemand schalt ihn deswegen.

»Ihr könnt ja mal mit mir tauschen«, meinte Hansi, der es gern wie die anderen Kinder gehabt hätte, aber das ging nun mal nicht. Stine und Hinrich, seine Eltern, hatten kaum Zeit für ihren Hansi. Sie hatten den Laden und die Poststelle und dazwischen auch noch zu allem Überfluss die Gaststube. Bereits früh um sieben musste Stine hinter dem Tresen stehen. Dann verlangten die ersten Leute ihre Brötchen und dazu eine Zeitung. Später kamen Lieferanten mit Milch und Wurst und frischem Gemüse. Und Frauen, die sich Zeit ließen beim Einkaufen, weil sie eine Weile schwatzen wollten. Meist kauften sie allerlei Kleinkram, den sie im Supermarkt nicht bekamen. Die Alten kauften auch alles andere bei Stine, sie hatten ja kein Auto, um zum Supermarkt zu fahren. Jedenfalls war der Laden voll bis zum Abend. Und wenn Stine endlich Schluss machen konnte, musste sie noch die Bücher führen, Bestellungen aufgeben und Steuern ausrechnen. Sie konnte sich nur mal zwischendurch um Hansi kümmern und ihn fragen: »Ist alles in Ordnung?« Dann nickte Hansi, und Stine steckte ihm etwas Süßes zu, das sie aus einem Regal angelte.

Hinrich saß vormittags hinter dem Postschalter. Er stempelte Briefe, wog Päckchen, verkaufte Briefmarken, ordnete die Post, zahlte Renten aus und übermittelte Telegramme. Auch er hatte kaum Zeit für Hansi. Wenn er ihn traf, sagte er: »Kopf hoch, Hansi«, und gab ihm eine Handvoll Kleingeld.
Zwischen dem Laden und der Post war da auch noch die Gaststube. Dort hockten meist schon vormittags die Männer, weil immer etwas Wichtiges zu bereden war. Durch die offene Ladentür gab Stine acht, dass niemand auf dem Trockenen saß. Bei Bedarf mussten ihre Kunden einen Moment warten, und sie zapfte Bier und schenkte Korn ein. Nachmittags, wenn die Post geschlossen hatte, übernahm das Hinrich bis spät in die Nacht hinein. Danach war er so müde, dass er gleich ins Bett kroch und schnarchte.

Nur manchmal, am Sonntagmorgen, wenn der Laden geschlossen war und die Leute in der Kirche saßen, hatten Stine und Hinrich ein paar Augenblicke Zeit für Hansi. Da fragte Hansi einmal: »Warum habt ihr mich eigentlich?«

Hinrich, der Biergläser polierte, guckte zu Stine hinüber und fragte: »Kannst du mir sagen, warum wir den Knirps haben?«

Stine, die gerade die Tische abwischte, drehte sich um und sagte: »Weil wir dich sehr, sehr lieb haben, Hansi.« Das war ja gut und schön, aber Hansi konnte nicht viel damit anfangen. Er hätte es gern mal so gehabt wie alle anderen Kinder, aber er wusste auch, dass es nicht möglich war.

Um die Weihnachtszeit hatten Stine und Hinrich überhaupt keine Zeit mehr. Bereits seit Wochen kauften die Leute in Stines Laden wie verrückt ein. Sie kauften Dominosteine und Spritzkuchen und Spekulatius und rote Kerzen und alle Delikatessen, die Stine jetzt im Sonderangebot hatte. Stine wußte manchmal nicht mehr, wo ihr der Kopf stand.

Auch bei Hinrich in der Post war Hochbetrieb. Die Pakete und Päckchen stapelten sich hinter ihm zu Bergen, und er musste Unmengen von Weihnachtskarten abfertigen und andere Unmengen stempeln. Um Hansi konnten sie sich gar nicht mehr kümmern. Als Stine einmal todmüde neben Hinrich im Bett lag, sagte sie: »Hansi tut mir so leid. Immer ist er allein. Wir müssen ihm ein besonders schönes Weihnachtsfest ausrichten. Meinst du nicht auch?«

Hinrich brummte: »Das ist doch klar«, drehte sich um und schlief ein.
Dafür lag Stine noch eine Weile wach und grübelte.

Sie wäre gern mal an einem Nachmittag mit dem Bus in die Stadt gefahren und hätte Geschenke gekauft. Sie hätte gern auch irgendwas gebastelt oder gestrickt, aber woher sollte sie die Zeit dazu nehmen? Sie kam ja nicht einmal dazu, einen Baum zu besorgen. Und zum Fest sollte es ja auch etwas Gutes zu essen geben. Aber was? Und wann sollte sie das alles machen? Mitten in diesen Gedanken fielen Stine die Augen zu.

Am Heiligen Abend überschlug sich alles vom frühen Morgen an. Der Laden war ständig knallvoll. Die Leute kauften ein, als ob es nie wieder was gäbe. Sie kamen zweimal und dreimal zurück, weil sie immer wieder etwas vergessen hatten. Bald wusste Stine nicht mehr, wo hinten und vorne war. Die Maschine sauste, wenn sie Wurst und Schinken schnitt, die Waage hüpfte auf und ab, wenn sie Käse und Fleischsalat wog. Stine fischte Geflügel aus der Gefriertruhe, angelte Konserven vom Regal, kletterte die Leiter auf und ab, um Flaschen zu holen, und tippte in Windeseile die Kassenstreifen. In der Poststelle bei Hinrich sah es nicht besser aus. Da wurden noch Berge von Paketen geliefert, er musste Gespräche ins Ausland vermitteln, und überdies kamen immer wieder Leute mit Sparbüchern, denen bei Stine das Geld ausgegangen war und die nun bei Hinrich Nachschub holten.

Aber erst in der Gaststube! Dort ging es an diesem Tag ganz schlimm zu. Viele Männer hatten sich beizeiten von zu Hause verdrückt, weil sie bei den Festvorbereitungen ja nur im Weg waren. Andere wollten auf ein frohes Fest miteinander anstoßen. Jedenfalls war kein einziger Platz frei, und immer wieder wurde nach Stine gerufen, die nachschenken sollte.

Hansi saß im kalten Treppenhaus auf den Stufen und war ganz allein. Hinten, wo der Gang zu Ende war, befand sich das Klo. Die Männer aus der Gaststube mussten dauernd dorthin. Die meisten sagten zu Hansi nur: »Na du?« Aber der alte Jensen blieb stehen. Er fragte: »Ist euer Baum schon geschmückt?«
»Wir haben keinen«, sagte Hansi.

»Was denn? Keinen Baum?« fragte der alte Jensen und konnte es nicht fassen. Das gab's doch gar nicht. Nachdem er auf dem Klo gewesen war, nahm er Hansi mit in seinen Kombi und brauste mit ihm in den Wald. Dort durfte sich Hansi einen Baum aussuchen, und Hansi wollte einen ganz großen. Oben in der Stube musste der alte Jensen einen Meter vom Stamm absägen, ehe der Baum hineinpasste, und dann reichte er vom Boden bis zur Decke.

»Nun muss Schmuck dran«, sagte der alte Jensen, aber Hansi wusste nicht, wo der Weihnachtsschmuck aufbewahrt wurde. Da stapfte der alte Jensen zu Stine in den Laden hinunter und kaufte bunte Kugeln, Lametta, Engelshaar, Zuckerkringel und garantiert nicht tropfende Kerzen. Er kaufte von allen Artikeln so große Mengen, dass Stine ausverkauft war.

Sie bediente gerade Tante Behrens, die von einer langen Liste ablas, was sie noch alles für die Feiertage brauchte. Fast hätte sie den Magenbitter vergessen.
»Dabei ist das ein Geschenk für unsern Opa«, sagte sie und fragte dann: »Was gibt es denn bei euch für Geschenke?«

Stine war natürlich nicht dazu gekommen, irgendwas in der Stadt zu besorgen. Weil sie an Hansi dachte und weil Hansi ihr dabei leid tat, bekam sie nasse Augen und eine rote Nase.

»Gar keine«, sagte sie.

»Was denn? Keine Geschenke?« fragte Tante Behrens. Das wollte ihr nicht in den Kopf. Nachdem sie ihre Einkäufe daheim verstaut hatte, kramte sie in Truhen, Schränken und Schubladen. Sie fand allerlei, was sie nett verpackte und verschnürte. Diesmal ging sie nicht zu Stine in den Laden, sondern durch die Haustür und kletterte die Treppe hoch.

Oben in der Stube schmückten der alte Jensen und Hansi den großen Baum. Tante Behrens legte ihre Geschenke gleich daneben auf den Teppich.
»Wehe, wenn du sie schon aufmachst!« sagte sie zu Hansi.

»Ganz bestimmt nicht«, versprach Hansi.

Unten hatte Hinrich die Poststelle gerade dichtgemacht, als er den alten Jensen, Tante Behrens und dazu Oma Hinze traf, die bei Stine Streichhölzer gekauft hatte. Weil Weihnachten war, lud er alle auf einen Kirschlikör ein. Die Männer, die noch immer in der Gaststube saßen, riefen: »Wohl bekomm's!«

»Wohl bekomm's!« antwortete Oma Hinze, dann erkundigte sie sich bei Hinrich: »Was wird euch heute abend wohl bekommen? Was gibt es Gutes?« Hinrich kippte einen Doppelten und sagte: »Nichts.« Oma Hinze ließ fast das Likörglas fallen. Nichts? Aber am Heiligen Abend musste es doch was besonders Gutes geben! Nichts? Das gab's doch gar nicht. »Naja, du weißt doch - Stine«, meinte Hinrich verlegen. Oma Hinze wusste gut, wieviel Stine um die Ohren hatte. Aber dann fiel ihr Hansi ein. Sie trank hastig ihren Likör aus und eilte nach Hause. Dort saßen alle Hinzes um den Tisch und vertilgten gerade den Christstollen. In der Küche auf dem Fensterbrett standen Schüsseln voll Sellerie und Heringssalat, voll Zitronencreme und Roter Grütze. In der Röhre schmorte neben einer Gans noch ein Schweinebraten, auf dem Herd dampfte Kraut, und Klöße kugelten im Topf herum. Von allem war genug da, und niemand hatte etwas dagegen, dass Oma Hinze einen Teil in Näpfe und Töpfe füllte. Als sie damit durch das Dorf lief, war es schon dunkel. Hansi hockte wieder auf der Treppe und wartete. Oma Hinze strich ihm über den Kopf, dann brachte sie Fleisch, Kraut und Klöße in Stines kalte, leere Küche. Hansi musste ihr beim Tischdecken helfen und durfte schon mal die Creme kosten.

Unten im Laden bediente Stine jetzt die letzten Kunden. Sie machte ganz langsam, denn das Herz war ihr schwer. Sie musste immerzu an Hansi denken. Was sollte sie ihm nur sagen?

Dass kein Baum da war?

Dass es keine Geschenke gab? Nicht mal was Gutes zu essen?

Am liebsten hätte sie sich verkrochen und geheult. Nebenan schob Hinrich die letzten Gäste auf die Straße hinaus und sperrte die Gaststube zu. Dann kam er zu Stine.

»Ja, also dann«, sagte er verlegen, »dann müssen wir mal sehen, wie wir nun Weihnachten feiern.«

Plötzlich heulte Stine los. Sie ließ sich auf eine Apfelsinenkiste fallen und schluchzte: »So kann es nicht weitergehen mit uns. Das ist doch kein Leben.« Hinrich hockte sich neben sie und streichelte ihren Arm. Er sagte: »Ich denk schon die ganze Zeit darüber nach. Und ich versprech dir - es wird anders!«
Draußen auf dem Gang polterte es, dann ging die Tür auf, und ein Zwerg erschien. Er steckte in einem Zuckersack und trug einen Bart aus Watte. In der Hand hielt er eine Rute und drohte damit.

»Guten Abend, Zwerg«, sagten Stine und Hinrich.

»Ach was, ich bin doch der Weihnachtsmann«, sagte der Zwerg und fragte dann: »Seid ihr immer brav gewesen? Sonst kriegt ihr nämlich die Rute!« Stine traten wieder Tränen in die Augen, als sie sagte: »Wir sind gar nicht brav gewesen, vor allem haben wir uns nicht genug um unseren kleinen Hansi gekümmert.« »Aber wir wollen uns bessern, das versprechen wir«, sagte Hinrich und drückte Stine ganz fest. »Na, Hauptsache ist, ihr habt euern Hansi lieb«, sagte der Weihnachtsmann, legte die Rute zwischen die Konservendosen und schubste Stine und Hinrich aus dem Laden raus und die Treppe hoch.
Hansis Eltern haben ihr falsches Leben - sie haben ihre Sünde erkannt und bekannt, haben sie bekanntgemacht. Das ist der erste Weg zur Besserung. Und sie haben beschlossen, ein neues Leben anzufangen. Dieser Beschluss im Angesicht des zwergenhaften Weihnachtsmannes war sozusagen ihr Taufbekenntnis. Ihre Wegbereiter waren die netten Kunden, die Solidarität mit Hansi praktizierten: der alte Jensen, der für den Tannenbaum sorgte, die Tante Behrens, die Geschenke organisierte, die Oma Hinze, die das Essen mit Hansis Familie teilte.

So kann es sein, so soll es sein. Wir können so sein. Dann sind wir Wegbereiter für das Weihnachtsfest, dann bereiten wir dem Herrn den Weg. Das ist der wahre Advent. Amen.

Schwerter zu Pflugscharen?

Micha 4,1-4: In den letzten Tagen aber wird der Berg, darauf des Herrn Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über die Hügel erhaben. Und die Völker werden herzulaufen, und viele Heiden werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des Herrn gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem. Er wird unter großen Völkern richten und viele Heiden zurechtweisen in fernen Landen. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken. Denn der Mund des Herrn Zebaoth hat’s geredet.

Liebe Gemeinde!

Der Prophet Micha hatte eine wunderbare Vision: eines Tages wird es vorbei sein mit den grausamen Kriegen. Der Berg Zion in Jerusalem wird ein wunderbares Symbol des Friedens sein. Die ganze Welt wird sich dieses Friedenszeichen anschauen. Wallfahrt zum Berg Zion. Friedensmarsch nach Israel, nach Palästina. Das ist ein wundervolles und überraschendes Ende des Alten Testaments. Nachdem Gott sich lange Zeit als gewaltiger, zorniger und grausamer Kriegs- und Eroberungsgott in den ersten Büchern der Bibel gezeigt hat, sagt die Bibel, dass die Entwicklung der Menschen in Richtung Frieden gehen wird.

Manche sagen, das stimmt doch nicht, es hat immer Kriege gegeben und es wird immer Kriege geben. Dazu einige aktuelle Beispiele.

Der Nahe Osten ist ein Pulverfass. Jede Seite reagiert mit Härte: die Israelis bombardieren Raketenstellungen und treffen Wohnhäuser, die Palästinenser schießen mit Kassam-Raketen und führen Selbstmord-Attentate durch. Dann flaut es kurze Zeit ab, aber kurz danach geht es wieder los. Es gibt auf beiden Seiten nur Verlierer! Aber keiner kann und will da aufhören, aus Angst, das Gesicht zu verlieren.

Wie kommt man da heraus? Und zwar langfristig und dauerhaft, nachhaltig!

Oder im Irak. Jeden Tag Bombenanschläge, Entführungen, Verletzte und Tote. Es scheint jeden Tag schlimmer zu werden. Sunniten gegen Schiiten, dann fast alle gegen die Amerikaner, im Norden kämpfen Kurden gegen Sunniten, und die Türkei steht Gewehr bei Fuß, im Osten der Iran.

Manche sagen: „Der Krieg ist der Vater aller Dinge.“ Vor allem die benachteiligte Seite ist dieser Meinung. Die meisten Palästinenser sehen keine andere Möglichkeit, ihre Ziele eines lebensfähigen Staates zu erreichen als durch bewaffneten Kampf. Und die meisten Israelis sind nicht bereit, den Palästinensern einen lebensfähigen Staat so ohne weiteres zu geben.

Im Irak fühlt sich die sunnitische Seite dreifach bedroht. Unter Saddam Hussein hatten sie die Führung im Staat, und jetzt sind die Schiiten in der Mehrheit - und Macht abzugeben, das ist immer sehr schwierig, vor allem, wenn einem das von außen aufgezwungen wird. Zum zweiten sehen sie sich bedroht durch den Iran, der seine schiitischen Glaubensbrüder unterstützt. Und drittens fühlen sie sich durch die Amerikaner und ihre Verbündeten bedroht. So sehen viele Sunniten keine andere Möglichkeit als den bewaffneten terroristischen Kampf.

Ein sehr zynisches Denken ist das. Denn Krieg und Terror zerstört alles Vertrauen in andere Volksgruppen. Die Feindschaft regiert. Die Angst regiert, das Misstrauen greift um sich - aus früheren Nachbarn werden bedrohliche Monster. Und die Frauen beweinen ihre Männer, und in den modernen Kriegen, da sind alle bedroht, da müssen auch Frauen und Kinder betrauert und beweint werden.

So schrecklich ging es auch im früheren Jugoslawien in Bosnien, in Kroatien und im Kosovo zu. Wir merken daran: es gibt keinen automatischen Weg zum Frieden. Die Gefahr eines bewaffneten gewaltsamen Kampfes ist leider immer gegeben. Muss man deshalb dem Propheten Micha widersprechen und sagen: Krieg wird es immer geben. Da kann man nichts machen. Wir Menschen sind eben so. - Nein, das muss man nicht, wir haben deshalb den Volkstrauertag eingeführt als Mahnung und Warnung vor den Gefahren von Kriegen und Terror. Die gefallenen Soldaten, die verwitweten Frauen, die vaterlosen Kinder rufen dazu auf, andere Wege zu gehen.

Es gibt - Gott sei Dank - auch dafür gute Beispiele. Und die wollen wir uns jetzt anschauen. Das erste Beispiel dafür sind erstaunlicherweise die USA. Amerika merkt jetzt, dass der Irak-Krieg teuer wird - junge Soldatenfamilien leiden unter Verlusten, müssen Tote betrauern, Verwundete werden im Straßenbild sichtbar, Wirtschaft und Handel im Irak sind kaum möglich und sehr risikoreich. Die Partei von Präsident Bush hat die letzten Wahlen verloren, und das bewirkt allmählich ein Umdenken auch bei den überzeugtesten Kriegsanhängern. Die Amerikaner und auch die Briten werden  kriegsmüde. Und das ist gut so. Jetzt besteht die Möglichkeit, andere Wege zu gehen, Wege wie sie zum Beispiel in Nordirland gegangen worden sind nach 50 Jahren Bürgerkrieg. Dort hat sich in Geheimverhandlungen die Regierung mit den Terroristen an einen Tisch gesetzt und es wurden Verabredungen getroffen, die von beiden Seiten als fair anerkannt wurden.

Nach einer Phase der Vertrauensbildung hat die IRA ihre Waffen abgelegt und dem Terrorismus abgeschworen.

Der entscheidende Schritt war der, dass die Feinde nicht mehr aufeinander schossen, sondern miteinander redeten und dass sie fair miteinander umgingen.

Das war nach dem zweiten Weltkrieg auch in Deutschland zum Glück so. Wir bekamen eine faire Chance - und deshalb waren wir bereit, den Frieden anzunehmen. Nach dem ersten Weltkrieg dagegen hatten die meisten Deutschen den Vertrag von Versailles als Unterdrückung empfunden, als total unfair, und das war dann mit eine Ursache für den späteren zweiten Weltkrieg. Damals feierte man auch nicht den Volkstrauertag im heutigen Sinne, sondern den Heldengedenktag, und da wurde immer untergründig zur Revanche und zur Rache gegen die Feinde des Vaterlandes aufgerufen.

Frieden kommt nicht deshalb, weil es so in der Bibel steht, sondern die Vision des Propheten Micha von den Schwertern zu Pflugscharen zeigt uns die Möglichkeit des Friedens auf. Aber es kostet mindestens genausoviel Arbeit und Anstrengungen, Überwindung und Phantasie wie die Vorbereitung eines Krieges. Aber es lohnt sich. Denn Krieg zerstört und Frieden baut auf. Zum Schluss dazu noch eine anrührende Alltagsgeschichte.

Die Kinderbrücke

An einem Fluss wohnten zwei Bauern, der eine am rechte, der andere am linken Ufer.

Auf dem Wasser schwammen Enten und Schwäne. Sie freuten sich, dass die Sonne am Morgen auf -und am Abend wieder unterging. Die Enten und Schwäne sonnten sich am Morgen am linken und am Abend am rechten Ufer.
Die beiden Bauern aber waren neidisch aufeinander. Der eine hätte lieber am rechten, der andere lieber am linken Ufer gewohnt.

Wenn sie morgens pflügten, schimpfte der eine, weil das Feld seines Nachbarn an der Sonne und sein eigenes im Schatten lag. Und wenn sie abends Holz hackten, schimpfte der andere, weil das Haus seines Nachbarn an der Sonne und sein eigenes im Schatten lag.

Auch die Frauen der Bauern waren unzufrieden, die eine am Morgen, die andere am Abend. Eines Morgens, als die beiden Frauen Wäsche aufhängten, schrie die eine, die am rechten Ufer wohnte, ein böses Wort zum linken Ufer hinüber. Und am Abend, als die beiden Frauen die Wäsche abnahmen, gab die andere, die am linken Ufer wohnte, das böse Wort zurück.

Das ließen sich die Männer nicht gefallen. Sie sammelten große Steine und versuchten, einander damit zu treffen. Doch der Fluss war so breit, dass die Steine ihr Ziel verfehlten und ins Wasser plumpsten.

Nur mittags, wenn die Sonne hoch stand, herrschten Ruhe und Frieden.
Die Kühe, die Pferde, die Ziegen und Schafe flüchteten sich in den Schatten, und die Bauern mit ihren Frauen schnarchten unter einem Apfelbaum, die einen am linken, die anderen am rechten Ufer.

Die beiden Kinder der Bauern aber saßen am Wasser und langweilten sich. Das eine schaute zum linken, das andere zum rechten Ufer hinüber.

Wenn ich doch eine Ente wäre, dachte das eine.

Wenn ich doch ein Schwan wäre, dachte das andere.

Doch eines schönen Tages, als die Kinder wieder an den Fluss kamen, war der Wasserspiegel gesunken, und aus dem Wasser ragten so viele große Steine, dass die Kinder darüber hüpfen konnten. Sie trafen in der Mitte zusammen.
Sie betrachteten sich lange und freuten sich, dass sie beide Kinder waren, das eine ein Junge und das andere ein Mädchen.

Sie setzten sich auf einen großen Stein. Sie betrachteten die Enten und die Schwäne.

Doch dann fingen sie an, sich Geschichten zu erzählen, Geschichten vom linken und Geschichten vom rechten Ufer. Das Mädchen und der Junge verstanden sich so gut, dass sie nun jeden Mittag über die Steine hüpften, um sich in der Mitte zu treffen.

Die Eltern wunderten sich, woher ihre Kinder plötzlich Dinge wussten, von denen sie selbst noch nie gehört hatten.

Doch eines Tages, nach einem langen Regen, hörten die Kinder auf, Geschichten zu erzählen. Sie hörten auf zu lachen und zu singen.

Das Wasser im Fluss war wieder angestiegen und die Kinderbrücke verschwunden.

Da erfuhren die Eltern endlich das Mittagsgeheimnis ihrer Kinder, und sie fingen an nachzudenken. Und als sie lange genug nachgedacht hatten, beschlossen sie, zusammen mit den Kindern aus den übrig gebliebenen Steinen eine Brücke zu bauen.

Eine Brücke, so rund und schön wie der Bogen, den die Sonne am Himmel beschreibt.

Hier in dieser Geschichte waren die Kinder die Friedensstifter. Sie haben miteinander geredet. Ein solches friedensstiftendes Verhalten meint Jesus, wenn er sagt, wir sollen werden wie die Kinder, vor allem die großen Politiker. Amen.

Die Entdeckung des persönlichen Gottes - Hiob lehnt Richtergott ab

Hiob 14,1-6: Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann; so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

Liebe Gemeinde!

Unglaubliche Worte und Gedanken finden wir im Buch Hiob. Äußerlich gesehen sind furchtbare Ereignisse passiert: Hiob verliert den größten Teil seines Vermögens, seines Viehs durch räuberische Feinde und durch einen Vulkanausbruch. Hiob verliert seine Kinder und Schwiegerkinder durch eine Naturkatastrophe.

Das Buch Hiob will uns Antworten geben auf die quälende Frage: „Warum lässt Gott das zu?“

Wie beginnt nun das Buch Hiob? Es gibt ganz am Anfang des Buches eine Art Erklärung für Hiobs furchtbares Schicksal - eine seltsame Antwort auf die Frage: „Warum lässt Gott das zu?“ - Die Antwort lautet: Gott hat mit dem Satan gewettet, ob Hiob einen wirklichen Gottesglauben hat. Gott gibt dem Satan freie Hand, alle schrecklichen Ereignisse über Hiob hereinbrechen zu lassen, die nur möglich sind. - Eine unglaubliche Antwort ist das. Gott lässt dem Satan freie Hand, um zu sehen, ob der Mensch verzweifelt oder weiter darauf hofft, dass ein guter Gott irgendwie für ihn da ist.

Hiob ist zunächst unglaublich tapfer. Nach dem Verlust seines Vermögens und nach dem Tod seiner Kinder sagt er: „Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen; der Name des Herrn sei gelobt!“ Hiob benutzt hier Worte, die wir auch aus Redewendungen und Sprichwörtern kennen. Das letzte Hemd hat keine Taschen. Man kann nichts mitnehmen. Es ist alles nur geliehen. Hiob reagiert zunächst vom Kopf her. Er hat gelernt, dass Gott der Herrscher des Himmels und der Erde ist, und ein Herrscher kann geben und er kann nehmen. Hiob hat zunächst einmal alle Gefühle abgeschaltet, er lässt keine Gefühle zu. Er redet nur vom Kopf her.

Hiob selbst erkrankt als Nächstes schwer an einer ekelhaften Hautkrankheit. Er kann nichts tun. Er ist absolut machtlos. Seine Frau fordert ihn auf, Schluss zu machen: „Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Sage Gott ab und stirb!“ - Hiob weist seine Frau zurecht: „Du redest, wie die törichten Weiber reden. Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?“ Wieder eine Reaktion ohne das Empfinden von Gefühlen. Wieder sieht Hiob in Gott den Herrscher des Himmels und der Erde, und er kann Gutes und Böses geben, und wir müssen das annehmen. Das Schicksal akzeptieren.

Wenn das Buch Hiob an dieser Stelle aufhören würde, dann wäre seine Botschaft folgende: Trage tapfer dein Schicksal. Du kannst doch nichts daran ändern. Gott hat eben mit dem Satan gewettet, und der Mensch muss das Schicksal tapfer ertragen. Wenn der Mensch stoisch - d.h. ohne mit der Wimper zu zucken - männlich hart standhält, dann ändert sich das Schicksal auch wieder.

Aber Gott sei Dank hört das Buch Hiob nicht an dieser Stelle mit Kapitel 2 auf. In Kapitel 3 fängt Hiob an, seine Gefühle zu spüren und zuzulassen. Das Kapitel beginnt mit den folgenden unglaublichen Worten: Und Hiob tat seinen Mund auf und verfluchte seinen Tag. Am liebsten wäre er gar nicht geboren, so furchtbar fühlt er sich. Hiob sieht Gott als ungerechten Herrscher an. Hiob ist sich keiner Schuld bewusst. Sein Schicksal kann er nicht als eine gerechte Strafe Gottes ansehen. Denn eine solche Strafe hätte kein normaler Mensch verdient. Hiob klagt Gott an und sagt: „Der normale Mensch lebt nur relativ kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. Doch du, Gott, tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst.“ Hiob lehnt es ab, dass ein Gericht stattfindet, er empfindet es als ungerecht, dass Gott überhaupt ein Gerichtsurteil sprechen darf über uns Menschen. Denn wir Menschen sind sozusagen von Natur aus sündig oder unrein, wir machen immer wieder Fehler - und dafür darf es keine solche ungerechte harte Strafe geben.

Mit Hiobs Worten: „Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer!“

„Gott soll die Menschen einfach in Ruhe lassen“, so klagt Hiob. „Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann; so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat!“

Trotz aller Klagen und aggressiv-anklagenden Worte scheint am Schluss des Textes ein kleiner Hoffnungsschimmer aufzuleuchten, als Hiob sagt: „Gott, lass den Menschen doch in Ruhe, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.“ Das ist etwas schwierig im Luthertext zu verstehen. Wörtlich heißt es im hebräischen Urtext: damit er wie ein Tagelöhner seinen Tag genießen kann, d.h. den kleinen Rest nach der Arbeit. So anspruchslos ist der früher reiche Hiob geworden. Auch dieser Satz drückt keine wirkliche Hoffnung aus, sondern ist nur eine sehnsuchtsvolle Klage und eine Ablehnung des Gerichts. Die Vorstellung eines göttlichen Gerichts ist einfach nur grausam für Hiob, und dazu passt das Bild am Anfang des Buches, dass Gott mit dem Satan gewettet hat und dass er dem Satan freie Hand lässt. Das Buch Hiob sagt mit feiner hintergründiger Ironie: Der Satan ist sozusagen der Gerichtsvollzieher Gottes.

Hiob hat jedenfalls den Glauben an den Gott verloren, an den er früher geglaubt hatte. Hiob hatte - so wie viele andere Menschen auch - geglaubt, wenn er fromm und gottesfürchtig ist, wenn er fleißig ist, ehrlich, gut zu den Armen, wenn er betet und Opfer darbringt, dann würde Gott auch ihn segnen. Anfangs war das auch so. Doch dann kamen die Katastrophen, die seine Freunde als göttliches Gericht verstehen, und dieser Glaube konnte so nicht wahr sein. Wie aber dann? Bis zum Schluss von Kapitel 37 klagt Hiob Gott an, und seine Freunde versuchen ihm irgendwie zu erklären, dass Gott ihn zu recht so behandelt.

Doch dann in Kapitel 38 schweigt Hiob. Er hat sich ausgeklagt, er ist leer. Und in diese Leere hinein in einer schlaflosen Nacht, in einer Nacht, in der es stürmt und blitzt und donnert, in diese Leere hinein hört der schlaflose Hiob Gottes Stimme, die zu ihm redet. Zum ersten Mal in seinem Leben hört er Gottes Stimme. Und das verändert alles. „Gott hat zu mir gesprochen. Unfassbar - er hat mich für würdig erachtet, zu mir zu reden.“ Dieses Erlebnis verändert alles. Hiob braucht nicht mehr zu klagen. Er spürt, dass auch die Katastrophen nicht das Ende sind, sondern Hiob bekommt neuen Mut und neue Lebensenergie. Durch diese Gotteserfahrung.

Hier im Buch Hiob beschreibt die Bibel eine Wandlung des Glaubens. Weg vom äußerlichen Gottesglauben an ein gesegnetes Leben für fromme Menschen hin zu einem Glauben, der auf einer persönlichen Gotteserfahrung beruht. Solche Erfahrungen werden z.B. auch von Jesus und Paulus berichtet. Und auch wir können solche Erfahrungen machen. Wenn wir nachts nicht schlafen können, weil wir bedrückt sind, weil uns Probleme belasten, dann können wir offen dafür sein, dass Gott zu uns spricht - manchmal haben wir dann kurze intensive Träume, und auch diese Träume können wichtige Botschaften Gottes sein.

Als ich ein junger Pastor war, musste ich einen 30-jährigen Familienvater beerdigen, der an Leberkrebs gestorben war. Er hinterließ eine junge Witwe und zwei kleine Jungen. Diese Witwe war erst völlig fertig - ich habe sie regelmäßig besucht, sie klagte mir ähnlich wie Hiob ihre Verzweiflung. Doch dann - eines Nachts - hatte sie heftige Träume - sie träumte in mehreren Fortsetzungen davon, in einem Flugzeug zu sitzen - das Flugzeug stürzte ab, aber sie überlebte verletzt und fand sich in einem unbekannten Land wieder, wo die fremden Menschen sie liebevoll pflegten und gesundmachten. Da wachte sie auf. Nachdem sie mir das erzählt hatte, fragte ich sie, wie sie sich nach dem Traum beim Aufwachen gefühlt habe. „Da war es ein gutes Gefühl. Aber vorher beim Absturz und da verletzt zu liegen, das war schrecklich.“ Wir sprachen dann davon, dass Träume auch als Botschaften Gottes verstanden werden können und dass sie bildhaft uns etwas über unser Leben mitteilen könnten.

Die Witwe erkannte, dass dieser Traum ihr zeigte, dass sie eine neue Lebenschance vor sich hatte, sie fing an, darauf zu vertrauen und daran zu glauben, dass Gott ihr neue Lebenskraft schenken würde und heute, ungefähr 25 Jahre später, zeigt sich im Nachhinein die Wahrheit dieses Traumes. Die Kinder sind beide erwachsen, haben gute Berufe, selbst eigene Familien, und sie hat eine neue gute Partnerschaft finden dürfen. Auch heute ist ihr Glaube lebendig und lebensstärkend.

Das Buch Hiob ist ein ehrliches und wunderbares Buch der Wandlung des Glaubens. Mögen auch wir in Lebenskrisen und bei schweren Problemen solchen Trost finden. Amen.

Solidarität schafft Mut - Predigt zur Goldenen Konfirmation

Jakobus 2,1-13: Liebe Brüder, haltet den Glauben an Jesus Christus, unsern Herrn der Herrlichkeit, frei von allem Ansehen der Person. Denn wenn in eure Versammlung ein Mann käme mit einem goldenen Ring und in herrlicher Kleidung, es käme aber auch ein Armer in unsauberer Kleidung und ihr sähet auf den, der herrlich gekleidet ist, und sprächet zu ihm: Setze du dich hierher auf den guten Platz! Und sprächet zu dem Armen: Stell du dich dorthin! oder: Setze dich unten zu meinen Füßen!, ist’s recht, dass ihr solche Unterschiede bei euch macht und urteilt mit bösen Gedanken?

Hört zu, meine lieben Brüder! Hat nicht Gott erwählt die Armen in der Welt, die im Glauben reich sind und Erben des Reichs, das er verheißen hat denen, die ihn liebhaben? Ihr aber habt dem Armen Unehre angetan. Sind es nicht die Reichen, die Gewalt gegen euch üben und euch vor Gericht ziehen? Verlästern sie nicht den guten Namen, der über euch genannt ist? Wenn ihr das königliche Gesetz erfüllt nach der Schrift (3.Mose 19,18): „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, so tut ihr recht; wenn ihr aber die Person anseht, tut ihr Sünde und werdet überführt vom Gesetz als Übertreter. Denn wenn jemand das ganze Gesetz hält und sündigt gegen ein einziges Gebot, der ist am ganzen Gesetz schuldig. Denn der gesagt hat (2.Mose 20,13.14): „Du sollst nicht ehebrechen“, der hat auch gesagt: „Du sollst nicht töten.“ Wenn du nun nicht die Ehe brichst, tötest aber, bist du ein Übertreter des Gesetzes. Redet so und handelt so wie Leute, die durchs Gesetz der Freiheit gerichtet werden sollen. Denn es wird ein unbarmherziges Gericht über den ergehen, der nicht Barmherzigkeit getan hat; Barmherzigkeit aber triumphiert über das Gericht.

Liebe Jubilare! Liebe Festgemeinde!

Ein hoher Politiker einer bekannten deutschen Volkspartei beklagte vor einigen Tagen bei vielen ärmeren Menschen eine zu große Hoffnungslosigkeit. Sie hätten zu wenig Glauben an die Zukunft - früher sei das anders gewesen. Nach dem Krieg seien auch viele Menschen arm gewesen, aber diese Generation habe die Ärmel aufgekrempelt und dadurch ging es aufwärts.

Die heutigen Armen haben also den Glauben an die Zukunft, genauer gesagt: an eine bessere Zukunft, weitgehend verloren. Ein Appell, „nun seid doch etwas zuversichtlicher!“ nützt da allerdings wenig.

Vielleicht können die modernen Politiker da ja noch etwas von dem alten Jakobusbrief lernen. Mal sehen, was der so hergibt.

Die Gemeinde, an die der Apostel Jakobus schreibt, hat dem Armen Unehre angetan. Offensichtlich hat Jakobus das tatsächlich so ähnlich erlebt, dass ein Armer in schmutziger Kleidung zu einem Gottesdienst gekommen war - er kam spät, alle Plätze waren schon besetzt - deshalb wies man ihm einen Stehplatz zu. Ein Reicher in besonders chicem Outfit mit blitzendem Brillantring, der ebenfalls zu spät kam, der bekam sofort einen Sitzplatz zugewiesen.

Jakobus hatte zunächst genauso gedacht wie unser moderner Parteipolitiker: der Arme könnte sich ja wenigstens etwas Mühe geben, er brauche nun nicht gerade in schmutziger Kleidung zum Gottesdienst kommen. Das ist die erste Reaktion, wenn wir jemanden so kommen sehen. Und so haben auch die Menschen früher schon reagiert. Wir denken gar nicht darüber nach, weshalb der Arme da in schmutziger Kleidung kommt. Ein Grund könnte sein, dass er so arm war, dass er keine Kleidung zum Wechseln hatte und vor der Kirche noch eine Arbeit machen musste; ein anderer Grund könnte sein, dass er so antriebsschwach ist, dass er sich und seine Kleidung vernachlässigt. Antriebsschwäche und Hoffnungslosigkeit, das steckt oft hinter solcher Vernachlässigung. Und wer sich so vernachlässigt, der bleibt auch normalerweise aus der Gemeinschaft ausgegrenzt. Und so wird die Hoffnungslosigkeit noch verstärkt. Bis heute, wie unsere hohen Politiker mit ihren Worten und Taten zeigen. Wieso nun prangert das der Apostel Jakobus so drastisch an? Er hatte nach diesem Erlebnis mit dem armen und reichen Mann einen Traum - einen Traum von einer Gerichtsverhandlung. Da sah er im Traum Jesus als Richter, wie er den Angeklagten beschuldigt, den Armen nicht richtig behandelt zu haben. „Die Armen sind meine besonderen Freunde“, sagte der Richter Jesus - „und wer sie übersieht, den werde ich verurteilen.“ Vor Schreck war Jakobus aufgewacht, er hatte das Gefühl, er musste seine Mitchristen warnen. Und deshalb schrieb er den Brief an alle Gemeinden, die er kannte.

In dem Brief fordert Jakobus dazu auf, gerade die Armen als von Gott erwählte Menschen anzusehen. Die eigene Vernachlässigung und Hoffnungslosigkeit ist ein Hilferuf, ein stummer Hilferuf. Und auf diesen Hilferuf sollen wir antworten.
Aber wie kann richtige Barmherzigkeit und Hilfe aussehen? Das Gebot „ Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, was heißt das konkret im Umgang mit einem solchen Menschen? Der erste Schritt ist der, erst einmal genau auf das Gebot zu horchen. Es heißt nicht: Liebe deinen Nächsten, sondern: liebe deinen Nächsten so wie du dich selbst liebst. Die frühen Christen und mit ihnen die Juden konnten sich selbst lieben, weil sie sich von Gott erwählt fühlten - die Juden als Volk, die Christen als Einzelne; wer erfüllt war von Gottes Geist, von Gottes Nähe, der fühlte: das ist etwas Besonderes, etwas Wunderbares, der hatte auf einmal ein neues und starkes Selbstwertgefühl. Und aus diesem Selbstwertgefühl heraus konnte er auch dem anderen auf richtige Weise helfen, wenn er es denn wollte.
Aber wie hilft man einem Menschen, der kein Selbstwertgefühl hat und keinen Stolz, sondern dem alles egal ist, der sich nichts zutraut, der müde ist von den vielen Enttäuschungen des Lebens? Entscheidend ist, dass ich ihm das Gefühl der Wertschätzung gebe, dass er dabei genau das spüren kann: Ich bin doch wertvoll.

Zum Beispiel dadurch dass ich den Armen höflich behandle und ihm genauso einen Sitzplatz anbiete wie dem Reichen. Ein befreundeter Pastor erzählte mir dazu folgende Erfahrung: Ich habe neulich eine Konfirmandenmutter besucht; die Frau war nervös, sie rauchte eine Zigarette nach der anderen; sie sah ungepflegt aus; die Wohnung war nicht aufgeräumt, der Vorgarten war vernachlässigt. Mein Freund fragte die Frau, wie es ihr gehe. Sie erzählte, ihr Mann habe sie geschlagen, daraufhin habe sie sich von ihm getrennt, und es gehe ihr jetzt finanziell ganz schlecht. Auch die Kinder seien in einer Krise, die schulischen Leistungen hätten sehr nachgelassen. Mein Freund sagte mir, an sich wären die Kinder sehr fähig und begabt, aber die Trennung der Eltern und die finanziellen Schwierigkeiten hätten ihre Spuren hinterlassen. „Wie soll man dieser Familie helfen?“, fragte mich mein Freund. „Ich bin ratlos.“

Ich sagte meinem Freund: „Wie wäre es denn mit Nachhilfeunterricht? Wir haben nämlich in unseren Kirchengemeinden einen Fonds, um Kinder zu fördern, die solchen Unterricht nicht bezahlen können.“ Mein Freund sah mich verblüfft an, und sagte: „Du, das ist eine gute Idee! Ich hab schon immer überlegt, wie eine echte Hilfe aussehen könnte.“ Er ging also nochmal hin zu der Konfirmandenmutter und besprach mit ihr ausführlich beim Tee, wie der Nachhilfeunterricht durch eine Studentin organisiert und von der Kirche bezahlt werden könnte. Die Mutter sah nach diesem Gespräch schon viel zuversichtlicher aus, und tatsächlich - mein Freund erzählte mir, es sei bei allen Familienmitgliedern eine Wende zum Besseren eingetreten. Die Mutter habe Arbeit gefunden als Verkäuferin, die Kinder hätten wieder erfolgreich den Anschluss in der Schule bekommen.

Mit vergleichsweise wenig finanziellen Mitteln konnte hier geholfen werden. Entscheidend sind gar nicht mal die Finanzen, sondern dass die von Armut betroffene Familie spürt: wir sind doch wichtig und wertvoll, hier wird wirklich geholfen. Und das setzt dann die Kräfte frei, die zur Selbsthilfe nötig sind. Dadurch bekommen alle wieder den Glauben an die Zukunft, sie spüren: irgendwie ist der Geist Gottes - dieser Geist der Nächstenliebe ist kein Hirngespinst, ist keine kirchliche Floskel, sondern etwas wirklich Reales.
Deshalb freue ich mich auch sehr, dass einer der goldenen Konfirmanden eine Aktion zugunsten extrem armer Menschen in Siebenbürgen, in Rumänien schon seit Jahren erfolgreich leitet; wir werden daher die Kollekte zugunsten dieser Aktion heute sammeln.

Also: Liebe Gemeinde, zur Lösung der Probleme mit Armut und Hartz IV helfen meistens keine gut gemeinten Appelle nach dem Motto: habt mehr Zuversicht, sondern echte Solidarität und Wertschätzung. Die Bibel nennt das Nächstenliebe. Amen.

Der Erstgeborene braucht Liebe

1.Mose 4,1-16a: Und Adam erkannte sein Weib Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: „Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des Herrn.“ Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann. Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem Herrn Opfer brachte von den Früchten des Feldes. Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick. Da sprach der Herr zu Kain: „Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? Ist’s nicht also? Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.“ Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: „Lass uns aufs Feld gehen!“ Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot. Da sprach der Herr zu Kain: „Wo ist dein Bruder Abel?“ Er sprach: „Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?“ Er aber sprach: „Was hast du getan? Das Blut deines Bruders schreit zu mir von der Erde. Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen. Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.“ Kain aber sprach zu dem Herrn: „Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte. Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet.“ Aber der Herr sprach zu ihm: „Nein, sondern wer Kain totschlägt, der soll siebenfältig gerächt werden.“ Und der Herr machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände. So ging Kain hinweg von dem Angesicht des Herrn.

Liebe Gemeinde!

Adam erkannte sein Weib Eva - so übersetzte Martin Luther - Adam erkannte seine Frau, er schenkte ihr Anerkennung, er liebte sie, er sah sie mit liebevollem Blick an, so umschreibt die hebräische Sprache die körperliche Liebe; ich finde das sehr viel schöner als das deutsche Wort „miteinander schlafen“ - das Deutsche spricht dabei von geschlossenen Augen, von müder Schläfrigkeit, während die Bibel von wachem Bewusstsein, von bewusster Wahrnehmung des Liebespartners spricht. Es ist schon erstaunlich, wie unterschiedlich hier von dem gleichen Vorgang gesprochen wird.

Eva wurde schwanger und gebar ihren ersten Sohn, den Kain. Sie ist furchtbar stolz. „Gott hat mir einen Mann geschenkt!“ Wörtlich übersetzt: „Ich habe einen Mann hervorgebracht mit Hilfe des Herrn!“ Kain ist der Erstgeborene, der Kronprinz. Er ist zunächst wie alle Erstgeborenen ein Einzelkind, wird von Papa und Mama verhätschelt und bewundert. Prinz Kain. Doch dann kommt das zweite Kind. Abel. - Prinz Kain wird abgestillt. Er darf nicht mehr an Mamas Brust, aber der Kleine, der hat jetzt Mama fast ganz für sich. Als der große Kain dagegen protestiert und schreit, da bestrafen ihn die Eltern. Er muss allein draußen vor dem Zelt bleiben, bis er sich beruhigt hat. Und das dauert. Das demütigt den ehemaligen Prinzen, der sich vom Thron gestoßen fühlt durch den kleinen Bruder. - Kain wird misstrauisch und schaut ganz genau, wieviel Zeit Mama und Papa sich für den Kleinen nehmen, es gibt ihm einen Stich, wenn die Erwachsenen den Kleinen bewundern, als er anfängt zu krabbeln, dann zu laufen, oder als er anfängt  zu sprechen, und später sieht er, wie sie den Kleinen bewundern, wie gut er mit den Tieren umgehen kann. - Es tut ihm sehr weh, wie lieb sie zu dem Kleinen sind, während sie zu ihm viel strenger sind, aber er weiß es ja selbst: er gibt ihnen immer wieder allen Grund dafür, weil er unzufrieden und leicht erregbar ist.

Abel sah den großen Kain zunächst als sein Vorbild an, er fühlte sich nie als Prinz, sondern als der jüngere, der dem großen nacheifert; so hatte er nicht so viel zu verlieren wie der große, deshalb war er innerlich zufriedener und ausgeglichener. Kain musste häufig auf den Kleinen aufpassen. Obwohl er den Bruder nicht liebte, passte er doch zunächst gut auf ihn auf, war er seines Bruders Hüter. Aber er hoffte: „Eines Tages bin ich mein eigener Herr, dann werde ich es allen zeigen, was in mir steckt.“

Abel hatte einen Hang zu den Schafen, die gediehen bei ihm wie bei keinem anderen, er war ein richtiger Schafeflüsterer. Also wurde Kain ein Ackerbauer. Die Früchte des Feldes waren seine Angelegenheit. Aber es funktionierte nicht richtig bei ihm. Er war ein zu misstrauischer Mensch, ihm fehlte das nötige Urvertrauen; er hatte zu wenig Geduld, er machte sich zu viel Sorgen, hatte schlaflose Nächte; und so kam es zu dem Desaster beim Erntedankfest. Beide brachten Gott ein Opfer, Abel aus Dankbarkeit, Kain, um Gott gnädig zu stimmen. Irgendwie hatte Kain das Gefühl, Gott würde Abels Opfer freudig annehmen, der Rauch stieg kerzengrade auf, aber der Rauch von seinem Opfer, der qualmte so auf dem Erdboden vor sich hin - schon wieder fühlte sich Kain abgelehnt, nun auch noch von Gott abgelehnt. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.
Kain ergrimmte sehr und senkte finster seinen Blick. Aggressionspotential nennt man das. Kain wird aggressiv. Aggression ist nicht per se schlecht, sondern Teil unseres Selbsterhaltungstriebs. „Aggreddi = auf den anderen zugehen“. Die Aggression bringt uns dazu, etwas zu machen, auf den anderen zuzugehen, ihn anzugreifen oder mit ihm zu reden. Kain hat allerdings vorher noch ein Gespräch. Kain schlägt nicht sofort los, sondern vorher hört er eine Stimme. Durch sein Gewissen spricht die Stimme - die er nachträglich als Gottes Stimme erkennt. Diese Stimme sagt zu ihm: „Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? Ist’s nicht also? Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.“ Diese Stimme klingt wie die Stimme eines strengen Vaters oder eines strengen Lehrers - sie endet mit einem Gebot, mit einem Befehl. Und sie erreicht bei Kain genau das Gegenteil. Genau wie vorher bei Adam und Eva im Paradies. Kain tut das Gegenteil des Gebots, aber warum? Warum verstoßen wir Menschen gegen solche an sich sinnvollen Gebote?

Menschen, die sich schlecht fühlen, die mit sich unzufrieden sind, neigen manchmal dazu, mit ihren Gebotsverstößen gegen Gott und die Welt zu protestieren. Sie sehen keinen anderen Ausweg, als mit Gewalt zu zeigen: ich bin da, ich will mein Recht. Und Kain fühlte sich von Gott schlecht behandelt, und so verstößt er gegen Gottes Gebot, und sein Bruder Abel ist der Sündenbock, an dem er seine Wut auslässt. Das ist das Muster, nach dem zum Beispiel bis zum heutigen Tage die Terroristen vorgehen.

Kain also hört in keiner Weise auf die Stimme Gottes, er fordert seinen Bruder Abel auf, mit ihm aufs Feld zu gehen, und Abel ist in keiner Weise misstrauisch, sondern viel zu vertrauensvoll, und er wird von dem gewaltsamen Mord total überrascht.

Nach diesem Mord hört Kain erneut eine Stimme - jetzt redet Gott wie ein strenger Richter. So wie er Adam und Eva nach ihrem Gebotsverstoß aus dem Paradies vertrieben hat, so bestraft er Kain damit, dass sein Acker in Zukunft keinen Ertrag mehr bringen soll. Stattdessen soll er ein Flüchtling sein, ohne feste Bleibe, ruhelos. Kain wehrt sich, er sagt zu Gott, er habe dann keine Chance zum Überleben; doch Gott bleibt bei seiner Strafe - er fügt eine neue Gewaltandrohung hinzu: jeder, der seine Hand gegen Kain oder seine Nachkommen erhebt, soll eine siebenfache Todesstrafe empfangen. Hier ist der Beginn der Blutrache, die so gewaltiges Unheil in die Welt gebracht hat. Wir erleben hier einen doppelt strafenden Gott.

Dieser Text ist einer der Bibeltexte, die uns dazu herausfordern, nicht einfach das nachzubeten, was dort als Botschaft drinsteht. Vielmehr zeigt dieser Text auf, wie in früheren Zeiten Gottes Botschaft dazu geführt hat, gefühltes Unrecht mit Gewalt und dann mit noch mehr Gewalt zu beantworten. Und dabei spüren wir Jesus neue Botschaft als Befreiung aus den Teufelskreisen dieser Gewaltspiralen.
Jesus fordert uns dazu auf, schon die Konkurrenz untereinander nicht als Bedrohung, sondern als faire Herausforderung aufzufassen. Dabei stehen bei Jesus nicht die Gebote im Vordergrund, sondern die Heilung der Menschen, die sich wie Kain verletzt und benachteiligt fühlen. Erst wenn Kain von seinen Kränkungen und Verletzungen geheilt ist, kann er seinen Bruder Abel lieben und kann er auch Gott lieben, sogar dann, wenn Gott ihm eine schlechte Ernte beschert hat. Erst nach dieser Erfahrung von Heilung und Angenommensein kann Kain überhaupt die Gebote halten, aber dann soll er es auch. Deswegen ist es sehr wichtig, dass Eltern darauf achten, dass die älteren Geschwister genauso liebebedürftig sind wie die jüngeren.

Dann kann Kain auf die Stimme des Gewissens hören - dann kann er seine Impulse kontrollieren statt Tabus brechen zu müssen (heute werden diese Tabubrüche übrigens vorbereitet durch DVDs, Fernsehen und aggressive Computerspiele), auch da sollten Eltern und Erzieher ein Auge drauf haben.
Der jesuanische Gott beendet die Blutrache durch Vergebung und Neuanfang (zwischen Völkern und Sippen) - deshalb konnten wir Deutschen - Gott sei Dank - Frieden schließen mit unseren Erbfeinden Frankreich und Russland - sogar mit Israel - und eines Tages können das hoffentlich auch die Araber und Israelis, die Iraner und Amerikaner usw. usw. Das wäre die wirklich frohe Botschaft, auf die wir hoffen. Amen.

Heilung durch Ansehen

Der heutige Predigttext erzählt eine wundersame Heilung. Diese Heilungsgeschichten wurden erst 50 Jahre später aufgeschrieben. Bis dahin wurden sie mündlich weitergegeben, erzählt, und manchmal wurde etwas übertrieben und dazugefügt. Ein wahrer Kern war meistens jedoch da. Petrus und Johannes lebten einige Jahre nach Jesus Tod noch in Jerusalem. Sie waren begeistert von Jesus’ Botschaft, dass gutes, leidenschaftliches, intensives Leben möglich ist. Sie hatten eine ungeheuer starke Ausstrahlung auf Menschen, die am Leben gescheitert waren. Solche Menschen fanden durch diese Botschaft neu ins Leben, fühlten sich wie neugeboren. Wir hören jetzt die biblische Erzählung aus

Apostelg. 3,1-10: Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit. Und es wurde ein Mann herbeigetragen, lahm von Mutterleibe; den setzte man täglich vor die Tür des Tempels, die da heißt die Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen. Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen. Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: „Sieh uns an!“ Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge. Petrus aber sprach: „Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!“ Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest, er sprang auf, konnte gehen und stehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott. Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben. Sie erkannten ihn auch, dass er es war, der vor der Schönen Tür des Tempels gesessen und um Almosen gebettelt hatte; und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war.

Liebe Silberkonfirmierte! Liebe Gemeinde!

Diese Geschichte ist wohl etwas übertrieben - aber sie hat einen wahren Kern.

Der Mann war lahm von Mutterleibe an: der wahre Kern könnte folgendes gewesen sein: da war einer von Mutterleib an unerwünscht, ein Bastard wie man früher sagte; wie ist das, wenn ein Säugling unerwünscht ist, dann wird er von der Mutter nicht liebevoll angeschaut, eher links liegen gelassen, die Mutter ist jedes Mal schlecht gelaunt, wenn sie das Kind sieht, genauso die Großmutter und die anderen in der Familie; und dann wird so ein Kind nicht fröhlich und selbstbewusst, sondern ängstlich und schwerfällig, es kann nicht auf eigenen Füßen stehen, es geht ihm schlecht; es geht sozusagen wie gelähmt durchs Leben. Als er älter wird, ins Konfirmandenalter kommt, da fühlt er sich weiter schlecht, voller Schuldgefühle, dass er der Mutter solchen Kummer bereitet, dazu fühlt er sich unansehnlich, er möchte nicht, dass ihn die anderen ansehen, deswegen schaut er die anderen auch nicht an, er meidet den Blickkontakt. Er schämt sich dafür, dass er auf der Welt ist. Er hat keinen eigenen Antrieb. Deswegen setzte man ihn täglich vor die schönste Tür des Tempels - gerade vor diese besonders berühmte Tür, zu der viele Touristen kamen, damit der Kontrast zwischen der schönen Tür und dem bemitleidenswerten Bettler um so größer wurde. - Ein wenig aktiv wurde der Bettler immerhin. Er sah, wie Petrus und Johannes in den Tempel hineingehen wollten. Er nahm Kontakt zu ihnen auf, jedoch keinen Blickkontakt, er sprach sie an, jedoch ohne sie anzusehen. Oder es war nur eine stumme Geste. Er bat um eine Gabe, um ein Almosen. - Ein Bettler ist jemand, der sorgt für eine schlechte Stimmung bei demjenigen, den er anbettelt. Der kann nämlich nicht frei entscheiden, was er tut. Wenn er Nein sagt, dann hat er ein schlechtes Gefühl, weil er dem Bettler nicht aus seiner Not geholfen hat. Wenn er ein Almosen gibt, dann hilft er Bettler nicht wirklich; der Bettler führt ein Leben, wo er nicht aus eigener Kraft für sein Wohlergehen sorgen kann; wenn ich einem Bettler etwas gebe, dann habe ich Angst, dass er sich an mich klammert und mich immer wieder anbettelt, und das ist ein sehr unangenehmes Gefühl - eine regelrechte Zwickmühle.

Petrus durchbricht diese Zwickmühle, indem er zusammen mit Johannes den Bettler zu etwas sehr Ungewöhnlichem auffordert: „Sieh uns an! Nimm Blickkontakt mit uns auf!“

Die Heilung erfolgt durch Ansehen - der Bettler hat jetzt „Ansehen“, er ist ansehnlich - Heilung durch „Erkennen“, durch Anerkennen. Der Bettler nimmt Petrus und Johannes als Menschen wahr, die seine Würde erkennen. Dadurch geschieht das Wunder, der Bettler kann sich jetzt auch selbst ansehen, kann sich anerkennen. Diese Menschen, die im Namen von Jesus handeln, in seinem Sinne - so wie er - handeln, die sind befreiend, liebevoll, ich-stärkend. Die trauen mir, die trauen mir zu, dass ich leben kann, dass ich eine eigene Kraft habe. Eine ähnliche Geschichte gibt es übrigens in Johanna Spyris Roman „Heidi“. Dort traut Heidi der gelähmten Klara zu, dass sie laufen kann, und dieses Zutrauen stärkt Klara so weit, dass sie sich selbst traut, und es funktioniert.

Was hat das nun mit uns zu tun? Nun, ich vermute, eine ganze Menge. Ich kenne z.B. eine Menge Eheleute, die spätestens nach sieben Jahre Ehe sich zueinander wie Bettler verhalten. Der Mann bettelt um Sex und die Frau bettelt um Liebe. Aber die Beziehung ist erlahmt. Es geht fast nichts mehr. Und sie sehen einander nicht in die Augen, sie sind unansehnlich füreinander. Im Schlafzimmer ist immer das Licht aus. Und die Liebe ist tot und die Leidenschaft ist tot, und das Lebensgefühl ist schal und ohne Geschmack, denn wenn ich die Augen geschlossen halte oder ins Leere blicke, dann habe ich keinen Kontakt zum Partner, sondern zu einer Phantasiegestalt. Und das ist schlimm in einer Partnerschaft.

Aber auch hier ist Heilung möglich - durch das gegenseitige interessierte und liebevolle Ansehen. Wenn ich dem Partner in die Augen sehe, wenn ich tatsächlich Blickkontakt aufnehme, dann bekomme ich Kontakt zu seiner Seele. Dann wird die Liebe zueinander auf einmal wieder lebendig, dann fühlt sich jeder von anderen erkannt und anerkannt, wahrgenommen und wertgeschätzt. Plötzlich brauchen die Partner keine Bettler mehr zu sein, sondern sie haben jeder eine eigene Würde, die sie gegenseitig anerkennen. Und dann geht es wieder, dann ist die Lähmung beseitigt, ja es entsteht neue, tiefere Leidenschaft füreinander.

 „Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich. Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn, so dass auch viele Wasser die Liebe nicht auslöschen und Ströme sie nicht ertränken können“ (Hl 8,6b-7a). Das ist eine uralte Erfahrung, Liebe und Leidenschaft gehören zusammen. Ein wichtiger Baustein für die Lebensfreude, die ein Gegengewicht gegen die Erfahrung von Leid und Tod ist. Und diese Liebe, diese Leidenschaft kann bis ins hohe Alter wirksam sein.

Heilung im Namen Jesu Christi - an seiner Stelle, in seinem Sinne, so wie er: Vertrauenswürdig, befreiend, liebevoll, Ich-stärkend - das wünsche ich Ihnen, das wünsche ich uns. Solche Wunder können auch heute geschehen! Amen.

Präsenz statt Strafe - der Schlüssel zur Rechtfertigung

Galater 2,16-21: Doch weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Christus Jesus gekommen, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch Werke des Gesetzes; denn durch Werke des Gesetzes wird kein Mensch gerecht. Sollten wir aber, die wir durch Christus gerecht zu werden suchen, auch selbst als Sünder befunden werden - ist dann Christus ein Diener der Sünde? Das sei ferne! Denn wenn ich das, was ich abgebrochen habe, wieder aufbaue, dann mache ich mich selbst zu einem Übertreter. Denn ich bin durchs Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt. Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben. Ich werfe nicht weg die Gnade Gottes; denn wenn die Gerechtigkeit durch das Gesetz kommt, so ist Christus vergeblich gestorben.

Liebe Gemeinde!

Das ist ein klassischer Text der Reformation. Für Martin Luther war er sehr wichtig, weil er von der Frage umgetrieben wurde: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ Und da half ihm die Antwort: Nicht durch die Werke des Gesetzes, sondern allein durch den Glauben an Jesus Christus.

Was aber bedeuten diese Begriffe? Werke des Gesetzes - gerecht werden durch den Glauben an Jesus Christus? Kann es sein, dass Regeln und Gebote nicht mehr wichtig sind?

Nein, das würde nicht funktionieren. In jeder Gemeinschaft müssen Regeln einigermaßen eingehalten werden. Früher dachte man, dass Gott die Guten belohnt und die Bösen bestraft. Doch es geht auf die Dauer nicht mit diesem Glauben an das Belohnen und Bestrafen, sondern durch die Erfahrung von Nähe, von Liebe im höheren Sinne. Das gilt insbesondere für den Glauben an Gott. Paulus hat selbst ebenso wie Martin Luther erlebt, wohin der Glaube an einen Gott des  Belohnen und Bestrafens führt. Wenn ich mein Lebensschicksal und das Schicksal meines Volkes als Strafe Gottes oder als Belohnung Gottes ansehe, dann werde ich entweder hochmütig wie der Pharisäer oder ich werde geknickt und verzweifelt wie der arme sündige Zöllner. Ein richtiger gordischer Knoten ist das!

Wie hat Jesus diesen Knoten aufgelöst? Jesus hat Gott als Vater angesehen, und damit war er aus dem System von Belohnen und Bestrafen ausgestiegen - ein guter Vater oder eine gute Mutter ist einfach da und versucht, das Beste für das Kind zu erreichen. Er interessiert sich für sein Kind, er übt jedoch keinen Zwang aus. Entscheiden kann und soll sich das Kind selbst. Dennoch sagt und zeigt der Vater, die Mutter, was ihm oder ihr wichtig ist. Und das Kind braucht gute Lebensziele, für die es sich begeistern kann. Wenn es nur über Belohnung und Strafe geht, dann fühlt sich das Kind jedoch nicht frei in seiner Entscheidung, es ist nicht wirklich seine Entscheidung. Deshalb ist es für Paulus und Martin Luther extrem wichtig gewesen, dass sie eine freie Entscheidung trafen, an Jesus zu glauben, darauf zu vertrauen, dass seine Lebenshaltung und seine Sichtweise Gottes richtig ist. Dann sind gelegentliche Fehler und Sünden nicht schlimm, sondern lassen sich wie in einer Familie korrigieren.

Begeisterungswürdige Ziele und Aktionen sind notwendig. Dadurch wird der Mensch gerecht, dadurch erhält das Leben einen Sinn. Aber es funktioniert nur, wenn man die Regeln einigermaßen einhält. Wie ist es aber nun, wenn jemand gegen Regeln dauerhaft verstößt?

Dauernde Regelverstoßer (Sünder) sind ein Problem. Die ganze Gemeinschaft leidet darunter. Wie aber können sie verändert werden? Kain und Abel, Josef und seine Brüder sind alte Beispiele dafür, wie leicht es zu Streitigkeiten kommen kann. Neid, Missgunst, Eifersucht, Kränkungen passieren schnell. Paulus selbst war lange Zeit ein Regelverstoßer, ein massiver Sünder, ohne dass er es selbst wusste. Er war ein fanatischer Pharisäer und verfolgte die Christen als Gotteslästerer. Er änderte sich erst durch sein Damaskuserlebnis, als er seinen Zusammenbruch hatte mit der Vision von Jesus, der ihn fragte: „Saul, Saul, was verfolgst du mich?“  und dadurch, dass seine angeblichen Feinde sich danach um ihn intensiv kümmerten.  Zachäus, der Zöllner, der seinen Reichtum durch Korruption und Betrug errungen hatte, änderte sich dadurch, dass Jesus bei ihm einkehrte, ihn besuchte, mit ihm intensiv redete. Beide Male - sowohl bei Paulus wie auch bei Zachäus - gab es keine Belohnung oder Strafe, sondern eine intensive Begegnung, beide spürten, da hat Jesus oder da haben Christen ein wirkliches Interesse an mir. So wie ein guter Vater oder Mutter sich um sein Kind kümmert.

Wie ist das nun heute? Dazu zwei Beispiele - eins aus meinem Freundeskreis, eins aus der Schule:

Ein Freund von mir hat oder hatte ein Problem. Er trank bis vor kurzem jeden Abend ungefähr zwei Liter Bier. Seine Frau hatte mir davon erzählt. Sie machte sich Sorgen. Häufig nörgelte sie deswegen mit meinem Freund. Er ließ sich jedoch nichts sagen, sondern trank heimlich oder offen weiter. Wenn sie nörgelte, fühlte er sich noch schlechter und musste mehr trinken.


Vor einigen Tagen kam mein Freund zu mir und sagte: „Du, Johannes, ich habe ein Problem!“ Ich war gespannt, ob er seinen Alkoholkomsum ansprechen würde. Er tat das nicht, sondern sagte: „Ich habe Schlafstörungen. Du hast doch Ahnung  von so was. Was kann ich da tun?“ Ich fragte ihn, wie diese Schlafstörungen aussehen würden. Er sagte: „Ich wache immer so gegen 2 Uhr nachts auf, und dann kann ich nicht wieder einschlafen. Manchmal stehe ich dann um 4 Uhr auf und setze mich wütend vor den PC.“ Ich erwiderte: „Vielleicht ist dieses Wachwerden nachts um 2 Uhr eine Art, wie Gott zu dir redet. Versuch doch mal, das so zu sehen. Vielleicht will Gott, dass du mal Zeit hast, um über dein Leben nachzudenken. Und deswegen kommt er jede Nacht zu dir und weckt dich auf aus deinem Trott.“

Mein Freund sah mich verblüfft an und sagte erst mal gar nichts. Dann wechselte er das Thema.

Gestern besuchte er mich freudestrahlend. „Ich habe es ausprobiert, meine Schlaflosigkeit so zu sehen. Zuerst war ich ganz erschrocken. Es war mir peinlich.“

Ich fragte: „Konntest du dir Gott nicht vorstellen?“ - „Doch“, erwiderte er, „das ging erstaunlicherweise sehr gut. Ich hatte echt das Gefühl, dass Gott mich geweckt hat und dass er bei mir im Schlafzimmer war. Aber mir war peinlich, dass er ganz genau wusste, dass ich jeden Abend so viel Bier trinke. Ich spürte dabei selbst: das ist nicht in Ordnung, aber ich merkte, dass Gott mich nicht bedrängte. Er ließ mir die Freiheit, mich selbst zu entscheiden. Ich habe mich dann entschieden, auszuprobieren, ob ich weniger trinken kann.“ - Ich fragte zurück: „Und, hat das funktioniert?“ - „Ja,“ sagte er, „sogar sehr gut, ich fühlte mich von Gott ertappt, aber auch geehrt, dass er zu mir kam - und jetzt fühle ich mich so stark, dass ich mein Alkoholproblem beherrschen kann. Und ich hatte hinterher einen wunderbaren Traum, so wach habe ich noch nie geträumt. Das war super!“ - Ich bin ein bisschen skeptisch, ob das wirklich vorhält, aber ich bin wirklich gespannt, wie das mit meinem Freund weitergeht.

Zweites Beispiel:

Die Lehrerin des neunjährigen Boris wollte diesen auf eine Sonderschule für Verhaltensgestörte verweisen, weil er außer Kontrolle geraten war. Er hatte Wutausbrüche in der Klasse gehabt, mit Stühlen und Tischen geworfen und die Lehrerin bedroht. Wenn sie Boris bestrafte, dann wurden seine Wutanfälle noch heftiger. Von seiner Intelligenz her war Boris seinem Alter voraus und bekam gute Zensuren, auch war er in der Klasse durchaus beliebt. Er war vom Neurologen untersucht worden, es gab keine Auffälligkeiten. Auch zu Hause hatte Boris leicht Wutanfälle, wenn seine Wünsche nicht sofort erfüllt wurden.

Der drohende Schulwechsel brachte die Eltern dazu, eine Beratungsstelle aufzusuchen. Sie waren bereit, alles zu tun, um den Schulverweis abzuwenden. Der psychologische Berater entwickelte mit den Eltern folgenden Aktionsplan: Die Mutter sollte sich bereiterklären, Boris jedesmal sofort aus der Schule abzuholen, wenn die Lehrerin sie anrief. Zu diesem Zweck statteten die Eltern die Lehrerin mit einem Handy aus. Ein weiterer Teil der Absprache war, dass jedes Mal, wenn Boris nach Hause geschickt war, ihn der Vater am folgenden Tag mit zur Arbeit nehmen würde. Er sollte dann seinen Sohn weder zu etwas einladen noch ihn irgendwie bestrafen, sondern ihn nur auf alle Geschäftsgänge und Reisen mitnehmen, die sein Arbeitstag erforderte. Für einen kleinen Teil des Tages sollte der Vater Boris mit einfachen beruflichen Tätigkeiten beschäftigen. Der Plan ließ die Lehrerin, den Schulleiter und auch die Eltern zunächst die Stirn runzeln. Sie dachten, die mit dem Vater verbrachte Zeit könnte eine Art Belohnung für die Wutausbrüche bedeuten. Der Psychologe erklärte ihnen, dass das Ziel dieses Planes weder eine Belohnung noch eine Bestrafung sei, sondern ein Mittel, um die Verbindung zwischen dem Jungen und seinen Eltern zu stärken, also um die Elternpräsenz zu vergrößern; so würden die Eltern auch die Autorität der Lehrerin unterstreichen. Der Psychologe erklärte den Eltern: „Ihr unterstützt durch euer Handeln die Lehrerin. Die Lehrerin wird größer werden, weil sie auf Ihren Schultern stehen wird. Und weil Sie als Eltern sich mehr für die Schule engagieren und interessieren, empfindet Boris, dass Sie mehr an ihm interessiert sind. Ihr Gesichtsfeld als Eltern wird größer, weil Sie auch mit den Augen der Lehrerin sehen werden.“

In einem Zeitraum von sechs Wochen verbrachte Boris dreimal einen Tag mit seinem Vater bei der Arbeit. Zuerst fand er diese Art von Konsequenz spannend, aber bald merkte er, dass ein Arbeitstag lang und oft auch langweilig war. Manchmal schlief er auf der väterlichen Arbeitsstelle auf einem Stuhl ein. Obgleich das Konzept des Psychologen deutlich von dem normalen Konzept von Belohnung und Strafe abwich, hörten die Ausbrüche in der Schule völlig auf, und Boris’ Mitarbeit im Unterricht verbesserte sich auch. Die Zusammenarbeit von Eltern und Lehrerin erwies sich als höchst wirkungsvoll. Die Absicht des Schulwechsels auf die Sonderschule für Verhaltensgestörte konnte fallengelassen werden.

Hier anhand dieser tatsächlich geschehenen Heilung eines Wüterichs und der hoffentlich dauerhaften Änderung meines Freundes können wir unseren Bibeltext besser verstehen. Boris merkt, er wird nicht richtig bestraft, wenn er sich falsch verhält, und er wird auch nicht wirklich belohnt wenn er sich gut verhält, sondern die Eltern zeigen ihm, du bist uns wichtig, deshalb kümmern wir uns um dich, und du sollst dich selbst entscheiden. Wir respektieren dich, aber wir legen Wert, dass die Regeln eingehalten werden. Wir lieben dich nicht deshalb, weil du die Regeln einhältst, sondern wir lieben dich überhaupt, und deshalb helfen wir dir, die Regeln einzuhalten. Boris lernt so neu, seine Eltern und seine Lehrerin zu achten; auch mein Freund spürte: ich bin ein wertvoller Mensch, weil ich erfahren habe: Gott kümmert sich um mich und hilft mir, besser zu leben. So haben auch Paulus und Zachäus den Glauben an Jesus erst durch ihre Erlebnisse gelernt. Aber jetzt wird es klar: nicht das richtige Verhalten ist entscheidend, sondern eine gute Beziehung zu Gott, oder im Fall von Boris zu den Eltern und der Lehrerin.  Bestrafung führt zu einer Verminderung des Selbstbewusstseins, und das falsche Verhalten wird oft noch schlimmer. Gute Beziehungen - zu Gott oder zu wichtigen Menschen - können dagegen die Wende einleiten.

Dann fühlen sich die Menschen gerechtfertigt. Paulus formuliert es sehr jubilierend: jetzt lebe nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Boris könnte es vielleicht so sagen: mein besseres Ich ist jetzt zum Zug gekommen, ich bin ja ein wertvoller Mensch. Und das ist gut so. Paulus sagt es so: Christus hat mich unwahrscheinlich geliebt, er ist für mich gestorben, er hat bis zum Tod diesen neuen Gottesglauben aus Überzeugung vertreten, damit wir ebenfalls einen solchen Gottesglauben finden können. Boris könnte sagen: meine Eltern und meine Lehrerin haben sich hundertprozentig um mich gekümmert, dadurch weiß ich, dass ich geliebt bin, deshalb werfe ich das jetzt nicht wieder weg.
Interesse am anderen, das ist die christliche Botschaft - Gott hat Interesse an uns, wir haben Interesse am Mitmenschen, im Kleinen und im Großen. Amen.

Ein General spürt Gefühle - und moderne Menschen entdecken Schafsläuse - Predigt am 3.Sonntag nach Epiphanias 22.1.06

2.Könige 5,9-15.19a: Naaman kam mit Rossen und Wagen und hielt vor der Tür am Hause Elisas. Da sandte Elisa einen Boten zu ihm und ließ ihm sagen: „Geh hin und wasche dich siebenmal im Jordan, so wird dein Fleisch wieder heil und du wirst rein werden." Da wurde Naaman zornig und zog weg und sprach: „Ich meinte, er selbst sollte zu mir herauskommen und hertreten und den Namen des Herrn, seines Gottes, anrufen und seine Hand hin zum Heiligtum erheben und mich so von dem Aussatz befreien. Sind nicht die Flüsse von Damaskus, Abana und Parpar, besser als alle Wasser in Israel, so dass ich mich in ihnen waschen und rein werden könnte?" Und er wandte sich und zog weg im Zorn. Da machten sich seine Diener an ihn heran, redeten mit ihm und sprachen: „Lieber Vater, wenn dir der Prophet etwas Großes geboten hätte, hättest du es nicht getan? Wieviel mehr, wenn er zu dir sagt: Wasche dich, so wirst du rein!" Da stieg er ab und tauchte unter im Jordan siebenmal, wie der Mann Gottes geboten hatte. Und sein Fleisch wurde wieder heil wie das Fleisch eines jungen Knaben, und er wurde rein. Und er kehrte zurück zu dem Mann Gottes mit allen seinen Leuten. Und als er hinkam, trat er vor ihn und sprach: „Siehe, nun weiß ich, dass kein Gott ist in allen Landen, außer in Israel; so nimm nun eine Segensgabe von deinem Knecht." Elisa sprach zu ihm: „Zieh hin mit Frieden!"

Liebe Gemeinde!

An diesem Text können wir sehen, wie die ursprüngliche Bibel eine ganze Menge Humor hatte. Ein hoher syrischer Befehlshaber ist krank, ist sogar äußerst unangenehm krank. Der Syrer ist ein Feind, der mehrere Feldzüge gegen Israel gewonnen hatte. Und nun leidet er an Aussatz, das ist ein Sammelbegriff für alle möglichen Hautkrankheiten, auf jeden Fall äußerst peinlich für einen militärischen Befehlshaber. Es kommt noch viel besser. Am Anfang des 5.Kapitels sind es zwei Frauen, die klüger sind als die Männer und die den richtigen Gesundheitstipp haben. Genauer gesagt: Zunächst ist es ausgerechnet eine jüdische Sklavin, die weiß, dass es einen sehr klugen und mächtigen Propheten in Israel gibt, der bestimmt den kranken Befehlshaber heilen kann, wenn er es denn will - oder genauer: wenn es denn der Wille seines Gottes ist. Sie gibt dem Feind diesen Gesundheitstipp. Das ist schon sehr ungewöhnlich. Und der Prophet heilt auch noch diesen Feind. Er will auch keine Bezahlung dafür, obwohl der zentnerweise Silber mit sich nimmt. Und er schickt ihn mit dem Friedenswunsch nach Hause. So geht jüdischer Humor, schon in ganz uralten Geschichten. So baut man sich Selbstbewusstsein auf, wenn man sonst nichts zu lachen hat.

Was wissen wir von diesem Naamann? Er ist ein syrischer Befehlshaber, er hat Kontakt zum König; ist gewohnt zu befehlen und seinen Vorgesetzten zu gehorchen, deren Befehle umzusetzen. Er ist leicht zornig und impulsiv, wenn es nicht nach seinen Erwartungen verläuft. Er scheint ein Energiebündel zu sein. Auf der anderen Seite hat er auch einen guten Kontakt zu seinen Dienern. Sie trauen sich, ihm zu widersprechen. Sie scheinen zu wissen, dass er das nicht krumm nimmt. Als Militär hat er gelernt, Gefühle zu unterdrücken, um vor allem Erfolg zu haben. Deshalb achtet er auch nicht auf die Signale seines Körpers. Und er weiß: Geld hilft. Viel Geld hilft noch mehr. Es muss militärisch kurz und knapp gehen. Das bedeutet viel Stress, Stress für Erfolg, Karriere und Reichtum. Er muss immer funktionieren, Impulse geben. Immer nur geben, immer aktiv sein. Es fehlt die empfangende Seite, das Passive, das Geschehenlassen.

Der Mann wird geheilt. Der Prophet Elisa erteilt ihm eine seltsame Lektion. Er muss dazu vom hohen Ross herabsteigen, muss Demut lernen, muss hinabtauchen in die Wasser der feindlichen Erde, ins Wasser Israels. Er muss symbolisch dem Tod ins Auge schauen, und er kann das neue Leben als Wiedergeburt begreifen, als neue Chance. Siebenmal muss er das tun. So muss er lernen, dass die fremde Kultur, die fremde Religion, die fremde Medizin etwas hat, was die heimatliche, die vertraute Kultur, Religion und Medizin nicht hat. Etwas, das ihm hilft. Ihm, dem Energiebündel, wird zugemutet, einzutauchen in die fremde Erde, Kultur, Medizin, mit Haut und Haar. Er muss das Wasser richtig spüren, muss wieder Kind werden, in den Mutterleib der Erde eintreten, das Licht der Welt neu erblicken. Er lässt etwas mit sich geschehen, er wartet ab, was passiert. Und dieses passive Abwartenkönnen, das bedeutet für ihn die Heilung. Jüdischer Humor in der Bibel.

Aber was heißt das für uns heute? Ich denke, solche „Taucherlebnisse" brauchen auch wir modernen Menschen. Wir vielfach stressgeplagten unter großem Druck stehenden Menschen. Das sind wir nicht nur als Manager oder Chefs, sondern häufig fühlen sich sogar Großmütter unter dem Stress, für ihre Kinder und Enkel etwas Besonderes bieten zu müssen. Da brauchen wir etwas zum Entspannen: Zum Beispiel können wir das beim autogenen Training oder beim Meditieren erleben. Da lässt du einfach deine Gefühle aus dir aufsteigen. Du wirst ruhig und kannst ihnen nachspüren. Oder beim Meditieren, wenn du die Augen schließt und um deine Mitte kreist. Oder wenn du einfach nur spazierengehst und die Natur auf dich wirken lässt. Das sind Dinge, die in anderen Religionen sehr wichtig sind, und die uns erfolgsorientierten Christen vielfach fehlen.

Zugleich ist es für uns modernen westlichen Menschen auch sehr heilsam, zu lernen, dass manchmal für uns völlig ungewohnte medizinische Maßnahmen erfolgreich sein können. Akupunktur war lange Zeit als sehr fremdartig belächelt worden, mittlerweile bezahlen das die meisten Krankenkassen. Aber auch alte ostfriesische Hausmittel sind vielfach in Vergessenheit geraten und beweisen doch ihre Wirksamkeit, zum Beispiel lebende Schafsläuse bei Leberzirrhose oder Leberkrebs. Ja, liebe Gemeinde, Ihr habt richtig gehört, diese lebendigen Läuse von Schafen, die muss man schlucken, wenn es helfen soll, und es hilft in sehr vielen Fällen wirklich. Da geht es uns zunächst so wie dem alten syrischen Heerführer Naamann, davon wollen wir nichts wissen, so was Seltsames, Einfaches - das soll wirken? Erstaunliche Dinge gibt es zwischen Himmel und Erde.

Was uns allen immer mal wieder gut tut, auch wenn es nicht leicht ist - anzuhalten und schauen: führe ich mein Leben richtig, ist es so in Ordnung? Was sagt mein Körper dazu, meine Haut? Habe ich zu viel Stress oder vielleicht umgekehrt: zu wenig Herausforderungen?

Tauchen auch wir deshalb im Geist unter in das Wasser des Gottes, der Ja zu uns sagt, spüren wir, wie er uns umspült, unsere Haut und Haare. Spüren wir, dass wir für das Leben, das vor uns liegt, im Sinne dieses Gottes leben können: liebevoll auf andere Menschen zugehen - in unserer Familie, aber auch darüber hinaus - ja sogar über die Grenzen des Volkes hinaus.

Diese Geschichte vom Syrer Naamann ist auch eine sehr frühe Geschichte, wie durch seltsame und humoristische Verwicklungen ganz unterschiedliche Menschen aus verfeindeten Völkern zueinander finden, einander helfen und beistehen.

So soll es sein. So wird es sein. Amen.

"Frauenrollen" - Predigt vom 6.2.05

Lukas 10,38-42 Als sie aber weiterzogen, kam Jesus in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: „Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll!" Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: „Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden."

Liebe Gemeinde!

„Frauen gehören in die Küche!", so war früher die weitverbreitete Meinung. Oder: „Ein Mädchen muss nicht auf die höhere Schule, ein Mädchen muss nicht studieren, eine Frau muss ja später für die Kinder und die Familie sorgen." Auch diese Worte kenne ich noch aus meiner Jugend.

Wie anders verhält sich Jesus in dieser kurzen Geschichte! Er gibt einer Frau das Recht, sich aus der Küche und aus dem Haushalt zu entfernen. Maria darf und soll sich mit dem guten Teil beschäftigen dürfen, mit der Lehre von Jesus, mit seiner frohen Botschaft. Ja, Jesus scheint zu merken, dass auch ihm das gut tut, das da eine Frau ist, die zuhört, die Fragen stellt. Dadurch wird ihm selber auch vieles klarer. - Jesus erkennt auf der anderen Seite durchaus an, dass Hausarbeit wichtig ist. „Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe." Er sieht das und würdigt das, und doch sagt er: „Das ist nicht alles. Im Leben gibt es neben der Sorge und Mühe, neben der täglichen Plackerei etwas, was für die Seele wichtig und notwendig ist. Eins aber ist not, eins ist notwendig: Nimm dir Zeit für Gott, spüre es, dass Gott da ist für dich." Maria hatte das Glück, dass Jesus zu ihr ins Haus kam. Sie merkte: dieser Mann Jesus hat etwas Besonderes an sich, dieser Jesus hat den Kontakt zu Gott, er kann mir helfen, auch diesen Kontakt zu Gott zu finden.


Illustration: Wienke Treblin

Vielleicht war Maria mit der täglichen Hausarbeit unterfordert. Manche Menschen sind eher geistig interessiert, und wenn ihr Geist dann zu wenig gefordert ist, dann werden diese Menschen depressiv. Vielleicht war das bei Maria so. Und nun kam einer und nahm sie als Frau mit geistigen Fähigkeiten wahr, sprach mit ihr über Gott und die Welt, und Maria merkte: das ist es, was ich brauche, davon war sie fasziniert.

Marta, die andere, dagegen hatte ihr ganzes Augenmerk ausschließlich auf die Arbeit gelegt, und da hatte sie zunächst überhaupt kein Verständnis für ihre Schwester. Marta war zu sehr in ihrer Rolle drin als Versorgerin, so sehr, dass sie beinahe dafür gesorgt hätte, dass Maria die Chance verpasste, durch Jesus einen entscheidenden Schritt im Leben voranzukommen. Marta hat Angst vor Veränderungen. Eine solche Angst ist ja erst einmal berechtigt, doch manchmal verändert es sich auch dann, wenn man alles beim Alten lässt; und das kann dann richtig schlimm werden, zum Beispiel dass Maria dauerhaft depressiv geworden wäre.

Wir alle haben im Leben unsere Rollen. In der Familie hat der Vater bestimmte Aufgaben und die Mutter wieder andere. Das ist zunächst auch einmal gut so, damit es funktioniert. Wenn man sich so sehr an diese täglich und jahreszeitlich wiederkehrenden Aufgaben gewöhnt hat, dass man voll darin aufgeht, dann hat man oder frau die Rolle verinnerlicht. - Manchmal - nur sehr selten - gibt es im Leben die Chance, einen entscheidenden Schritt voranzukommen. Und wer zu sehr in seiner Rolle feststeckt - wie Marta -, der übersieht diese Chance für sich und - was noch schlimmer ist - manchmal sorgt er durch sein bestimmendes Verhalten dafür, dass auch andere diese Chance nicht wahrnehmen können, weil sie diesen anderen so auf seine Rolle festnageln.

Diese Lebenschancen sind nicht nur religiöser Natur wie bei Maria, als sie Jesus begegnete, es können auch ganz weltliche Chancen sein. Ein Familienvater z.B. bekommt einen guten Job angeboten, aber dieser Job ist weiter weg. Was soll er tun? Sagt die Frau bestimmend: „Ich geh hier nicht weg!" Und damit meint sie - ohne es offen zu sagen: „Du sollst hier in deiner Rolle bleiben." Die Frau hat Angst vor den vielen Veränderungen, die dann auf sie zukommen würden. Aber: Veränderungen kommen auch sonst - und es sind nicht immer gute Veränderungen. Und wenn sich eine gute Chance bietet, dann sollte man - oder in diesem Falle die Frau - nicht einfach sagen: Nein!

Maria dagegen hat die Chance genutzt, die sich ihr darbot. Jesus Nähe hat ihr die Angst genommen, sich zu verändern. Und Jesus hat sie dann noch zusätzlich in Schutz genommen und unterstützt. Das war gut für Maria. Damit muss die bestimmende Marta erst einmal fertig werden. Das ist gar nicht so leicht, wenn die kleine Schwester plötzlich eine eigene Persönlichkeit wird und einen eigenen Willen entwickelt. Marta muss möglicherweise den ganzen Haushalt umorganisieren, wenn Maria jetzt anfängt sich intensiver mit etwas zu beschäftigen, was anders ist als vorher.

Das macht Angst, das macht Mühe, das kostet oft viel Zeit und Energie; da wehren wir uns doch erst einmal dagegen. Deshalb können wir uns oft gar nicht so richtig freuen, wenn der Partner, die Partnerin eine solche Chance bekommt. Aber es gibt ein gutes Mittel gegen die Angst vor Veränderungen.

Dieses Mittel hat Maria gefunden, nämlich: das Vertrauen, dass Gott bei uns ist, egal, was geschieht. Die Nähe von Jesus gab Maria den Mut, aus ihrer Rolle herauszugehen, auch wenn die große Schwester Marta dann sich beschweren würde. Diese Nähe Gottes gibt auch anderen Menschen Mut, Außergewöhnliches zu tun: Mut, Chancen zu ergreifen, aber auch den Mut, anderen zu widersprechen, zum Beispiel am Stammtisch nicht in die allzu einfachen Vorurteile mit einzustimmen, sondern genauer zu unterscheiden.

Dieses Horchen auf Gott, das können wir ganz einfach haben, indem wir uns Zeit nehmen: Zeit zum Beten, Zeit zum Besinnen. Zeit zum Gottesdienst, Zeit zum Hören, Zeit zum Fragen, Zeit um sich Gedanken zu machen und Gedanken auszutauschen. Dann erfahren wir etwas von dem, was not tut, was gut ist für die Seele. Das wünsche ich uns, euch und mir. Amen.

"Drachenkampf" - Silberne Konfirmation am 26.9.04

Offenbarung 12,7-10: Und es entbrannte ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen. Und der Drache kämpfte und seine Engel, und sie siegten nicht, und ihre Stätte wurde nicht mehr gefunden im Himmel. Und es wurde hinausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt, und er wurde auf die Erde geworfen, und seine Engel wurden mit ihm dahin geworfen. Und ich hörte eine große Stimme, die sprach im Himmel: „Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes geworden, und die Macht seines Christus."

Vor 25 Jahren schrieben wir das Jahr 1979. – Jetzt sind wir schon 25 Jahre weiter, 25 Jahre, das ist eine Generation. Von manchem, der im Jahr 1979 konfirmiert wurde, wurde in diesem Jahr das erste oder zweite Kind konfirmiert. 2004. Da hat sich vieles geändert. Und über solche Veränderungen handelt auch der Predigttext. Der Prophet Johannes sieht in einer Vision, wie solche Veränderungen vor sich gehen. Bevor es zu einer Veränderung auf der Erde kommt, geht ein Kampf im Himmel voraus. Ein Kampf zwischen den guten Engeln und den bösen Engeln. Die Bibel schildert das so: Und es entbrannte ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen. Und der Drache kämpfte und seine Engel, und sie siegten nicht, und ihre Stätte wurde nicht mehr gefunden im Himmel. Und es wurde hinausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt, und er wurde auf die Erde geworfen, und seine Engel wurden mit ihm dahin geworfen. Interessant dabei ist, dass offensichtlich die bösen Engel zunächst Teil des Himmels sind und erst ab einem bestimmten Zeitpunkt als Drachen bezeichnet werden, nämlich weil sie sich gegen die Veränderung sperren.

Der Kampf beginnt zunächst also im Himmel. Was heißt das? Was ist damit gemeint? Himmel, das ist der Bereich des Göttlichen, des Schicksalhaften, das heißt: da geht es um Glaubensüberzeugungen, um tiefgehende Wahrheiten, um Gebote, die schon den Vorvätern und –müttern überaus wichtig waren.

Zur Zeit der ersten Christen im alten Rom, da war für viele Menschen in Rom die Glaubensüberzeugung, dass die Römer etwas Besonderes sind, ein besonderes Volk, das dazu ausersehen ist, für Frieden und Wohlstand zu sorgen, allerdings, wurde der Friede garantiert durch eine harte militärische Unterdrückung aller anderen Völker, und der Wohlstand beruhte auf der Ausbeutung der anderen Länder und der Versklavung vieler Menschen. Die frühen Christen dagegen vertraten eine andere Sichtweise: Alle Menschen sind Brüder und Schwestern, d.h. alle Völker sind gleichwertig, weder die Römer noch die Griechen noch die Juden sind von vornherein etwas Besonderes; in ihren Gemeinden gab es deshalb gleichberechtigt Herren und Sklaven, Männer und Frauen aus unterschiedlichen Ländern. Und die Christen sahen in der Verehrung des Reichtums eine ganz große Gefahr – ebenso in der militärischen Unterdrückung, sie wollten einen anderen Frieden, nämlich einen Frieden, der auf Versöhnung beruhte. Diese unterschiedlichen Sichtweisen prallten aufeinander, bei den Philosophen wurde darüber diskutiert, und weil hier höchst brisante Fragen gestellt wurden, haben manche Menschen das als einen Kampf im Himmel empfunden und solche Visionen gehabt wie der Prophet Johannes.

Der Erzengel Michael vertrat in diesen Visionen die Position der Christen, z.B. dass alle Menschen gleichwertig und geliebte Geschöpfe Gottes sind, und der Drache vertrat die Gegenposition, dass es ein besonderes erwähltes Volk geben musste. Und auf der Ebene der Ideen, der tiefgreifenden Gefühle fand dieser Kampf bei vielen religiös und philosophisch interessierten Menschen statt, und bei etlichen siegte der Erzengel Michael, und diese Menschen wurden dann Anhänger der christlichen Religion, und sie waren dann leidensbereit und bereit, für diese Überzeugung einzustehen. Dann verlagert sich der Kampf vom Himmel auf die Erde, dann geht es zwischen den Menschen weiter, und da sind die bösen Kräfte oftmals zumindest am Anfang sehr, sehr stark.

So könnte das gewesen sein, damals vor 1900 Jahren. Aber wenn wir das so sinnbildlich und symbolisch verstehen, dann erkennen wir, dass es immer wieder solche Kämpfe gibt. Auch in unserer Zeit. Dazu möchte ich ein Beispiel geben, das 1979 eine große Rolle spielte.

1979, im Jahr, als Sie konfirmiert wurden, da gab es die großen Bauernproteste in Gorleben: Die Landbevölkerung wehrt sich mit Traktorabsperrungen gegen die geplante Wiederaufbereitungsanlage für Atommüll. Ihrem Zug nach Hannover schließen sich Zehntausende an. Die niedersächsische CDU-Landesregierung weigert sich daraufhin, dem Bau zuzustimmen, weil dies gegen die Bevölkerung nicht durchzusetzen sei. Bundeskanzler Schmidt will aber an der Atomenergie festhalten. An diesem Beispiel können wir sehen, dass sich auch hier bei vielen Menschen zunächst ein Kampf auf der Ebene des Himmels abgespielt haben muss. Die Bauern in Gorleben und Umgebung ließen sich nicht bestechen durch alle möglichen Angebote der Politik: „Dies alles wollen wir euch geben – tolle Infrastruktur, Schwimmbäder, große Subventionen – wenn ihr uns in die großartige Atomenergiewirtschaft marschieren lasst." Auch hier wurden bei vielen Menschen grundsätzliche Glaubensfragen angerührt: Wollen wir weiter auf den Ausbau der Atomenergie vertrauen, wollen wir unsere Erde Zehntausende von Jahren einer Strahlengefahr aussetzen, was wird dann aus unseren Kindern – oder können wir uns eine andere Energiegewinnung vorstellen, die im Einklang steht mit den Gesetzen der Schöpfung? Bei vielen gab es in ihrem Inneren einen Kampf zwischen Michael und dem Drachen, und bei vielen wurde der Drachen aus dem Himmel geworfen, auf die Erde, denn auf der Erde ging der Kampf weiter, und geht es teilweise noch heute weiter, denn es stehen oftmals mächtige Wirtschaftsinteressen dahinter. 25 Jahre sind da keine lange Zeit. Und gefragt und notwendig sind Menschen, die bereit sind, für ihre Überzeugungen mutig einzustehen. Wer in seiner Seele den Kampf ausgefochten hat, der hat die Grundlage dafür. Wer sich dem Drachenkampf zwischen Michael und dem Drachen aussetzt, der hilft der Welt einen Schritt weiter.

Manchmal weiß man nicht von vornherein, wer den Kampf gewinnt, manchmal ist auch nicht von vornherein klar, wer Michael und wer der Drache ist. Aber wir brauchen Menschen, die sich diesem Kampf aussetzen, weil wir viele Probleme und Fragen haben, die darauf warten, dass Menschen mit überzeugenden Lösungen auftreten und die anderen mitreißen und führen können. Wie sollen wir sinnvoll mit den unterschiedlichen islamischen Ländern umgehen? Irak, Iran, Türkei usw.

Oder: Wie können wir die Probleme lösen, die bei uns entstanden sind, weil viele keine oder zu wenig Kinder haben, und gleichzeitig werden alle älter, und dazu haben wir eine viel zu hohe Arbeitslosigkeit...

Da muss man sich dem Drachenkampf aussetzen – da braucht es Veränderungen, da braucht es glaubensmutige Streiter für neue Wege.

Immer wieder brauchen wir diese mutmachende Stimme, die uns sagt: „Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes geworden, und die Macht seines Christus." Solche Kraftquellen wünsche ich Ihnen und uns für unsere Zukunft. Amen.

Liebe und Tod - die Zauberflöte und das Wachstum der Liebe - Trauansprache 21.4.04

Trauspruch: Stark wie der Tod ist die Liebe, und Leidenschaft ist unwiderstehlich wie das Totenreich. Hoheslied Salomos 8,6b.

Liebe Astrid, lieber Marcus!

Dieser Trauspruch hat es in sich, Ihr beide, Asti und Marcus, habt mir damit eine ganz schöne Herausforderung gestellt, aber ich mag so etwas... Zunächst also enthält der Trauspruch eine genaue Beobachtung: Starke Liebe erschüttert uns Menschen genauso wie der Tod eines Menschen. Deswegen sind wir stark berührt von einer Hochzeit – warum uns eine echte Liebe so erschüttert, liegt daran, dass diese Liebe bereit macht, große Opfer zu bringen. Klugen Frauen war schon in früherer Zeit bewusst, dass Liebe auf der einen Seite etwas Wunderbares sein konnte, aber auf der anderen Seite auch das Risiko des Todes in sich barg – eine Schwangerschaft und Geburt war auf der einen Seite etwas Erfüllendes, aber auch eine große Gefahr – die Sterblichkeit bei einer Geburt war hoch – und so bedurfte es auf Seiten der Frau einer leidenschaftlichen und starken Emotion, nämlich der Liebe, um die Vereinigung mit einem Partner zu wollen.

Sehr modern redet das Hohelied von der Liebe. Das Moderne ist die persönliche Beziehung der Partner zueinander – nicht die Eltern verheiraten die Kinder – wie es früher häufig der Fall war, in den Königshäusern war das bis in die jüngste Vergangenheit oftmals so üblich. Und diese persönliche Liebe ist unwiderstehlich, ist bereit, große Opfer zu bringen und Grenzen zu überschreiten, wie zum Beispiel bei Romeo und Julia. In einem großen Liebespaar in der Bibel wird ebenfalls ein Opfer beschrieben: Jakob arbeitet zweimal sieben Jahre für seine geliebte Rahel, Jakob bringt dieses Opfer dar, er nimmt diese Wartezeit auf sich, weil er Rahel liebt, und Rahel erkennt in diesem Opfer die Liebe von Jakob – auf gleichnishafte Weise wird Gottes Liebe zu uns Menschen in der Bibel dargestellt: Gott liebt uns Menschen so sehr, dass er uns liebt, obwohl diese Menschheit ihn in Gestalt seines Sohnes Jesus getötet hat. Ja, er ist bereit, sich dieser Menschheit immer wieder neu auf diese gewaltlos-liebevolle Weise zu nähern und zu zeigen – und vielleicht kommt der Tag, dass die Menschheit diese Liebe erwidert.

Ihr beide, Asti und Marcus, habt starke Liebe zunächst als Liebe Eurer Eltern erlebt. Liebe, die Belastungen standhielt, Liebe die stark war. Dann habt Ihr Liebe aus dem Kreis der weiteren Familie und des Freundeskreises erfahren, ein starkes Netzwerk war das – und doch ist es etwas ganz Besonderes, wenn Ihr beide Euch jetzt das Ja-Wort mit bewusst deutlichen Worten geben wollt, Ihr wollt Euch gegenseitig versichern, dass Eure Liebe bis in alle Ewigkeit gehen wird, sie soll stärker sein als der Tod.

Aber wie kann solche starke Liebe zwischen zwei jungen Menschen wachsen? Worte dafür zu finden, wie es bei Euch war und ist, finde ich in einem großen Musikkunstwerk, einer Kunst, die uns alle verbindet. Am schönsten wird dieser Wachstumsprozess der Liebe – finde ich – in der Mozart-Oper „Die Zauberflöte" geschildert und besungen. Wenn Ihr dabei Züge und Einzelheiten Eures Lebens entdeckt, um so besser, aber ich werde keine Einzelheiten verraten. Also jetzt rede ich von der Zauberflöte: Dort hat der große Sarastro das Mädchen Pamina entführt, und Pamina ist in den Hallen des Sarastro den Zudringlichkeiten des bösen Mohren Monostatos ausgeliefert. Wenn wir diesen Vorgang symbolisch verstehen, dann ist Pamina in eine von Männern beherrschte Welt entführt worden, und ihre Mutter, die Königin der Nacht, hat große Angst davor, dass Pamina daran zugrunde geht. Ja, sie sieht diese Gefahren, und ist wütend und voller Rachegefühle gegenüber dieser Männerwelt. Eine durchaus moderne Situation: ein junges Mädchen muss versuchen, allein klar zu kommen, die Mutter kann sie nicht ständig schützen und bewahren, denn sonst würde sie dem Mädchen die notwendige Freiheit nehmen. Aber innerlich würde sie am liebsten eingreifen, um ihr Mädchen zu retten.

Die Königin der Nacht darf es ebenfalls nicht eigenhändig tun, deshalb wählt sie Tamino als Befreier der Tochter aus, sie schenkt ihm als Hilfsmittel auf dem schweren Weg die Zauberflöte. Bevor es zur Vereinigung der Liebenden kommen kann, müssen alle beide schwere Prüfungen bestehen, müssen sogar bereit sein, zu sterben. Hier haben wir es wieder: Liebe und Tod. In vielen älteren Geschichten und Märchen ist der Mann der Handelnde; hier in der Zauberflöte ist es anders, hier sind es beide – Tamino und Pamina –, die einen Reifungsprozess ihrer Liebe durchlaufen müssen. Sie müssen sich in der Welt Sarastros, in der Welt des Männlichen, bewähren, und sie sagen „ja" zu dieser Herausforderung. Tamino muss lernen, zu schweigen, das verlangt die Männerwelt Sarastros; also hält Tamino die Todesankündigungen der drei Botinnen der Königin schweigend aus, er hält die Todesangst aus. So sieht er dem Tod ins Auge und wird dadurch stark; aber er schweigt auch gegenüber Pamina, und Pamina wird dadurch in Einsamkeit und Verzweiflung gestürzt, und auf diese Weise ist sie bereit zu sterben – und gerade so zeigt sie ihre Liebe zu Tamino, und sie wird als würdig anerkannt: „Ein Weib, das Nacht und Tod nicht scheut, ist würdig und wird eingeweiht", singen die Boten Sarastros.

Tamino hatte gelernt, trotz aller Zukunftsängste den Bedrohungen standzuhalten, Männer drücken das häufig durch Schweigen aus; dieses Schweigen empfinden Frauen oft als Verletzung, so wie Pamina in tiefe Depression gestürzt wird. Als ihr klar wird, dass ihr Todeswunsch letztlich ein Zeichen ihrer Liebe ist, da wird ein weiterer Reifungsschritt der Liebenden möglich. Sie müssen jetzt gemeinsam durch Wasser und Feuer gehen, gemeinsam dem Tod ins Auge sehen; Wasser und Feuer sind die Zeichen von Reinigung und Wiedergeburt, wie die Taufe mit Wasser und feurigem Geist, und das können sie jetzt auch bestehen. Reinigung und Wiedergeburt beschreibt symbolisch die gemeinsame größtmögliche innere Offenheit. Ich öffne mich meinem Partner, ich mache mich schutzlos, auch das ist eine Bereitschaft zu sterben, und gleichzeitig bekomme ich dann das Geschenk der Liebe, und das ist eine besonders schöne Form der Wiedergeburt. In den Worten der Zauberflöte „Nun trennet uns kein Schicksal mehr, wenn auch der Tod beschieden wär" sind beide zur Offenheit und zur Liebe ebenso wie zum Tod bereit. Beide stehen in der letzten Wegstrecke der Gefahr als Partner nebeneinander, beide – die Frau und der Mann – sind bereit zu sterben, weil sie bereit sind zu lieben. Im entscheidenden Augenblick, als die höchste Gefahr des Todes durch die Elemente droht, übernimmt Pamina die Führung. Das, was Pamina handeln lässt, ist nicht nur die größere Naturverbundenheit des Weiblichen, das sich bei dem Weg durch Wasser und Feuer besser auskennt als der Mann (Frauen können besser als Männer über Gefühle und persönliche Dinge reden als Männer, aber mehr will ich nicht verraten, deshalb gehe ich zu Pamina zurück), Pamina hat eine größere Nähe zum Liebesprinzip als Tamino. Sie singt: „Ich werd an allen Orten an deiner Seite sein. Ich selber führe dich, die Liebe leite mich." – Die Zauberflöte, das Musikinstrument, die Musik selbst, das Erbe aus dem Reich der Königin der Nacht, wird dabei zur wahren Rettung der Liebenden in der Männerwelt. Diese Zauberflöte ist von Paminas Vater geschaffen worden, von ihrer Mutter dem Tamino gegeben worden, in ihr verbinden sich die geheimnisvollen Kräfte des weiblichen und männlichen Prinzips. „Wir wandeln durch der Töne Macht froh durch des Todes düstre Nacht" – so können die beiden am Ende singen. Sie haben eine Liebe gefunden, die stark ist wie der Tod, ja, die voller Echtheit und Leidenschaft ist, diese Echtheit und Leidenschaft ist durch die Musik darstellbar, und so verlieren der Tod und die Bedrohungen ihre Wirkung.

Solche Liebe ist ein Elexier gegen den Tod im Leben – gegen Mutlosigkeit und Angst, gegen Depression und Verzagtheit. Ihr beide, Asti und Marcus, Ihr habt schon einiges an Prüfungen erlebt, erlitten und bestanden – und so ist eure Liebe gewachsen, möge eure Liebe stark sein wie der Tod und eure Leidenschaft unwiderstehlich sein wie das Totenreich, so dass ihr sagen könnt: „Wir wandeln durch der Töne Macht froh durch des Todes düstre Nacht." Ihr habt mir erzählt, dass Ihr „der Töne Macht" im 2.Satz der 7.Sinfonie von Beethoven gefunden habt. „Wir wandeln durch der Töne Macht froh durch des Todes düstre Nacht." Und ihr saht am Morgen nach solcher Nacht die helle Sonne um so goldener strahlen und könnt Gott danken und befreit mit uns das nächste Lied anstimmen: „Die güldne Sonne voll Freud und Wonne." Amen.